Landeshauptstadt Dresden - www.dresden.de

https://www.dresden.de/de/rathaus/aemter-und-einrichtungen/unternehmen/stadtarchiv/archivalien-des-monats.php 13.08.2026 09:17:35 Uhr 17.08.2026 21:45:44 Uhr

Archivalien des Monats

Jeden Monat stellt das Stadtarchiv Dresden ein besonderes Fundstück aus seinen Beständen vor. Entdecken Sie spannende und überraschende Details der Dresdner Stadtgeschichte.

August 2026

Die Abbildung zeigt Dresdner Schulkinder vor der Zeit des Nationalsozialismus während der Schulspeisung in der „45. Volksschule Reick“ auf der Hülßestraße, um 1930. Im Jahr 1929 eröffnet, galt diese Volksschule mit dazugehörigem Speisesaal als eine der modernsten Schulneubauten.
Die Abbildung zeigt Dresdner Schulkinder vor der Zeit des Nationalsozialismus während der Schulspeisung in der „45. Volksschule Reick“ auf der Hülßestraße, um 1930.

Die Dresdner „Schulkinderspeisung“ während des Nationalsozialismus. Ausgrenzung jüdischer und ausländischer Kinder nach 1933.

Aus heutiger Sicht ist eine gesunde Schulverpflegung ein bedeutender Faktor, der zum Wohlbefinden und zum Lernerfolg führt. In Dresden ermöglicht das „Bildungspaket“ Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen aus armutsgefährdeten Haushalten die Teilnahme an einer gemeinschaftlichen Mittagsverpflegung. Damit wird das Ziel verfolgt, Kindern ab dem Kleinkindalter eine gesundheitsförderliche Mahlzeit am Tag zu garantieren und eine gesellschaftliche Ausgrenzung zu mindern. Die Ernährung, wie, was und wo wir essen, verbindet gesellschaftliche Aspekte. Essen ist ein soziales Totalphänomen (Marcel Mauss), das alle Bereiche des gesellschaftlichen und sozialen Lebens berührt. Eine gemeinsame Mahlzeit einzunehmen, kann sowohl Gemeinschaft als auch Identität schaffen.

Während der Zeit des Nationalsozialismus diente die Ernährung in den Schulen nicht nur der Identitätsbildung, sondern vor allem der Ausgrenzung. Anhand der historischen Aktenbestände des Stadtarchivs kann nachgewiesen werden, wie in Dresden Kinder jüdischer und ausländischer Herkunft systematisch von der städtischen Schulkinderspeisung ausgeschlossen wurden. Wer im Verdacht stand, „nicht-arisch“ zu sein, erhielt ab dem Jahr 1935 kein Schulessen. Ein Jahr zuvor konnte die Schulleitung noch eigenständig entscheiden, ob sie diesen Kindern eine Mahlzeit gab. Der Nationalsozialismus vereinnahmte die Ernährung und damit die Schulverpflegung für seine verachtende Weltanschauung. Das Ziel, jüdische und ausländische Kinder insgesamt aus den öffentlichen Schulen auszuschließen, wurde mit dem „Gesetz gegen die Überfüllung deutscher Schulen und Hochschulen“ vom 25. April 1933 eingeleitet. Danach durften nur fünf Prozent aller Schülerinnen und Schüler „nicht-arischer Herkunft“ sein. Auch wenn zunächst Volksschulen von dieser Maßnahme ausgenommen wurden, war es diesen Kindern untersagt, am Schwimmunterricht teilzunehmen oder bei Schullandheim-Aufenthalten mitzufahren. Inwieweit alle städtischen Schulen in Dresden diesen Regelungen nachkamen oder ob es vereinzelt Handlungsspielräume für die Umgehung dieser gab, bleibt im Einzelfall unklar und bedarf einer weiteren Untersuchung.

Weitere Geschichten aus dem Dresdner Stadtarchiv finden Sie in der Publikation »in civitate nostra Dreseden«: Verborgenes aus dem Stadtarchiv. Zweites Buch, das 2025 erschienen ist. Die limitierte Auflage ist im Shop des Stadtmuseums sowie über das Stadtarchiv Dresden erhältlich. Nähere Informationen zum Buchverkauf unter: www.dresden.de/stadtarchiv

Annemarie Niering

Quelle: Stadtarchiv Dresden, 6.4.40.1 Stadtplanungsamt Bildstelle, Nr. II389, Fotograf/in unbekannt, 1930.

Juli 2026

Eine Tischkarte zum Festbankett
Eine Tischkarte zum Festbankett

1.000 Mark für den Turniersieg und 5.000 Zigaretten für die schönste gespielte Partie. Der Jubiläums-Schachkongress zu Dresden vor 100 Jahren

Vom 16. bis zum 26. Juli 2026 findet der Deutsche Schachgipfel statt, und nicht ohne Grund fiel die Wahl auf Dresden als Austragungsort. Zum einen beging der Dresdner Schachverein erst kürzlich sein 150-jähriges Gründungsjubiläum. Zum anderen wird an den hier 1926 veranstalteten Jubiläums-Schachkongress erinnert.

Als Schachkongresse bezeichnete man früher große Schachveranstaltungen, bei denen mehrere Turniere ausgetragen wurden, üblicherweise parallel und in verschiedenen Leistungsklassen. Während des Jubiläums-Schachkongresses 1926 gab es etwa ein Internationales Meisterturnier, einen Länderwettkampf zwischen Deutschland und Österreich, ein Sächsisches Meisterturnier, ein Haupt- und mehrere Nebenturniere sowie ein Damenturnier.

Den Höhepunkt stellte zweifellos das Internationale Turnier dar, an dem zehn Schachmeister teilnahmen. Gespielt wurde vom 4. bis zum 14. April 1926, jeweils von 9 bis 13 Uhr und von 16 bis 20 Uhr. Nach neun Runden errang schließlich Aaron Nimzowitsch aus Kopenhagen den Turniersieg, der mit 1.000 Mark dotiert war. Für seine Partie gegen den Schweizer Paul F. Johner wurde Nimzowitsch außerdem der 1. Schönheitspreis – 5.000 Zigaretten – zuerkannt.

Am Ostermontag lud der Dresdner Schachverein zum Festbankett mit anschließendem Tanz, welcher bis morgens früh um 3 Uhr andauerte. Eine Tischkarte dieses Festbankettes wird als Archivalie des Monats im Stadtarchiv präsentiert. Der Besitzer der Tischkarte, Dr. Christoph Jobst, leitete unter anderem seit 1924 die Schachspalte des Dresdner Schachvereins im „Dresdner Anzeiger“.

Neben Zeitungsausschnitten ist darüber hinaus die etwa 100 Seiten umfassende Festschrift im Stadtarchiv überliefert, welche Berichte über die Vorbereitungen und den Verlauf des Jubiläums-Schachkongresses sowie über ausgewählte Partien enthält.

Weitere interessante Geschichten erfahren Sie in unserer neuen Publikation »in civitate nostra Dreseden«: Verborgenes aus dem Stadtarchiv, Zweites Buch, die im Januar 2025 erschienen ist. Die limitierte Auflage ist über das Stadtarchiv oder den Museumsshop im Stadtmuseum erhältlich. Weitere Informationen zum Buchverkauf finden Sie unter: www.dresden.de/stadtarchiv.

Claudia Richert

Quelle: 17.4.1 Drucksammlung bis 1945, Nr. 175

Juni 2026

Ein Blick in den Nachlass Dr. Walter Leonhardt. Eine Benutzung des Bestandes mit der Signatur 16.2-142 wird nach Abschluss der Erschließungsarbeiten möglich sein.
Ein Blick in den Nachlass Dr. Walter Leonhardt. Eine Benutzung des Bestandes mit der Signatur 16.2-142 wird nach Abschluss der Erschließungsarbeiten möglich sein.

Aus Dresden in die Welt. Familiennachlass Leonhardt dokumentiert ein Jahrhundert Zeitgeschichte

Im vergangenen Jahr verstarb nach einem außergewöhnlichen Leben Dr. Ulrich Leonhardt im Alter von 87 Jahren. Seit 2022 hatte der Dresdner das Archiv seiner Familie, bestehend aus tausenden von Fotografien und mehr als einhundert damit korrespondierenden Tagebuchbänden, geordnet und schrittweise dem Stadtarchiv zur Bewahrung übergeben. 1937 in Dresden geboren, studierte er ab 1955 in Halle Biologie und Chemie und trat damit in die Fußstapfen seines aus Meißen stammenden Vaters Dr. Walter Leonhardt (1890-1963), der bereits in den 1920er Jahren wissenschaftliche Expeditionen und eigene große Reisen nach Spitzbergen, England, Griechenland, Palästina und Ägypten unternahm, aber auch Orte und Landschaften in Deutschland und Sachsen natur- und landeskundlich dokumentierte.

Die damals entstandenen Fotografien, Reisetagebücher, Vortragsmanuskripte und Zeitungsbeiträge des Vaters faszinierten Ulrich Leonhardt von Kindheit an. Erste eigene Reisen führten den Studenten seit den späten 1950ern jährlich mit Rucksack, Kamera und Notizbuch durch Ungarn, Rumänien und Bulgarien bis ans Schwarze Meer und durch zahlreiche Länder des Ostblocks. Zwischen den größeren Reisen beobachtete auch er detailliert Orte, Menschen, Ereignisse und Naturphänomene im Osten Deutschlands und in seiner Heimatregion Dresden. Dabei interessierten ihn zunehmend auch gesellschaftliche Stimmungen sowie Alternativ- und Subkulturen im eigenen Land, wie etwa die Friedens- und Umweltbewegungen und kirchliche Diskussionskreise, welche u.a. in den bedeutenden Großveranstaltungen der Evangelischen (1983) und Katholischen (1987) Kirchentage in Dresden und schließlich in den Ereignissen der Jahre 1989/90 kulminierten, welche Leonhardt in Budapest, Prag, Dresden, Leipzig und Berlin aus nächster Nähe in bemerkenswerten Fotografien und Tagebuchaufzeichnungen festhielt. Politische Differenzen und persönliche Enttäuschungen hatten ihn bereits in den frühen 1980er Jahren veranlasst, seine Hochschultätigkeit als Pflanzenspezialist in Pillnitz zu verlassen und innerhalb des Systems der DDR ein Leben als ‚Tramp‘ zu führen und sich mit Gelegenheitsarbeiten und einfachsten Mitteln auf ausgedehnte Reisen zu begeben und die Welt aus der Position eines Aussteigers fotografisch und sprachlich zu reflektieren. Die Öffnung der Grenzen erweiterte seine Erfahrungshorizonte um ein Vielfaches. An erster Stelle stand allerdings die Verwirklichung eines Kindheitstraumes: Leonhardt rekonstruierte nach rund 70 Jahren die genauen Reiserouten seines Vaters und suchte etwa in Griechenland, Israel und Ägypten die exakten Kamerastandpunkte auf, um die sich verändernden Orte erneut zu dokumentieren.

Weitere interessante Geschichten erfahren Sie in unserer neuen Publikation »in civitate nostra Dreseden«: Verborgenes aus dem Stadtarchiv, Zweites Buch, die im Januar 2025 erschienen ist. Die limitierte Auflage ist über das Stadtarchiv oder den Museumsshop im Stadtmuseum erhältlich. Weitere Informationen zum Buchverkauf finden Sie unter: www.dresden.de/stadtarchiv.

Dr. Stefan Dornheim

Quelle: 16.2-142 Familiennachlass Leonhardt                                                                                                                                 

Mai 2026

Der Dresdner Blumentag 1913, Kolorierte Ansichtskarte, 31. Mai 1913
Der Dresdner Blumentag 1913, Kolorierte Ansichtskarte, 31. Mai 1913

Spendenaktion zum Blumentag 1913. „Erster Dresdner Kinder-Blumenkorso im Kgl. großen Garten zu Dresden“

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts erfreuten sich sogenannte Blumentage als Spendenaktion enormer Beliebtheit.  Diese Veranstaltungen waren Teil einer größeren Bewegung der Wohlfahrtspflege von 1910 bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges. Am jeweiligen Tag wurden bestimmte Blumen, beispielsweise Margeriten, Kornblumen und Anemonen, als Leitmotiv erwählt und in Form von Stoff- und Papierblumen für wohltätige Zwecke gegen Geldspenden verteilt. Die Straßen wurden mit den entsprechenden Blumen dekoriert sowie Speisen und Getränke verkauft. Die Initiative wurde durch bürgerliche Wohltätigkeits- und Frauenvereine betrieben und blieb trotz guter Absichten nicht ohne Kritik. Die Zeitgenossen verwiesen einerseits auf moralische Bedenken hinsichtlich der Gefährdung der jungen Verkäuferinnen, die sich verhältnismäßig frei an solchen Tagen in unterschiedlichster Gesellschaft bewegen. Anderseits wurden aus der Arbeiterbewegung Stimmen laut, die in den Aktionen eine selbstschmeichelnde Geste der bürgerlichen Eliten sahen, deren Reichtum nicht selten auf den bedrängten Lebensumständen der Arbeiterschicht gründete.

Nichtsdestotrotz fand am 31. Mai 1913 ein entsprechendes Großereignis in Dresden statt. Im gestalterischen Zentrum der Festlichkeit stand die Anemone. Sie galt als Symbol des Vertrauens in eine bessere Zukunft. Die Spendenaktion der Wohltätigkeitsvereine wurde von Privatpersonen ebenso wie von den städtischen und staatlichen Behörden unterstützt. Im Mittelpunkt standen die Säuglings-, Kinder- und Mütterfürsorge sowie der Kampf gegen Tuberkulose. Die Veranstaltung begann um 11 Uhr mit festlicher Musik an unterschiedlichen Festorten, die stadtweit verteilt waren. Das Zentrum der Feierlichkeiten bildete das Areal um den Großen Garten, einschließlich des Zoos. Einen bis heute einzigartigen Höhepunkt zeigt unsere Archivalie des Monats, eine historische Postkarte mit dem Titel „Erster Dresdner Kinder-Blumenkorso im Kgl. großen Garten zu Dresden“. Teilnehmen durften Kinder in Kostümen oder in festlicher Kleidung, die ansehnlich geschmückte Fahrzeuge wie Kinderwagen, Tretautos, Fahrräder und Bollerwagen mit sich führten. Anschließend erfolgte im Zoologischen Garten ein großes Kinderfest mit Spielplatzeröffnung, Pantomimenshow sowie Kamel-, Elefant-, Esel- und Ponyreiten.

Eine Reminiszenz an diese besonderen Spendenaktionen bildet die Blumen-Charity-Aktion des Dresdner Semperopernballs. Seit 2024 wird am Folgetag der Ballnacht der prächtige Blumenschmuck für caritative Zwecke verkauft. Die Erträge werden dem Sächsischen Kinderpalliativzentrum zur Verfügung gestellt, auf dessen unersetzliche Arbeit mit der Aktion aufmerksam gemacht wird. 

Weitere interessante Geschichten erfahren Sie in unserer neuen Publikation »in civitate nostra Dreseden«: Verborgenes aus dem Stadtarchiv, Zweites Buch, die im Januar 2025 erschienen ist. Die limitierte Auflage ist über das Stadtarchiv oder den Museumsshop im Stadtmuseum erhältlich. Weitere Informationen zum Buchverkauf finden Sie unter: www.dresden.de/stadtarchiv.

Dr. Sylvia Drebinger-Pieper

Quelle: Stadtarchiv Dresden, 17.6.1 Ansichtskarten, Nr. FL 037)

April 2026

Das Fernheiz- und Elektrizitätswerk: Einzigartig, nützlich, aber nicht für jeden ins historische Stadtbild pas-send, befanden einige Zeitgenossen. Kolorierte Ansichtskarte
Das Fernheiz- und Elektrizitätswerk: Einzigartig, nützlich, aber nicht für jeden ins historische Stadtbild pas-send, befanden einige Zeitgenossen. (Kolorierte Ansichtskarte)

Das erste seiner Art. Das Fernheiz- und Elektrizitätswerk an der Großen Packhofstraße

Ans Heizen will angesichts frühlingshaften Wetters niemand mehr so recht denken. Dennoch, die Möglichkeit möchte man nicht missen. Im urbanen Raum nimmt dabei die zentrale Fernwärmeversorgung eine herausragende Rolle ein.

Vor 130 Jahren begannen Überlegungen zur Errichtung eines bis dahin in Europa einzigartigen kombinierten „Central-Heiz- und -Lichtwerks“ an der Großen Packhofstraße. Anlass war die vom sächsischen König gewünschte Beheizung der katholischen Hofkirche. Eine Einzelstättenbefeuerung wurde aus Gründen des Brandschutzes abgelehnt. Stattdessen entschied man sich für die Lösung einer zentralen Wärme- und Stromversorgung, und zwar nicht nur allein für die Hofkirche, sondern auch für andere umliegende staatliche Gebäude am Theaterplatz und der Brühlschen Terrasse. Nach einer erstaunlich kurzen Bauzeit von nur knapp zwei Jahren wurde das Staatliche Fernheiz- und Elektrizitätswerk fertiggestellt. Am 15. Dezember 1900 stieg der erste Rauch auf.

Um der historischen Stadtsilhouette Rechnung zu tragen, erhielt das Gebäude ein sakral anmutendes Antlitz mit Sandsteinfassade und einen als begehbaren Turmbau konzipierten Schornstein. Parallel dazu wurden unterirdische Fernleitungen von über 1.000 Metern in der Länge verlegt. Befeuert wurde mit Braunkohle.

Fast drei Jahrzehnte war das Heiz- und Elektrizitätswerk in Betrieb, ehe das umgebaute und nun viel leistungsfähigere Westwerk am Wettiner Platz dieses überflüssig machte. 1928 ging es in städtischen Besitz über. Sogleich gab es verschiedene Pläne für die Umnutzung, etwa als Requisitenhaus für die nahe Oper oder als Kraftwageneinstellraum für das benachbarte Hotel Bellevue, die jedoch allesamt aufgrund der wirtschaftlichen Krisensituation nicht realisiert wurden. Nur eines stand schnell fest: Der 60 Meter hohe Turm musste unbedingt niedergelegt werden, was 1934 auch geschah. Damit setzten sich die Canaletto-Blick-Verfechter durch.

Noch bis Ende der 1970er-Jahre diente das im Krieg stark beschädigte Gebäude in verschiedener Weise der städtischen Energieversorgung, bevor es am 31. Mai 1978 gesprengt wurde, um den neuen Funktionsgebäuden der Semperoper Platz zu machen.

Weitere interessante Geschichten erfahren Sie in unserer neuen Publikation »in civitate nostra Dreseden«: Verborgenes aus dem Stadtarchiv, Zweites Buch, die im Januar 2025 erschienen ist. Die limitierte Auflage ist über das Stadtarchiv oder den Museumsshop im Stadtmuseum erhältlich. Weitere Informationen zum Buchverkauf finden Sie unter: www.dresden.de/stadtarchiv | Publikationen.

Patrick Maslowski

Quelle: Stadtarchiv Dresden, 17.6.1 Ansichtskarten, Nr. TP 058.

März 2026

Demonstrationsaufruf, März 1990
Demonstrationsaufruf, März 1990

„Frauen, wacht auf und wehrt euch!“ - 115 Jahre Internationaler Frauentag

Auf dem zweiten Kongress der „sozialistischen Fraueninternationale“ 1910 in Kopenhagen beschlossen Vertreterinnen aus 17 Ländern, dass zur Durchsetzung des Frauenwahlrechts jährlich ein Internationaler Frauentag in allen Mitgliedsländern durchzuführen sei. Am 19. März 1911 begingen Frauen in Deutschland den ersten Internationalen Frauentag. Vor 115 Jahren versammelten sich Frauen auch in allen Dresdner Stadtbezirken. Sie trafen sich in der Musenhalle in Löbtau, im Gasthof „Zum Sächsischen Prinzen“ in Striesen und an vielen weiteren Orten. Nach der stark besuchten Versammlung im Gasthof Pieschen, zogen die Demonstrierenden über die Marienbrücke bis zum Altmarkt. Die Frauen trugen eine weiße Fahne mit der Aufschrift „Wir fordern das Frauenwahlrecht!“.  Beidseitig des Demonstrationszuges marschierten Polizisten. Die Vorsitzende der Versammlung, Klara Nock, wurde zu 100 Mark Geldstrafe oder fünf Tagen Haft verurteilt.

Der Internationale Frauentag fand zunächst nicht an einem verbindlichen Datum statt, jedoch immer an einem Feier- oder Sonntag. Dieser Umstand ermöglichte es, arbeitende Frauen für Versammlungen, Demonstrationen und Kundgebungen zu gewinnen.

Die Geschichte des Internationalen Frauentags in Deutschland war eine bewegte: 1918 verlor der Tag sein Hauptanliegen durch die Einführung des Wahlrechts für Frauen. Eine Spaltung der Sozialistinnen in der Weimarer Republik führte dazu, dass zwei Frauentage, ein kommunistischer am 8. März und ein sozialdemokratischer ohne festes Datum, veranstaltet wurden. Gänzlich verboten war der Tag in der Zeit des Nationalsozialismus. Nach dem Zweiten Weltkrieg kam es im geteilten Deutschland zu einer erneuten Spaltung des Frauentages. Der 8. März wurde in der DDR als „Tag der Frau“ groß gefeiert, entwickelte sich so aber immer mehr zum Pendant des westdeutschen Muttertages. In der Bundesrepublik geriet der Tag zunehmend in Vergessenheit und wurde erst von der neuen Frauenbewegung in den siebziger Jahren wiederbelebt. 1975 erklärten die Vereinten Nationen den 8. März zum Internationalen Frauentag.

Am und um den 8. März 2026 wird es in Dresden vielfältige Aktionen von Dresdner Fraueneinrichtungen in Kooperation mit der Dresdner Gleichstellungsbeauftragten geben.

Josefine Finsterbusch

Quelle: Stadtarchiv Dresden, 13.57 Verein zur Erforschung der Dresdner Frauengeschichte e. V., Nr. 285.

Februar 2026

Gouvernements-Verordnungen wegen Herrschaftl.(licher) Schlittenfahrten in den grosen Garten, und nach dem Palais in Altdreßden
Gouvernements-Verordnungen wegen Herrschaftl.(licher) Schlittenfahrten in den grosen Garten, und nach dem Palais in Altdreßden

„Winterzauber am Dresdner Hof“

Höfische Schlittenfahrten in den Wintermonaten zählten zu den beliebten Vergnügungen des sächsischen Hofes. Das diese nicht ohne erhebliche Entbehrungen der Dresdner Bevölkerung einhergingen, zeigen die „Gouvernements-Verordnungen“ aus dem Bestand des Ratsarchivs. Die Akte ist als Archivale des Monats Februar im Lesesaal des Stadtarchivs Dresden, Elisabeth-Boer-Straße 1, ausgestellt.

Bereits seit der Frühen Neuzeit sind winterliche Schlittenfahrten als Bestandteil höfischer Festkultur belegt. Erste dokumentierte Ausfahrten fanden im Januar 1583 durch Kurfürst August (1526–1586) statt. Kurfürst Friedrich August I. (1670–1733), genannt August der Starke, machte die höfische Festkultur zu einem festen Bestandteil seiner Regierungspolitik. Im Februar 1721 ordnete August der Starke vier „Herrschaftliche Schlittenfahrten“ an. Ausführliche Anweisungen des Gouverneurs Graf von Wackerbarth (1662–1734) verpflichteten den Stadtrat die Straßen, Plätze und Wege für die Schlittenfahrt vorzubereiten und mit Schnee zu präparieren, selbst dann, wenn dieser zuvor aus der Stadt transportiert worden war. Verkehrswege mussten umgeleitet und das bewaffnete Bürgerregiment zur Schaffung von Ruhe und Ordnung herangezogen werden.

Die erste Schlittenfahrt Augusts des Starken führte am 11. Februar 1721 vom Taschenbergpalais bis in den Großen Garten. Als Teil barocker Hofkultur wurden solche Festlichkeiten bewusst in die Abendstunden verlegt, so dass am 16. Februar 1721 erstmals eine nächtliche Schlittenfahrt bei Laternen- und Fackelschein sowie vor festlich illuminierten Fenstern stattfand. Eine besondere Rolle schien dabei der Altmarkt zu spielen, der vollständig mit Schnee bedeckt sein musste. Die Soldaten der Dresdner Garnison hatten den Platz abzusichern, sodass die Schlitten des Kurfürsten und seiner Gäste kunstvolle Figuren ziehen konnten. Ob dabei mehr als vergängliche Spuren im Schnee zurückblieben, verraten die archivischen Quellen nicht. Deutlich wird jedoch, dass die Vorbereitungen mit erheblichem Aufwand und spürbaren Belastungen für die Dresdner Bevölkerung verbunden waren. Arbeitseinsätze, die Aufwartung als Bürgerregiment und die festliche Beleuchtung der Häuser erforderten körperliche, finanzielle und organisatorische Aufwendungen. Schlittenfahrten waren damit weit mehr als ein bloßes Hofvergnügen. Sie verdeutlichen zugleich das enge Zusammenspiel von Hof, Verwaltung und Bürgerschaft. Die Akte gewährt Einblicke in die Organisation, die sozialen Strukturen und kulturelle Bedeutung höfischer Festlichkeiten im Dresden des 18. Jahrhunderts.

Weitere interessante Geschichten erfahren Sie in unserer neuen Publikation »in civitate nostra Dreseden«: Verborgenes aus dem Stadtarchiv, Zweites Buch, die im Januar 2025 erschienen ist. Die limitierte Auflage ist exklusiv nur über das Stadtarchiv Dresden erhältlich. Weitere Informationen zum Buchverkauf finden Sie unter: www.dresden.de/stadtarchiv.

Christina Düring

Quelle: Stadtarchiv Dresden, 2.1.6 Ratsarchiv, Nr. G.V.15

Januar 2026

Broschüre des Staubsaugapparates „Atom“
Broschüre des Staubsaugapparates „Atom“

»Die epochalste Erfindung der Neuzeit« erhält Einzug in die Stadtverwaltung. Der Staubsaugapparat ›Atom‹ von Edmund Kussi

Für viele Menschen beginnt das neue Jahr nach Weihnachten und Silvester mit einem großen Bodenschwung. Als gründlicher und schneller Helfer gilt dabei der Staubsauer. Nach über einem Jahrhundert Entwicklungsarbeit sind die Geräte heute handlich, leicht und schnurlos oder kommen gar als Roboter daher. Warum der Staubsaugapparat bereits zur Zeit seiner Erfindung als epochalste Erfindung galt, erfahren Sie in unserer Archivale des Monats. 

Im Oktober 1906 wandte sich der in Dresden ansässige Geschäftsmann Edmund Kussi (1866–1935) mit verschiedenen Broschüren zum Staubsaugapparat „Atom“ an das Marstall- und Bestattungsamt der Stadt Dresden. Der nahe Pilsen geborene Kussi war 1906 mit seiner Familie nach Dresden gezogen und wurde in den Adressbüchern als „Alleinvertrieb des Staubsaugapparates ›Atom‹ für Sachsen und Thüringen“ geführt. Eigentlicher Hersteller war der Österreicher Gustav Robert Paalen (1873-1945). Bereits kurz nach der Jahrhundertwende hatte Paalen US-Patente für die Staubsaugerapparate „Santo“ und „Atom“ erworben und diese erfolgreich weiterentwickelt. Erster Einsatzort war unter anderem die Wiener Hofburg. Dieser elitäre Kunde öffnete auch andernorts die Türen, wie der Vertriebler Kussi in seiner Werbebroschüre zum Staubsaugapparat „Atom“.

Sein Ziel war es, den Verkauf des Produktes zu befördern, indem er den Mehrwert des Apparates für die Reinigung der städtischen Bestattungswagen und Kutschen bewarb. Der ›Atom‹ war dabei keineswegs neu in der Stadtverwaltung, sondern kam bereits bei der Reinigung der Straßenbahn zum Einsatz. Obwohl die Anschaffung eines weiteren Apparates durch das Amt abgelehnt wurde, verweisen die überlieferten Werbebroschüren auf ein breites Spektrum zufriedener Kunden aus den unterschiedlichsten gesellschaftlichen Bereichen, angefangen bei der Hofhaltung des sächsischen Königshauses bis hin zu Privathaushalten, Fabriken, Geschäftshäusern, Sanatorien, Hotels und Kaffeehäusern.

Eine persönliche Vorführung dieser „epochalste(n) Erfindung der Neuzeit“, wie Kussi den Staubsauger in den Werbetexten nannte,   bot er täglich in seinem Geschäft in der Seestraße 18 an und erklärte ausführlich die Funktionsweise wie auch den Mehrwert des Gerätes. Dieser lag nicht ausschließlich in der gründlichen Reinigung der Teppiche, Bodenbelege und Wandvorhänge, sondern erwies der Gesellschaft hinsichtlich der Hygiene wertvolle Dienste. Dank neuer Technik konnte auf das bis dahin gebräuchliche Teppich ausklopfen, das Schmutz und Keime in die Luft und in die Atemwege des Reinigungspersonals verbrachte, verzichtet werden.

Die Broschüre des Staubsaugapparates ›Atom‹ ist beispielhaft für die Konsumkultur des täglichen Lebens im industriellen Deutschen Kaiserreich zur Jahrhundertwende. Logo und Design der Produkte folgten der damals aktuellen Mode des Jugendstils und durch den Verweis auf errungene Auszeichnungen im Rahmen von Hygiene- und Fortschrittsausstellungen wurden die Kunden zum Kauf angeregt. Auf diese Weise Begann der Siegeszug des Staubsaugers in die europäischen und amerikanischen Haushalte und eroberte bald darauf die ganze Welt.

Dr. Sylvia Drebinger-Pieper

Quelle: Stadtarchiv Dresden, 9.1.13 Marstall- und Bestattungsamt, Nr. 50, Bl. 46a