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https://www.dresden.de/de/rathaus/aemter-und-einrichtungen/unternehmen/stadtarchiv/archivalien-des-monats.php 30.01.2023 11:18:17 Uhr 06.02.2023 03:36:39 Uhr

Archivalien des Monats

Februar 2023

Anschlagzettel des Seiltänzers Joseph Ambrosio aus Madrid, um 1811.
Anschlagzettel des Seiltänzers Joseph Ambrosio aus Madrid, um 1811.

Kuriose Schaustellungen in Dresden. Von historischen Ballonfahrten, Seiltänzen und anderen Ergötzlichkeiten

Vor 175 Jahren verstarb Wilhelmine „Minna“ Reichard (1788 – 1848) in Döhlen, die als erste deutsche Ballon-fahrerin in die Geschichte einging. Nach zwei gelungenen Aufstiegen in Berlin startete die Braunschweigerin am 30. September 1811 auch in Dresden ihren Flug mithilfe eines „mit Wasserstoffgas gefüllten Luftballs“. Waghalsig unternahm damals die zweifache, und zu diesem Zeitpunkt schwangere Mutter trotz ungünstiger Wetterverhältnisse ihre berühmte Reise, bei der sie Schätzungen zufolge eine Höhe von bis zu 7800 Metern erreichte. Den folgenden spektakulären Absturz in der Sächsischen Schweiz überlebte Minna Reichard nur um Haaresbreite. Wie in anderen Städten bestand auch in Dresden ein reges Interesse an diesen frühen aeronautischen Unternehmungen. So soll etwa ein Drittel der Einwohnerschaft beim Aufstieg von „Madame Reichard“ in nächster Nähe dabei gewesen sein. Auch die Ballonfahrt im Mai des Vorjahres durch den Würzburger Mechanikus Sebastian Bittorf (1764 – 1812) war bestens besucht, weshalb er schon im Juli 1810 in Dresden eine weitere unternahm.

Die beiden Luftreisenden und andere Fremde in der Stadt, die derartige „öffentliche Lustbarkeiten“ veranstalten und damit Geld verdienen wollten, benötigten hierfür eine Genehmigung vom Landesherrn. Ihren Anträgen legten sie oft aussagekräftige Dokumente bei, wie etwa Empfehlungsschreiben, Flugblätter oder Anschlagzettel. Gegen Gebühr wurde dann eine zeitlich begrenzte Erlaubnis für die Darbietungen erteilt, wobei auch eine zusätzliche Abgabe für wohltätige Zwecke obligatorisch war. Die „fremden“ Gäste stammten im 18. und beginnenden 19. Jahrhundert insbesondere aus anderen deutschen Staaten sowie aus italienischen und französischen Städten. Besonders populär war die Zurschaustellung von physikalischen Experi-menten, mechanischen Apparaten, Wachsfigurenkabinetten, wilden oder dressierten Tieren, aber auch von Menschen. Häufiger fanden sich zudem akrobatische Vorführungen. Im Spätsommer 1811 präsentierte etwa der Seiltänzer Joseph Ambrosio aus Madrid im Jägerhof seltene Kunststücke. „Il Signor Ambrosio“ war nach eigenen Angaben schon in allen großen Städten Europas aufgetreten, darunter in Paris zur Kaiserkrönung Napoleons. Sein „großer Spiegelsprung“ mitten durch ein Feuerwerk aus drei „gegen einander schlagende Sonnen“ war eine weitere von vielen Ergötzlichkeiten aus dem Ausland, die den städtischen Alltag in der napoleonischen Zeit bereicherten.

Johannes Wendt

Quelle: Stadtarchiv Dresden, 2.1.3, Ratsarchiv, C.XVII.67, II, retuschiert.

Januar 2023

Die Fabrikanlage von Seidel und Naumann auf der Hamburger Straße
Die Fabrikanlage auf der Hamburger Straße der Firma "Seidel & Naumann

Für Näh- und Schreibmaschinen ist „Der Wille des Werkes Seele“. Die Aktiengesellschaft „Seidel & Naumann“ in Dresden

Am Sonntag, 22. Januar 2023, jährt sich der Todestag von Bruno Naumann, dem Begründer des Unternehmens „Seidel & Naumann“, zum 120. Mal. Nach Beendigung seiner Lehrzeit bei dem Dresdner Mechaniker und Direktor des Eichamtes Hugo Schuckert, begann Naumann im Jahr 1868 sein selbstständiges Wirken in einer kleinen Werkstatt für Feinmechanik in der Neuen Gasse in der Nähe des Pirnaischen Platzes. Die Produktion von Nähmaschinen wurde zu seinem Geschäftsfeld. Im Jahr 1870 gewann er Emil Seidel als Teilhaber und gemeinsam begründeten sie die Handelsgesellschaft „Seidel & Naumann“. Naumann hatte mit der Nähmaschine auf ein Produkt gesetzt, das zum Ende des 19. Jahrhunderts seinen Siegeszug in den privaten Haushalten fortsetzte.

Alsbald wurden die Betriebsräume zu klein und 1883 erwarb Naumann ein größeres Gelände an der Hamburger Straße, zu diesem Zeitpunkt noch weit außerhalb Dresdens gelegen. Bisher waren nur Nähmaschinen hergestellt worden, aber Naumann folgte dem Zeitgeist aufmerksam und sah im Fahrrad ein Verkehrsmittel der Zukunft. Ende 1887 konnte das Unternehmen „Seidel & Naumann“, nunmehr als Aktiengesellschaft, die ersten Fahrräder der Marke „Germania“ ausliefern. Gerade die Herstellung von Fahrrädern sorgte für wachsenden Umsatz und machte eine Erweiterung des Standorts an der Hamburger Straße notwendig. Zur Jahrhundertwende wurden jährlich etwa 80.000 Nähmaschinen und 30.000 Fahrräder erzeugt.

Neben der Produktion von Nähmaschinen, Fahrrädern und Geschwindigkeitsmessern begann das Unternehmen im Jahr 1899 mit dem Bau der „Ideal-Schreibmaschine“. 1918 erstreckte sich die Werksanlage über 50.000 Quadratmeter und etwa 4.300 Menschen arbeiteten in diesem Fabrikkomplex. Bereits von 1885 bis 1888 hatte Karl August Lingner als Korrespondent der Firma Geschäftsbriefe in deutscher und französischer Sprache verfasst und für die Produkte geworben. Den Erfolg der Schreibmaschine „Erika“, die ab 1910 gebaut wurde, erlebte Bruno Naumann nicht mehr, da er 1903 nach kurzer Krankheit starb. Die letzte Kleinschreibmaschine vom Typ „Erika“ lief im August 1991 vom Band. Insgesamt 8,5 Millionen Exemplare wurden innerhalb dieses Zeitraums verkauft.

Marco Iwanzeck

Quelle: Stadtarchiv Dresden, 18 Bibliothek, Hist. Dresd. 55.51a.

Januar 2022

Gret Palucca steht mittig im Raum. Eine Aufführung während des Unterichts in der Tanzschule soll stattfinden. Im Vordergrund stehen Schüler der Paluccaschule. Im Hintergund sitz und steht das Publikum.
Gret Palucca während des Unterrichts in der Tanzschule in den 1980er Jahren.

Gret Palucca zum 120. Geburtstag

Anlässlich des 120. Geburtstages von Gret Palucca erinnert das Stadtarchiv Dresden in der Serie Archivalie des Monats an das Leben und Wirken der Tänzerin. Die am 8. Januar 1902 in München geborene Margarethe Paluka eroberte bereits in den 1920er Jahren die Bühnen in Deutschland und im Ausland. Sie tanzte mit Mary Wigmann bis 1924, danach erfolgte ihre Solokarriere. Im „Berliner Abendblatt“ hieß es nach einem Auftritt am 6. November 1929: „Palucca tanzt – und ist herrlich wie je. Hier mündet der Tanz ins Leben ein. – Welche Einfachheit, welche Sparsamkeit in Gesten und Bewegungen. Wie wunderbar diese Vereinigung von Starkem und Zartem, von leidenschaftlichem Ausbruch und leisem Verlöschen, von dunkler Trauer und übermütiger Heiterkeit.“ Zu diesem Zeitpunkt lag die Gründung ihrer Dresdner Tanzschule bereits vier Jahre zurück. Gret Palucca unterrichtete unter anderen Tanztechnik, Improvisation, rhythmische Erziehung, Tanzgeschichte und Anatomie. Aufgrund ihrer jüdischen Herkunft und des Tanzstils wurde ihr die Vermittlung von Freien Tanz während des Nationalsozialismus verboten. Bis 1944 übernahmen Adolf Havlik und Eva Glaser die Leitung der Schule. Kurz nach Kriegsende, im Juli 1945, eröffnete Palucca ihre Schule erneut. Vier Jahre später wurde diese verstaatlicht und bekam den Status einer Fachschule für künstlerischen Tanz. Ihr Amt als Schulleiterin legte sie 1952 wegen Einmischung der Staatlichen Kommission für Kunstangelegenheiten nieder. In den folgenden Jahren erfolgte die Berufung von Gret Palucca als künstlerische Leiterin und sie unterrichtete bis kurz vor ihrem Tod. Sie stirbt am 22. März 1993 in Dresden mit dem Wunsch auf der Insel Hiddensee beigesetzt zu werden.

Im Stadtarchiv ist ein Konvolut historischer Unterlagen über die Dresdner Tänzerin Gret Palucca und ihrer Tanzschule archiviert. Die Archivalie des Monats zeigt eine Kinder-Tanzgruppe mit Palucca aus den 1980er Jahren. Die Fotografie befindet sich aktuell in der Ausstellung „Günter Ackermann – Fotografie“ im Stadtarchiv Dresden. Aufgrund der Schließung durch die Corona-Notfall-Verordnung wurde die Fotoausstellung auf der Elisabeth-Boer-Str. 1 bis zum März 2022 verlängert.

Annemarie Niering

Quelle: Stadtarchiv Dresden, 17.6.2.30, Bildarchiv, Günter Ackermann.