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https://www.dresden.de/de/rathaus/aemter-und-einrichtungen/unternehmen/stadtarchiv/archivalien-des-monats.php 31.03.2026 10:08:26 Uhr 11.04.2026 09:55:00 Uhr

Archivalien des Monats

Jeden Monat stellt das Stadtarchiv Dresden ein besonderes Fundstück aus seinen Beständen vor. Entdecken Sie spannende und überraschende Details der Dresdner Stadtgeschichte.

April 2026

Das Fernheiz- und Elektrizitätswerk: Einzigartig, nützlich, aber nicht für jeden ins historische Stadtbild pas-send, befanden einige Zeitgenossen. Kolorierte Ansichtskarte
Das Fernheiz- und Elektrizitätswerk: Einzigartig, nützlich, aber nicht für jeden ins historische Stadtbild pas-send, befanden einige Zeitgenossen. (Kolorierte Ansichtskarte)

Das erste seiner Art. Das Fernheiz- und Elektrizitätswerk an der Großen Packhofstraße

Ans Heizen will angesichts frühlingshaften Wetters niemand mehr so recht denken. Dennoch, die Möglichkeit möchte man nicht missen. Im urbanen Raum nimmt dabei die zentrale Fernwärmeversorgung eine herausragende Rolle ein.

Vor 130 Jahren begannen Überlegungen zur Errichtung eines bis dahin in Europa einzigartigen kombinierten „Central-Heiz- und -Lichtwerks“ an der Großen Packhofstraße. Anlass war die vom sächsischen König gewünschte Beheizung der katholischen Hofkirche. Eine Einzelstättenbefeuerung wurde aus Gründen des Brandschutzes abgelehnt. Stattdessen entschied man sich für die Lösung einer zentralen Wärme- und Stromversorgung, und zwar nicht nur allein für die Hofkirche, sondern auch für andere umliegende staatliche Gebäude am Theaterplatz und der Brühlschen Terrasse. Nach einer erstaunlich kurzen Bauzeit von nur knapp zwei Jahren wurde das Staatliche Fernheiz- und Elektrizitätswerk fertiggestellt. Am 15. Dezember 1900 stieg der erste Rauch auf.

Um der historischen Stadtsilhouette Rechnung zu tragen, erhielt das Gebäude ein sakral anmutendes Antlitz mit Sandsteinfassade und einen als begehbaren Turmbau konzipierten Schornstein. Parallel dazu wurden unterirdische Fernleitungen von über 1.000 Metern in der Länge verlegt. Befeuert wurde mit Braunkohle.

Fast drei Jahrzehnte war das Heiz- und Elektrizitätswerk in Betrieb, ehe das umgebaute und nun viel leistungsfähigere Westwerk am Wettiner Platz dieses überflüssig machte. 1928 ging es in städtischen Besitz über. Sogleich gab es verschiedene Pläne für die Umnutzung, etwa als Requisitenhaus für die nahe Oper oder als Kraftwageneinstellraum für das benachbarte Hotel Bellevue, die jedoch allesamt aufgrund der wirtschaftlichen Krisensituation nicht realisiert wurden. Nur eines stand schnell fest: Der 60 Meter hohe Turm musste unbedingt niedergelegt werden, was 1934 auch geschah. Damit setzten sich die Canaletto-Blick-Verfechter durch.

Noch bis Ende der 1970er-Jahre diente das im Krieg stark beschädigte Gebäude in verschiedener Weise der städtischen Energieversorgung, bevor es am 31. Mai 1978 gesprengt wurde, um den neuen Funktionsgebäuden der Semperoper Platz zu machen.

Weitere interessante Geschichten erfahren Sie in unserer neuen Publikation »in civitate nostra Dreseden«: Verborgenes aus dem Stadtarchiv, Zweites Buch, die im Januar 2025 erschienen ist. Die limitierte Auflage ist über das Stadtarchiv oder den Museumsshop im Stadtmuseum erhältlich. Weitere Informationen zum Buchverkauf finden Sie unter: www.dresden.de/stadtarchiv | Publikationen.

Patrick Maslowski

Quelle: Stadtarchiv Dresden, 17.6.1 Ansichtskarten, Nr. TP 058.

März 2026

Demonstrationsaufruf, März 1990
Demonstrationsaufruf, März 1990

„Frauen, wacht auf und wehrt euch!“ - 115 Jahre Internationaler Frauentag

Auf dem zweiten Kongress der „sozialistischen Fraueninternationale“ 1910 in Kopenhagen beschlossen Vertreterinnen aus 17 Ländern, dass zur Durchsetzung des Frauenwahlrechts jährlich ein Internationaler Frauentag in allen Mitgliedsländern durchzuführen sei. Am 19. März 1911 begingen Frauen in Deutschland den ersten Internationalen Frauentag. Vor 115 Jahren versammelten sich Frauen auch in allen Dresdner Stadtbezirken. Sie trafen sich in der Musenhalle in Löbtau, im Gasthof „Zum Sächsischen Prinzen“ in Striesen und an vielen weiteren Orten. Nach der stark besuchten Versammlung im Gasthof Pieschen, zogen die Demonstrierenden über die Marienbrücke bis zum Altmarkt. Die Frauen trugen eine weiße Fahne mit der Aufschrift „Wir fordern das Frauenwahlrecht!“.  Beidseitig des Demonstrationszuges marschierten Polizisten. Die Vorsitzende der Versammlung, Klara Nock, wurde zu 100 Mark Geldstrafe oder fünf Tagen Haft verurteilt.

Der Internationale Frauentag fand zunächst nicht an einem verbindlichen Datum statt, jedoch immer an einem Feier- oder Sonntag. Dieser Umstand ermöglichte es, arbeitende Frauen für Versammlungen, Demonstrationen und Kundgebungen zu gewinnen.

Die Geschichte des Internationalen Frauentags in Deutschland war eine bewegte: 1918 verlor der Tag sein Hauptanliegen durch die Einführung des Wahlrechts für Frauen. Eine Spaltung der Sozialistinnen in der Weimarer Republik führte dazu, dass zwei Frauentage, ein kommunistischer am 8. März und ein sozialdemokratischer ohne festes Datum, veranstaltet wurden. Gänzlich verboten war der Tag in der Zeit des Nationalsozialismus. Nach dem Zweiten Weltkrieg kam es im geteilten Deutschland zu einer erneuten Spaltung des Frauentages. Der 8. März wurde in der DDR als „Tag der Frau“ groß gefeiert, entwickelte sich so aber immer mehr zum Pendant des westdeutschen Muttertages. In der Bundesrepublik geriet der Tag zunehmend in Vergessenheit und wurde erst von der neuen Frauenbewegung in den siebziger Jahren wiederbelebt. 1975 erklärten die Vereinten Nationen den 8. März zum Internationalen Frauentag.

Am und um den 8. März 2026 wird es in Dresden vielfältige Aktionen von Dresdner Fraueneinrichtungen in Kooperation mit der Dresdner Gleichstellungsbeauftragten geben.

Josefine Finsterbusch

Quelle: Stadtarchiv Dresden, 13.57 Verein zur Erforschung der Dresdner Frauengeschichte e. V., Nr. 285.

Februar 2026

Gouvernements-Verordnungen wegen Herrschaftl.(licher) Schlittenfahrten in den grosen Garten, und nach dem Palais in Altdreßden
Gouvernements-Verordnungen wegen Herrschaftl.(licher) Schlittenfahrten in den grosen Garten, und nach dem Palais in Altdreßden

„Winterzauber am Dresdner Hof“

Höfische Schlittenfahrten in den Wintermonaten zählten zu den beliebten Vergnügungen des sächsischen Hofes. Das diese nicht ohne erhebliche Entbehrungen der Dresdner Bevölkerung einhergingen, zeigen die „Gouvernements-Verordnungen“ aus dem Bestand des Ratsarchivs. Die Akte ist als Archivale des Monats Februar im Lesesaal des Stadtarchivs Dresden, Elisabeth-Boer-Straße 1, ausgestellt.

Bereits seit der Frühen Neuzeit sind winterliche Schlittenfahrten als Bestandteil höfischer Festkultur belegt. Erste dokumentierte Ausfahrten fanden im Januar 1583 durch Kurfürst August (1526–1586) statt. Kurfürst Friedrich August I. (1670–1733), genannt August der Starke, machte die höfische Festkultur zu einem festen Bestandteil seiner Regierungspolitik. Im Februar 1721 ordnete August der Starke vier „Herrschaftliche Schlittenfahrten“ an. Ausführliche Anweisungen des Gouverneurs Graf von Wackerbarth (1662–1734) verpflichteten den Stadtrat die Straßen, Plätze und Wege für die Schlittenfahrt vorzubereiten und mit Schnee zu präparieren, selbst dann, wenn dieser zuvor aus der Stadt transportiert worden war. Verkehrswege mussten umgeleitet und das bewaffnete Bürgerregiment zur Schaffung von Ruhe und Ordnung herangezogen werden.

Die erste Schlittenfahrt Augusts des Starken führte am 11. Februar 1721 vom Taschenbergpalais bis in den Großen Garten. Als Teil barocker Hofkultur wurden solche Festlichkeiten bewusst in die Abendstunden verlegt, so dass am 16. Februar 1721 erstmals eine nächtliche Schlittenfahrt bei Laternen- und Fackelschein sowie vor festlich illuminierten Fenstern stattfand. Eine besondere Rolle schien dabei der Altmarkt zu spielen, der vollständig mit Schnee bedeckt sein musste. Die Soldaten der Dresdner Garnison hatten den Platz abzusichern, sodass die Schlitten des Kurfürsten und seiner Gäste kunstvolle Figuren ziehen konnten. Ob dabei mehr als vergängliche Spuren im Schnee zurückblieben, verraten die archivischen Quellen nicht. Deutlich wird jedoch, dass die Vorbereitungen mit erheblichem Aufwand und spürbaren Belastungen für die Dresdner Bevölkerung verbunden waren. Arbeitseinsätze, die Aufwartung als Bürgerregiment und die festliche Beleuchtung der Häuser erforderten körperliche, finanzielle und organisatorische Aufwendungen. Schlittenfahrten waren damit weit mehr als ein bloßes Hofvergnügen. Sie verdeutlichen zugleich das enge Zusammenspiel von Hof, Verwaltung und Bürgerschaft. Die Akte gewährt Einblicke in die Organisation, die sozialen Strukturen und kulturelle Bedeutung höfischer Festlichkeiten im Dresden des 18. Jahrhunderts.

Weitere interessante Geschichten erfahren Sie in unserer neuen Publikation »in civitate nostra Dreseden«: Verborgenes aus dem Stadtarchiv, Zweites Buch, die im Januar 2025 erschienen ist. Die limitierte Auflage ist exklusiv nur über das Stadtarchiv Dresden erhältlich. Weitere Informationen zum Buchverkauf finden Sie unter: www.dresden.de/stadtarchiv.

Christina Düring

Quelle: Stadtarchiv Dresden, 2.1.6 Ratsarchiv, Nr. G.V.15

Januar 2026

Broschüre des Staubsaugapparates „Atom“
Broschüre des Staubsaugapparates „Atom“

»Die epochalste Erfindung der Neuzeit« erhält Einzug in die Stadtverwaltung. Der Staubsaugapparat ›Atom‹ von Edmund Kussi

Für viele Menschen beginnt das neue Jahr nach Weihnachten und Silvester mit einem großen Bodenschwung. Als gründlicher und schneller Helfer gilt dabei der Staubsauer. Nach über einem Jahrhundert Entwicklungsarbeit sind die Geräte heute handlich, leicht und schnurlos oder kommen gar als Roboter daher. Warum der Staubsaugapparat bereits zur Zeit seiner Erfindung als epochalste Erfindung galt, erfahren Sie in unserer Archivale des Monats. 

Im Oktober 1906 wandte sich der in Dresden ansässige Geschäftsmann Edmund Kussi (1866–1935) mit verschiedenen Broschüren zum Staubsaugapparat „Atom“ an das Marstall- und Bestattungsamt der Stadt Dresden. Der nahe Pilsen geborene Kussi war 1906 mit seiner Familie nach Dresden gezogen und wurde in den Adressbüchern als „Alleinvertrieb des Staubsaugapparates ›Atom‹ für Sachsen und Thüringen“ geführt. Eigentlicher Hersteller war der Österreicher Gustav Robert Paalen (1873-1945). Bereits kurz nach der Jahrhundertwende hatte Paalen US-Patente für die Staubsaugerapparate „Santo“ und „Atom“ erworben und diese erfolgreich weiterentwickelt. Erster Einsatzort war unter anderem die Wiener Hofburg. Dieser elitäre Kunde öffnete auch andernorts die Türen, wie der Vertriebler Kussi in seiner Werbebroschüre zum Staubsaugapparat „Atom“.

Sein Ziel war es, den Verkauf des Produktes zu befördern, indem er den Mehrwert des Apparates für die Reinigung der städtischen Bestattungswagen und Kutschen bewarb. Der ›Atom‹ war dabei keineswegs neu in der Stadtverwaltung, sondern kam bereits bei der Reinigung der Straßenbahn zum Einsatz. Obwohl die Anschaffung eines weiteren Apparates durch das Amt abgelehnt wurde, verweisen die überlieferten Werbebroschüren auf ein breites Spektrum zufriedener Kunden aus den unterschiedlichsten gesellschaftlichen Bereichen, angefangen bei der Hofhaltung des sächsischen Königshauses bis hin zu Privathaushalten, Fabriken, Geschäftshäusern, Sanatorien, Hotels und Kaffeehäusern.

Eine persönliche Vorführung dieser „epochalste(n) Erfindung der Neuzeit“, wie Kussi den Staubsauger in den Werbetexten nannte,   bot er täglich in seinem Geschäft in der Seestraße 18 an und erklärte ausführlich die Funktionsweise wie auch den Mehrwert des Gerätes. Dieser lag nicht ausschließlich in der gründlichen Reinigung der Teppiche, Bodenbelege und Wandvorhänge, sondern erwies der Gesellschaft hinsichtlich der Hygiene wertvolle Dienste. Dank neuer Technik konnte auf das bis dahin gebräuchliche Teppich ausklopfen, das Schmutz und Keime in die Luft und in die Atemwege des Reinigungspersonals verbrachte, verzichtet werden.

Die Broschüre des Staubsaugapparates ›Atom‹ ist beispielhaft für die Konsumkultur des täglichen Lebens im industriellen Deutschen Kaiserreich zur Jahrhundertwende. Logo und Design der Produkte folgten der damals aktuellen Mode des Jugendstils und durch den Verweis auf errungene Auszeichnungen im Rahmen von Hygiene- und Fortschrittsausstellungen wurden die Kunden zum Kauf angeregt. Auf diese Weise Begann der Siegeszug des Staubsaugers in die europäischen und amerikanischen Haushalte und eroberte bald darauf die ganze Welt.

Dr. Sylvia Drebinger-Pieper

Quelle: Stadtarchiv Dresden, 9.1.13 Marstall- und Bestattungsamt, Nr. 50, Bl. 46a