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https://www.dresden.de/de/rathaus/aemter-und-einrichtungen/unternehmen/stadtarchiv/archivalien-des-monats.php 05.07.2021 14:32:10 Uhr 31.07.2021 07:08:40 Uhr

Archivalien des Monats

Juli 2021

Werbebild für den 18. Bundestag des Deutschen Radfahrerbundes
Werbebild im Dresdner Anzeiger für den 18. Bundestag des Deutschen Radfahrerbundes

„Das Leben und Treiben stand unter dem Zeichen der Radfahrer“. Der 18. Bundestag des Deutschen Radfahrbundes in Dresden

Vor 120 Jahren fand vom 19. bis zum 23. Juli 1901 das 18. Bundesfest des Deutschen Radfahrerbundes in Dresden statt. Den Ehrenvorsitz für diese Veranstaltung übernahm der Oberbürgermeister Gustav Otto Beutler. Die Organisatoren Max Ullrich und Emil Ahlhelm gingen von mindestens 15.000 Besuchern aus, die vor allem den großen Festzug am Sonntag, den 21. Juli 1901, sehen wollten. Der Zug begann um 11 Uhr an der Stübelallee und ging über die Lennéstraße, den Altmarkt durch die Wilsdruffer Straße und dem Postplatz bis zum damaligen Wettiner Bahnhof – heute Bahnhof Mitte. Etwa 2400 Radler nahmen am Festzug teil. Der Dresdner Anzeiger vom darauffolgenden Montag berichtete, dass „das Publikum an dem Sportschauspiel, das für Dresden etwas Neues, in solch großem Rahmen noch nicht Gebotenes war, regen Anteil nahm“.

Mit den Festveranstaltungen waren auch zahlreiche Radwettrennen verbunden. Bereits am 16. März 1901 hatte sich der „Verein für Radwettfahrten zu Dresden“ gegründet, um den Bau einer Bahn zu befördern. Die neue Wettkampfbahn entstand noch vor dem Radfahrfest im Birkenwäldchen an der Fürstenstraße im Stadtteil Johannstadt und wurde am 7. Juli 1901 eröffnet. Auf der neuerbauten Bahn fanden am Festwochenende zahlreiche Wettrennen statt. So gab es Meisterschaften über einen, zwei und fünf Kilometer auf dem Niederrad sowie „Mehrsitzer-Vorgabefahren“. Neben den Bahnrennen gab es noch Disziplinen im Kunstfahren auf dem Hochrad sowie im Reigenfahren.

1915 lud die Stadt abermals den Deutschen Radfahrerbund ein, um die Bundesversammlung in Dresden durchzuführen. Der Radsportbund zählte zu diesem Zeitpunkt circa 50.000 Mitglieder. Neben Dresden stellte auch Düsseldorf einen Antrag den Bundestag durchzuführen. Geplant war das Treffen für den 23. Mai bis 27. Mai 1915 . Nachdem Dresden noch im Juli 1914 den Zuschlag zur Ausrichtung erhalten hatte, wurde das Radahrfest im November 1914 aufgrund des 1. Weltkrieges und der damit verbundenen wirtschaftlichen Folgen abgesagt. Für die nächsten Jahre fand kein Bundestag des Deutschen Radfahrbundes mehr statt. Das 1915 ausgefallene Bundesfest des Deutschen Radfahrerbundes konnte 1926 in Dresden nachgeholt werden.

Marco Iwanzeck

Quellen: Stadtarchiv Dresden 2.3.1 Hauptkanzlei, Nr. 189.

Stadtarchiv Dresden 18. Bibliothek, Dresdner Anzeiger vom 22. Juli 1901.

Juni 2021

Desinfektionsapparat von Karl August Lingner
Desinfektionsapparat von Karl August Lingner

Sensation: Eine neue Desinfektionsmethode. Karl August Lingner und sein Wirken im städtischen Desinfektionswesen

An Desinfektionsmittelspender, die gerade in der jetzigen Pandemie vor jeder Tür stehen, war vor gut 124 Jahren ebenso wenig zu denken wie an multiresistente Keime. Dabei wurde in Zeiten von Tuberkulose, Diphterie, Pocken und Cholera die Bedeutung und Wirkung einer gründlichen Desinfektion immer deutlicher. Seit der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde händeringend nach einer geeigneten Lösung zur Bekämpfung von Krankheitserregern gesucht. Denn im Zuge des wissenschaftlichen Fortschritts wurde der Zusammenhang zwischen Mikroorganismen und den ausbrechenden Seuchen und Krankheiten erkannt. Alle bisherigen Methoden zur Raumdesinfizierung brachten nicht den gewünschten Effekt. Umso bedeutender war daher die Entwicklung des Lingner‘schen Desinfektionsapparates im Jahre 1897. Beworben wurde dieser Apparat, der in der Lage war Krankenhauszimmer, Wohnräume und sogar Ställe in nur drei Stunden tiefenwirksam keimfrei zu machen und gleichzeitig Oberflächen nicht anzugreifen, mittels umfangreicher Werbekampagnen. Ein Beispiel dafür bildet ein Werbefaltblatt aus dem Bestand der Gemeinde Torna – unser Archivale des Monats Juni.

Die Grundlage für das Gerät bildete das von R. Walther und Dr. A. Schlossmann vom organisch-chemischen Laboratorium der Technischen Hochschule Dresden ebenfalls 1897 entwickelte Desinfektionsmittel Glycoformal. Die Mischung aus Formaldehyd, Glycerin und Wasser verdunstete nicht einfach, sondern drang in die mit Keimen bedeckten Oberflächen ein und vernichtete alle Erreger. Karl August Lingner (1861–1916), Erfinder und Namensgeber des Lingner‘schen Desinfektionsapparates sowie Vermarkter der bekannten Mundspülung „Odol“, ließ den Apparat in seinem Werk „Dresdner Chemisches Laboratorium Lingner“ herstellen. In dem Faltblatt vom Juli 1898 wird die Funktionsweise wie folgt beschrieben. „Dieser Apparat besteht aus einem Ringkessel (B), in welchem Wasser zum Sieden gebracht wird. Der Wasserdampf steigt alsdann in ein Reservoir (A), das mit Glycoformal angefüllt ist. Es wird nun durch vier Düsen (d), die nach verschiedenen Richtungen aus dem Reservoir herausführen, durch den Wasserdampf das Glycoformal intensiv vernebelt und hinausgeschleudert.“ Nach ausgiebigem Lüften sind die Räume sofort wieder uneingeschränkt benutzbar. Die leichte Handhabung ermöglicht eine unkomplizierte und schnelle Einsatzbereitschaft, die überall möglich ist. Nach ausführlichen Tests wurde der Desinfektionsapparat schließlich für den Handel freigegeben und kostete 80 Mark.

Am 10. März 1901 empfahl auch die Königliche Amtshauptmannschaft Dresden-Altstadt die Verwendung des Desinfektionsgerätes. Im gleichen Jahr unterbreitet Lingner den Vorschlag, eine Desinfektionsanstalt in Dresden zu errichten. Dabei bezog er sich auf die Choleraepidemie 1892 in Hamburg. Die Gründung der dortigen Anstalt hatte unzähligen Bürgern das Leben gerettet und die Epidemie gestoppt. Die Kosten für die Errichtung einer Desinfektionszentrale in Dresden übernahm Lingner selbst. Bereits im Juli 1901 wurde die „Öffentliche Zentralstelle für Desinfektion“ eröffnet. Es handelte sich um ein hochmodernes Institut, dessen Konzept die Vorzüge sowie die festgestellten Mängel anderer Einrichtungen miteinander verband. Neben den Aufgaben zur Desinfektion von Wohnräumen, Kleidung und Gebrauchsgegenständen gehörte ab 1902 auch die Ausbildung von Desinfektoren aus allen Städten Sachsens dazu. Damit wurde eine der ersten deutschen Desinfektorenschulen gegründet, die bis heute fortbesteht, seit 1965 jedoch mit Sitz in Leipzig. Ab 1906 gehörte die Anstalt zur öffentlichen Verwaltung. Ihre Arbeit wird heute durch die Dresden Schädlingsbekämpfung und Kommunalhygiene GmbH fortgesetzt. So gilt damals wie heute: Vorsorge ist eben besser als Nachsorge.

Susanne Koch

Quellen: Stadtarchiv Dresden, Bestand 8.53 Gemeindeverwaltung Torna, Sign. 49.

Mai 2021

Messeprospekt für eine Süßwarenverpackungsmaschine des VEB Verpackungs- und Schokoladenmaschinenfabrik NAGEMA in Dresden um 1955
Messeprospekt für eine Süßwarenverpackungsmaschine des VEB Verpackungs- und Schokoladenmaschinenfabrik NAGEMA in Dresden um 1955

Kulturgut Verpackung – Dresden als Zentrum der Verpackungsindustrie

Ob Pralinenschachtel, Suppentüte oder Waschpulverkarton – Verpackungen und Markenlabels funktionieren über Wiederkennungseffekte und werden oft zu persönlichen und kollektiven Erinnerungsträgern ganzer Generationen. Sie erst erschaffen gewissermaßen ein Produkt, wie beispielsweise die berühmte ODOL-Flasche Lingners.

Für die Zeit der Moderne werden Warenverpackungen zunehmend als wichtige Quellen für die Alltags-, Konsum-, Design-, Industrie- und Handelsgeschichte erkannt und erhalten einen eigenständigen Kultur- und Sammlungswert. Das Stadtarchiv Dresden bewahrt mit Sammlungen zum Dresdner Verpackungsmaschinenbau und mit dem Betriebsarchiv des VEB Polypack und seiner Vorgängerunternehmen umfangreiche Bestände zur Geschichte des Verpackungswesens. Dazu gehört auch eine bedeutende Mustersammlung von Warenverpackungen der DDR aus Polypack-Produktion. Exemplarisch für diesen bedeutenden Teil Dresdner Industriegeschichte präsentieren wir in diesem Monat ein Messeprospekt für eine Süßwarenverpackungsmaschine des VEB Verpackungs- und Schokoladenmaschinenfabrik NAGEMA in Dresden aus der Zeit um 1955.

Dass der Raum Dresden sich frühzeitig zu einem innovativen Zentrum der deutschen Papierverarbeitungs- und Verpackungsindustrie entwickeln konnte, ist dem Zusammenspiel verschiedener Faktoren zu verdanken: Die Residenzstadt war wichtiger Standort einer verpackungsintensiven Kolonial-, Genuss- und Luxuswarenfabrikation in Deutschland. Das sich früh industrialisierende Sachsen bildete zudem ein Zentrum des Maschinenbaus, welches zeitig auf neue Entwicklungen im Bereich der Papierherstellung und -verarbeitung reagierte. Namhafte Unternehmen machten den Großraum Dresden um 1900 zu einem bedeutenden Fabrikationsort für Papiermaschinen. Firmen wie Universelle, Loesch, Gäbel und andere bemühten sich in teils enger Zusammenarbeit mit der Dresdner Tabak- und Schokoladenindustrie um die Entwicklung und Herstellung fortschrittlicher Verpackungsmaschinen.

Im Anschluss an diese breite Vorkriegstradition blieb der Standort Dresden trotz reparationsbedingter Demontagen, Verstaatlichung der Betriebe und Abwanderung vieler Unternehmerfamilien in der DDR-Zeit erhalten. So entstand 1950 der VEB Schokoladen- und Verpackungsmaschinen Dresden, auch „Schokopack“ genannt, durch die Vereinigung von Maschinenbaufirmen des Dresdner Ballungsraums. 1972 bildete sich durch die Zusammenlegung des VEB Schokopack und des VEB Tabakuni, als der Nachfolgefirma von Universelle Zigarettenmaschinen, der VEB Verpackungsmaschinenbau Dresden. Dieser war bis 1990 der Leitbetrieb des Kombinates Nahrungs- und Genussmittelmaschinenbau NAGEMA.

Im Rahmen der Archivale des Monats sowie als Teilbereich der Ausstellung „Verpacktes Wissen. Wir konservieren Stadtgeschichte“, welche vom 17. Mai bis 24. September 2021 im Stadtarchiv Dresden zu sehen ist, sollen u.a. interessante Einblicke in die Sammlung historischer Warenverpackungen und in die sich mit ihnen verbindenden Aspekte deutscher und Dresdner Industriegeschichte gewährt werden. In der Konfrontation mit populären Warenverpackungen der Vergangenheit können Sie dann selbst einmal austesten, inwieweit Ihr persönliches Erinnern auch über das Kulturgut Verpackung funktioniert.

Stefan Dornheim

Quellen: Stadtarchiv Dresden, Bestand 13.72 Förderverein für Wissenschaftler, Ingenieure und Marketing Dresden e.V. (WIMAD), Nr. 18 Verpackungsmaschinenbau NAGEMA. Stadtarchiv Dresden, Bestand 9.1.30 Aktiengesellschaft für Kartonagenindustrie/Polypack.

April 2021

Abbildung eines Stadtplans von Dresden, in den die Eingemeindungen von 1549 bis 1945 eingezeichnet sind
Weichbildplan zur Stadtentwicklung mit den Eingemeindungen von 1549 bis 1945

Zweite Eingemeindungswelle 1921 erfasste mehr als 20 Orte. Vor 100 Jahren dehnte die Stadt Dresden ihre Grenzen aus wie nie zuvor

Im Jahre 1921 – vor genau 100 Jahren dehnte die Stadt Dresden ihre Grenzen aus wie nie zuvor. Grund dafür waren die Eingemeindungen von vormals eigenständigen Orten. Zwar gab es vorher auch Einverleibungen – so mitunter der Sprachgebrauch – nach Dresden, aber nicht in diesem Ausmaß.

Von 1836 bis 1999 wurden insgesamt 65 Landgemeinden, vier Gutsbezirke sowie die Stadt Klotzsche nach Dresden eingemeindet. Es gab vier große Eingemeindungswellen: 1903, 1921, 1950 und nach 1990.

Die erste Eingemeindung war der Anschluss von Altendresden (Innere Neustadt) im Jahr 1549. Für mehr als zwei Jahrhunderte veränderte sich das Stadtgebiet durch die Anlage von Festungsbauten kaum. Erst mit Schleifung der Bastionen, die die Stadt nach außen schützten, aber gleichzeitig jede Ausdehnung verhinderten, erweiterte sich Dresden in den 1830er Jahren über das so genannte Weichbild. Dies betraf vor allem die Friedrichstadt, die Radeberger Vorstadt, die Antonstadt und die Leipziger Vorstadt. Zum Ende des 19. Jahrhunderts nahmen die Eingemeindungsbestrebungen wieder Fahrt auf. Striesen und Strehlen wurden schon 1892 sowie Pieschen, Wilder Mann und Trachenberge 1897 angeschlossen. 1901 folgten Gruna ein Jahr später Räcknitz, Seidnitz und Zschertnitz. Mit der ersten großen Eingemeindungswelle im Jahr 1903 kamen Cotta, Kaditz, Löbtau, Mickten, Naußlitz, Plauen, Trachau, Übigau und Wölfnitz zu Dresden. Nach einer kurzen Unterbrechung waren auch Tolkewitz (1912) und Reick (1913) bereit, sich unter die Haube der sächsischen Hauptstadt zu begeben.

Gemeindegrenzen änderten sich insbesondere in Zeiten gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Umwälzungen. Häufig gingen Eingemeindungen mit einer dramatischen Entwicklung in Politik und Wirtschaft einher. Einer solchen Krise folgte auch die Eingemeindungswelle von 1921. Der Erste Weltkrieg bescherte der Bevölkerung viele Sorgen und Nöte und für die Gemeinden waren wirtschaftliche Einbrüche nicht zu verhindern. Mancher Ort wollte sich freiwillig Dresden anschließen, andere wiederum versuchten, die Eingemeindung unter allen Umständen zu vermeiden. Am 1. April 1921 kam es dann zur Massenvermählung von Dresden und den Gemeinden Blasewitz, Briesnitz, Bühlau, Coschütz, Dobritz, Gostritz, Kaitz, Kemnitz, Kleinpestitz, Kleinzschachwitz, Laubegast, Leuben, Leutewitz, Loschwitz, Mockritz, Niedergorbitz, Obergorbitz, Rochwitz, Stetzsch und dem mondänen Weißen Hirsch.

An besagtem Tag wurden vormittags von jeder der betroffenen Gemeinden ein besoldetes Ratsmitglied entsandt, begleitet von mehreren unbesoldeten Ratsleuten mit einem Schriftführer. Nach der „Ordnung für die Übernahmefeiern in den Gemeinden“ übernahm dann Oberbürgermeister Bernhard Blüher in Bühlau, Weißer Hirsch und Rochwitz zwischen 9 und 12 Uhr persönlich die Verwaltungsgeschäfte. Taggleich wurden von anderen Bürgermeistern und Stadträten die Verwaltungsgeschäfte in den nun eingemeindeten Orten übernommen. Blasewitz, Loschwitz und der Weiße Hirsch wehrten sich bis zuletzt gegen die Aufgabe ihrer Selbstständigkeit. Aus der langen Auseinandersetzung gingen die Befürworter siegreich hervor. Am 1. Oktober 1921 bestätigte das Sächsische Ministerium des Inneren die Eingemeindung der drei Orte.

Inzwischen erfasste die Eingemeindungswelle 1921 drei weitere Orte: Ebenfalls zu Dresden kamen am 1. Juni Leubnitz-Neuostra, Prohlis und Torna hinzu. Dreißig Jahre später sollte die nächste Eingemeindungswelle folgen.

Quellen: Stadtarchiv Dresden, 6.4.40.1 Stadtplanungsamt Bildstelle, Nr. XIII3991, 1949.

Titelblatt der Akte zum Kriminalfall Reichel
Titelblatt der Akte zum Kriminalfall Reichel

Wie ein angekündigter Aprilscherz zu Mord und Brandstiftung wurde. Die Verbrechen des Johann Gottlieb Reichel am 1. April 1816

Als Aprilscherz wird laut Duden „Spaß“ oder „Ulk“ definiert, mit dem jemand in den April geschickt wird. Eher als makabrer Scherz ist das zu verstehen, was am 1. April 1816 geschah. Im Bereich der Amtsgemeinde Neuer Anbau, ab 1832 als Stadtteil Antonstadt bekannt, ereignete sich an diesem Tag ein Familiendrama. Darüber berichtete die ausführliche Anzeige des Polizey-Collegii vom 2. April 1816 - das Archivale des Monats April 2021.

Zunächst deutete nicht viel darauf hin, dass an diesem Tage etwas Grauenhaftes geschehen sollte. Morgens frühstückte Johann Gottlieb Reichel „in Ruhe und mit Appetit“, ehe er nach 6 Uhr das Haus verließ. Nachdem der Zimmermann sich bei einem Herrn Kiesling in der Weißengasse unter Vorspiegelung falscher Tatsachen Zutritt zu dessen Boden verschafft hatte, legte er dort Feuer, wodurch auch eine Stube im Haus abbrannte. Er begab sich anschließend zum Gehöft eines Herrn Huhle, wo er brennenden Schwamm und Schwefel in einer Lade mit Stroh versteckte. Dieses fing glücklicherweise kein Feuer. Besagtes Stroh legte er nahe der Gebäude ab. Nach dieser Tat setzte er das in der Nachbarschaft zu seinem eigenen Haus gelegene Heim seiner Schwiegereltern in Brand. Er drang, bewaffnet mit einem Säbel ins Haus ein, wo ihm zuerst die 60-jährige Schwiegermutter zum Opfer fiel. Dieser schlug er in den Kopf, das Rückgrat und die Arme. Dem 75-jährigen Schwiegervater, der hinter einer Kinderwiege stand, trennte er den Arm und zwei Finger einer Hand ab. Seine hochschwangere Ehefrau, die durch den Lärm herbeigeeilt kam, erstach er. Auf seiner Flucht tötete er außerdem zwei im Stall befindliche Pferde, ehe er sich mittels einer alten Pistole selbst richtete.

Im Dresdner Anzeiger war vier Tage später, am 5. April 1816, zu lesen, dass der Körper des Mörders und Brandstifters Johann Gottlieb Reichel am selben Tage durch den Knecht des Scharfrichters „auf den Richtplatz gebracht und dort verscharret“ wurde. Seine Schwiegereltern befanden sich zu dieser Zeit schwerverletzt im Stadtkrankenhaus. Lediglich sein einziges Kind, eine zweijährige Tochter, blieb unverletzt.

Offen blieb das Motiv für diese Taten. Eine Erklärung könnte sein, dass Reichels Schwiegermutter ihn wegen Holzdiebstählen angezeigt hatte. Die als „zanksüchtig“ und „boshaftig“ beschriebene Frau war jedoch selber wegen kleinerer Marktdiebstähle bekannt. Aufgrund der Anschuldigungen wurde Reichel für den 1. April in das Justizamt vorgeladen, um rechtlich belangt zu werden. Soweit kam es jedoch nicht, da er, wie am Tag zuvor in einer Bierschänke verkündet: „die ganze Gemeinde zum Ersten April“ schickte.

Patricia Ottilie

Quellen: Stadtarchiv Dresden, 17.5, Handschriftensammlung, Hs 1921/22.8.2318

Stadtarchiv Dresden, 18, Wissenschaftlich-Stadtgeschichtliche Fachbibliothek, Zt. 1, Dresdner Anzeiger, Nr. 38 vom 5. April 1816

März 2021

Akte mit zwei verpackten Pulvern zur Behandlung von Krätze
Knapp 200 Jahre überdauerten die zwei Päckchen mit Tee und Pulver gegen Krätze als Beweismittel für einen vermeintlich unlauteren Medikamentenhandel in den Akten des Stadtarchivs Dresden.

Wenn es juckt und brennt, fragen Sie einen Arzt oder Apotheker – aber bitte einen Seriösen. Zum illegalen Medikamentenhandel in der Dresdner Friedrichstadt um 1835  

In Zeiten der anhaltenden Corona-Pandemie richten sich die Fragen zum Umgang mit Krankheiten und den damit einhergehenden Folgen nicht nur an die medizinische Wissenschaft und Forschung, sondern zunehmend auch an den Erfahrungsschatz der Geschichtswissenschaft. Im Zuge von Recherchen nach pandemiebezogenen Quellen im Stadtarchiv Dresden gelang den Mitarbeitern ein kleiner Sensationsfund.

Sie entdeckten, dass eine Akte aus dem Ratsarchiv mit dem Titel „Acta von Handel mit Medikamenten“ zwei kleine papierne Faltumschläge enthält. Der Inhalt war durchaus überraschend, handelt es sich doch um eine Teemischung sowie um ein Pulver zur Behandlung von Skabies, umgangssprachlich Krätze genannt. Erste Erkenntnisse zur Erforschung dieser Krankheit gelangen dem italienischen Forscher Giovanni Cosimo Bonomo (1666 bis 1696), der mittels Mikroskop ein kleines Tierchen entdeckte, das sich in der Oberschicht der Haut verbarg und als Verursacher der Beschwerden identifiziert werden konnte. Aus den neuen Informationen eine Behandlungsstrategie abzuleiten, vermochte allerdings erst der Wiener Mediziner Ferdinand von Hebra (1816-1880) um 1850. Bis dahin musste auf Rezepturen zurückgegriffen werden, die bereits seit dem Mittelalter im Umlauf waren und für alle Anbietenden ein gutes Geschäft bedeuteten.

Im vorliegenden Fall verkaufte ein selbsternannter „Ober-Wundarzt“ namens Kämpfe, wohnhaft in der Friedrichstadt im Haus Nr. 43 neben der Apotheke, ein Mittel gegen besagte Krätze. Um sich von dem juckenden und quälenden Übel zu befreien, zahlten die Käufer kleine Vermögen, weit über ihre Zahlungsfähigkeit hinaus. Aufmerksam auf diese Machenschaften wurde ein Arzt namens Gustav Friedrich Gruner durch einen medizinischen Notfall in der Weißeritzstraße 64. Nachdem sich die unter Nervenfieber leidende Patientin erholt hatte, berichtete sie Gruner, dass sie Medikamente eingenommen habe, die ihr Ehemann aufgrund seines Krätzleidens von oben benanntem Kämpfe gekauft hatte. Nachdem der Arzt wenige Tage später erneut in das Haus auf der Weißeritzstraße gerufen wurde, um einen 7-jährigen Jungen gegen ein Hautleiden zu behandeln, kam auch hier das Gespräch auf diese Medikamente. Laut Angabe der Pflegemutter war die Behandlung erfolgreich und der Hautausschlag zurückgegangen, der Gesundheitszustand des Kindes aber kritisch und das Vermögen der Familie aufgebraucht. Die Dame überließ dem Arzt die Tee- und Pulverproben, die Gruner in der hiesigen Apotheke analysieren ließ.  Da der Preis für die einzelnen Bestandteile keineswegs gerechtfertigt war, ging Gruner davon aus, dass es sich bei vorliegender Sache um „bedeutenden Wucher“ und „Geldprellerey“ handle. Auch die hohe Qualität machte Gruner skeptisch, sodass der Arzt einen professionellen Hintergrund vermutete, bei dem gut wirksame Medikamente zusammengemischt wurden. Das daraus resultierende Heilmittel als Ganzes aber wurde weit über Wert verkauft. Zudem stand es keineswegs jedem Arzt oder Apotheker frei, Medikamente in Umlauf zu bringen. Aus diesem Grund formulierte am 13. Januar 1835 der Arzt Gruner beim Dresdner Amtsphysikus, gemeint ist damit ein approbierter Arzt, der auf einer amtlichen Stelle der städtischen Gesundheitsverwaltung tätig war, eine Beschwerde. Damit sich der Amtsphysikus selbst vom dargelegten Tatbestand ein Bild machen konnte, übersandte Gruner die heute noch erhalten zwei Päckchen an den Rat der Stadt Dresden.

Welche Ingredienzen zur Herstellung des erfolgreichen Krätzheilmittels notwendig sind und ob der Beklagte Kämpfe tatsächlich eine Rechtswidrigkeit begangen hat, kann nur ein Blick in die Akte verraten.

Sylvia Drebinger-Pieper

Quelle: Stadtarchiv Dresden 2.1.5 F.XVI.102 u

Februar 2021

Collage der Dresdner Olympiateilnehmer von 1972
Die Teilnehmer der Olympischen Spiele des SC Einheit Dresden nach Disziplinen: Leichtathletik: Evelyn Kaufer (Sprint), Max Klauß (Weitsprung), Kristina Albertus (Weitsprung), Angelika Liebsch (Weitsprung), Rudern: Frank Forberger, Frank Rühle, Dieter Grahn und Dieter Schubert, Kanu: Eduard Augustin, Bettina Müller, Gewichtheben: Manfred Rieger, Werner Dittrich, Karl Arnold (nahm nicht teil), Turmspringen: Lothar Matthes, Sylvia Fiedler, Schwimmen: Lothar Noack (Rücken), Jürgen Krieger (Rücken), Christine Herbst (Rücken), Gudrun Wegener (Freistil), Sylvia Eichner (Freistil), Christian Lietzmann (Lagen), Bildmitte in Anzügen: Gottfried Dähn (Rudern, wohl Ersatz), Reinhard Martin (Rudern, wohl Ersatz), Rest unbekannt.

Spitzensport in Dresden. Der SC Einheit Dresden und seine Olympiateilnehmer 1972.

Die Olympischen Spiele gehören zweifellos zu den Höhepunkten im Leben eines Sportlers. Alle vier Jahre werden wenige von ihnen ausgewählt, sich in den Wettkämpfen zu beweisen. Vom 26. August bis zum 11. September 1972 fanden in München die XX. Olympischen Sommerspiele statt, zugleich die ersten Sommer-spiele mit einer souveränen DDR-Olympiamannschaft. Mit dabei waren auch Sportlerinnen und Sportler des SC Einheit Dresden. 1954 gegründet, war der SC Einheit Dresden für die Förderung des Leistungssports im Bezirk Dresden zuständig. Spätestens mit dem vom SED-Politbüro im Hinblick auf die Spiele in München gefassten Leistungssportbeschluss von 1969 konzentrierte man sich auch hier auf die besonders medaillen-trächtigen Sportarten. 1972 gingen schließlich Dresdner Athleten in den Sportarten Rudern, Kanu, Schwimmen, Turmspringen, Gewichtheben und in der Leichtathletik an den Start.

Die abgebildete Fotomontage entstand im unmittelbaren Vorfeld der Olympischen Spiele. Zu sehen ist unter anderem der legendäre, mehrere Jahre die Weltspitze dominierende Rudervierer ohne Steuermann. In der Besetzung Frank Forberger, Frank Rühle, Dieter Grahn und Dieter Schubert errangen sie zum zweiten Mal nach 1968 die Goldmedaille. Es blieb der einzige Sieg für Dresdner Sportler in jenen Tagen. Dennoch konnten weitere Erfolge gefeiert werden: Christine Herbst schwamm mit der 4x100 Meter Lagenstaffel in Europarekordzeit zu Silber. Ebenfalls Silber gab es für die Sprinterin Evelin Kaufer, die in der 4x100 Meter Staffel als Startläuferin zum Einsatz kam. Eine Bronzemedaille erhielt Gudrun Wegner nach ihrem starken Rennen über 400 Meter Freistil, das sie in neuer DDR-Rekordzeit beendete. In dieser Aufzählung sollen die Fußballer der SG Dynamo Dresden nicht unerwähnt bleiben. Hans-Jürgen Kreische, Reinhard Häfner, Siegmar Wätzlich und Frank Ganzera, übrigens jeder ein Torschütze im Turnier, wurden mit der DDR-Nationalmannschaft, unter anderem nach einem Zwischenrundensieg gegen die Auswahl der BRD, überraschend Dritter.

Auch allen anderen Athleten, nicht nur den Medaillengewinnern, können hervorragende Leistungen attestiert werden. Absolut beeindruckend ist, dass beinahe alle Dresdner Sportler das Finale in ihrer jeweiligen Disziplin erreichten. Doch allein der Blick in die Ergebnislisten lässt nichts von den dramatischen Ereignissen erahnen, die außerhalb des Sportlichen bis heute in Erinnerung geblieben sind. Am 10. Wettkampftag nahmen palästinensische Terroristen Mitglieder des israelischen Nationalteams als Geiseln. Der anschließende Befreiungsversuch durch die bayerische Landespolizei endete in einem Desaster. Der bereits erwähnte Dieter Grahn meinte später, die Geschehnisse hätten „für einen Bruch in dem bis dahin friedlichen Fest gesorgt“. Wie alle, genoss er die zuvor tolle Stimmung, aber „plötzlich war alles abgeriegelt und so bedrückend.“ Nach einem halben Tag Unterbrechung wurden die Spiele fortgesetzt. „The Games must go on“, wie IOC-Präsident Avery Budage verkündete.

Sportlich waren es insgesamt überaus erfolgreiche Tage. Die Mannschaft der DDR belegte mit 66 Medaillen, darunter 20x Gold, 23x Silber sowie 23x Bronze, Platz drei in der Nationenwertung, hinter der UdSSR und den USA. Damals wie heute treibt jeden Athleten der Siegeswille zu Höchstleistungen an. Aktuell bereiten sich die Olympiakandidaten des Dresdner SC auf die kommenden Olympischen Spiele in Tokio vor.

Quelle: Fotomontage „Teilnehmer der Olympischen Spiele 1972. SC Einheit Dresden“, Stadtarchiv Dresden, 13.68 SC Einheit Dresden / DSC 1898 e.V., Nr. 75;

Zitat Dieter Grahn entnommen aus Maik Schwert: Ein Bruch im friedlichen Fest, Sächsische Zeitung (Ausgabe Dresden) vom 16. Juni 2004, S. 13.

Patrick Maslowski

Januar 2021

Einblick in das sanierungsbedürftige Güntzbad im Jahr 1955.
Lädiert, aber durchaus sanierbar. Zustandsaufnahme der Damenschwimmhalle vom 28. April 1955

Schwimmen und Schwitzen im großen Stil. Zur Geschichte des Güntzbades in Dresden

Mit den Worten „Dem Bauherrn zur Ehr‘, der Stadt zur Zierde, den Mitbürgern zum Segen“ übergab Stadtbaurat Hans Erlwein (1872-1914) im Dezember 1905 feierlich das neu errichtete Güntzbad in die Hände der Stadtverwaltung. Nach der Eröffnung am 2. Januar 1906 verfügte die Großstadt Dresden somit endlich über ein modernes städtisches Hallenbad. Bereits 1897 soll Oberbürgermeister Otto Beutler (1853-1926) bei einem Besuch des „großen Schwimmbads“ in Stuttgart die Idee hierzu entwickelt haben. Die Initiative für die Realisierung des Projektes ergriff die gemeinnützige Dr. Güntz’sche Stiftung, die für sämtliche Baukosten aufkam und der Stadt zusätzlich einen Reservefond zur Instandhaltung zur Verfügung stellte. Die Stiftung erwarb am 1. April 1899 zunächst Grundstücke unmittelbar an der Carolabrücke in der Marschnerstraße und am Elbberg. Die beiden Straßenfronten wurden mit Wohn- und Geschäftshäusern bebaut, während die Badeanlagen im hinteren Teil der Grundstücke errichtet wurden. Für Anregungen zur baulichen Gestaltung reiste Stadtbaurat Edmund Bräter (1855-1925) sogar eigens zum Müller‘schen Volksbad nach München.

Das Güntzbad war einer der bedeutendsten Jugendstilbauten in Dresden und verfügte über ein Herren- und ein Damenbecken, ein römisch-irisches Schwitzbad, ein Hundebad sowie etwa 50 Zellen für Wannenbäder. Auch ein Erfrischungsraum, eine Wäscherei und ein Friseur waren vorhanden. Das Wasser wurde über einen eigenen Brunnen bezogen und ein Pumpwerk sorgte für einen regelmäßigen Wasseraustausch. Der Gesamtaufwand für den Bau betrug etwa 1,5 Millionen Mark. Von Anfang an entwickelte sich das Bad zum Besuchermagnet: 1906 waren bereits 195 232 Gäste zu verzeichnen, bis 1925 erhöhte sich die Zahl auf 703 228. Der Blick auf die insgesamt rund 558 000 Besucherinnen und Besucher im Jahr 2019 in allen sieben Dresdner Schwimmhallen erlaubt Vermutungen über das damalige Gedränge in den Badeabteilungen und Schwitzstuben. In der Folge verschwanden viele der etwa 50 kleineren, privaten Badeanstalten und das Güntzbad konnte den Besucherstrom nicht mehr aufnehmen. Daher wurde 1925 unter Stadtbaurat Paul Wolf (1879-1957) ein Erweiterungsbau mit Kurbadeabteilung projektiert, der im April 1927 eröffnet werden konnte. Zugleich erfolgte eine Modernisierung der älteren Bauten und der technischen Betriebsanlagen. So war das Güntzbad möglicherweise das erste deutsche Hallenbad mit Unterwasserbeleuchtung. In der Badeanstalt fanden nun 143 Personen eine Beschäftigung, darunter auch ein „Badearzt“.

Bei den Luftangriffen im Februar 1945 wurden die Gebäude zwar beschädigt, aber nicht zerstört. Die Wiederherstellung fand bis Ende der 1950er Jahre weitgehend Befürwortung, da der Bäderbedarf in Dresden hoch war und durch den teilweise sehr guten Erhaltungszustand hierfür nur „verhältnismäßig geringe finanzielle und baustoffmäßige Mittel“ notwendig waren. Trotzdem wurde die Instandsetzung immer wieder verschoben und das Güntzbad 1964 schließlich abgerissen. Damit verschwand ein Wahrzeichen der Dresdner Bade- und Stiftungskultur endgültig aus dem Herzen der Stadt.

Quelle: Stadtarchiv Dresden, 6.4.40.1, Stadtplanungsamt Bildstelle, Schlüssel II8942, Nr. 1, unbekannter Fotograf, bearbeitet.

Johannes Wendt

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