Landeshauptstadt Dresden - www.dresden.de

https://www.dresden.de/de/rathaus/aemter-und-einrichtungen/unternehmen/stadtarchiv/archivalien-des-monats.php 29.04.2022 13:17:53 Uhr 16.05.2022 13:24:13 Uhr

Archivalien des Monats

Mai 2022

Vorderseite einer Umschlagmappe der Kinderpost, innenliegend mit Briefpapier, Briefmarken und Umschlägen
Vorderseite einer Umschlagmappe der Kinderpost, innenliegend mit Briefpapier, Briefmarken und Umschlägen

Helga Knobloch – eine Dresdner Malerin und Grafikerin

Spielende Kinder, aber auch Hausarbeit verrichtende, Kinder, die Blumen pflücken, Sandburgen bauen, Schiffe bestaunen, sich um Haustiere kümmern, Kinder, die auf Post warten, gerade bekommen oder bereits lesen. Dergestalt entwarf Helga Knobloch ihre Szenerien und Figuren für Briefpapier, Umschläge und Briefmarken, liebevoll arrangiert als Konvolut, genannt Kinderpost. Es waren Motive mit und für Kinder, Heiterkeit und Freude ausstrahlend, die zum Briefeschreiben ermunterten.

Helga Knobloch blieb ihr Leben lang Dresden verbunden. Am 5. März 1924 in Loschwitz geboren, absolvierte sie eine Lehre als graphische Zeichnerin. Ihr im Februar 1945 zerstörtes elterliches Wohnhaus und die anschließenden Kriegswirren ließen sie kurzzeitig nach Luxemburg und Düsseldorf ziehen, bevor sie im September 1946 nach Dresden zurückkehrte und sich gleich im ersten Nachkriegsjahrgang an der Hochschule für Bildende Künste einschrieb. Sie studierte zunächst Malerei, dann Gebrauchsgrafik und lernte bei damaligen Größen wie Carl Rade, Joseph Hegenbarth, Hajo Rose und Hans Christoph. Mit Letzterem verband sie seitdem eine langjährige Lebens- wie Arbeitspartnerschaft. Dass sie eine großartige Künstlerin war, beweisen bereits ihre 1947/48 im Neustädter Bahnhof entstandenen Milieustudien, die sogenannten Bahnhofsbilder.

Nach Abschluss ihres mit Auszeichnung bestandenen Studiums 1952 arbeitete sie ihr gesamtes Berufsleben lang als Werbegrafikerin. Sie illustrierte Kinderbücher, entwarf Modegrafiken und gestaltete Plakate und Stände für die Leipziger Messe. Die oben thematisierte Kinderpost-Serie entstand in dieser Zeit. Erst in den späten 1980er Jahren wandte sie sich zunehmend wieder der Malerei zu, wovon einige Ausstellungen vor allem in den 2000ern zeugen. Helga Knobloch verstarb vor knapp zwei Jahren am 21. Juli 2020 in Dresden.

Abschließend bliebe, in Anlehnung an Helga Knoblochs bezaubernder Kinderpost, die Anregung, selbst mal wieder einen Brief zu schreiben, gerade an Menschen, die man gern hat … weil es sich lohnt.

Patrick Maslowski

Quelle: Stadtarchiv Dresden, 16.2.116 Helga Knobloch, Nr. 12.

April 2022

Notenblatt vom Komponisten Willy Kehrer
"Ährenlied" aus "Fünf Improvisationen für Klavier (Ernste Tänze) op. 58" des Komponisten Willy Kehrer

Als Begleitmusik zu Tänzen zu spielen. Der Nachlass des Komponisten Willy Kehrer im Stadtarchiv Dresden

Am 26. April jährt sich zum 120. Mal der Geburtstag des Dresdner Komponisten Willy Kehrer (1902 – 1976), dessen umfangreichen Nachlass das Stadtarchiv Dresden vor Kurzem übernahm. Eine Archivalie aus dem Nachlass wird diesen Monat im Lesesaal des Stadtarchivs Dresden, Elisabeth-Boer-Straße 1, präsentiert.

Willy Kehrer wurde in Dresden geboren und studierte an der Dresdner Musikhochschule Komposition, Klavier und Dirigieren. Er war als Liedbegleiter und Solist tätig, spielte zu Kabarettveranstaltungen im Café Altmarkt und komponierte nebenbei. An der Schule der Tanzpädagogin Lotte Dornig (1898 – 1985) begleitete er die Laienkurse. Daraus erwuchs eine lebenslange Freundschaft, von der auch Briefe im Nachlass zeugen. Die vorliegende Archivalie ist Lotte Dornig zugeeignet. Es handelt sich um ein gebundenes Notenheft mit zwölf Seiten. Das Werk trägt den Titel „Fünf Improvisationen für Klavier (Ernste Tänze) op. 58“ und ist mit der ausdrücklichen Bestimmung versehen, dass die Stücke „[n]ur als Begleitmusik zu Tänzen zu spielen“ seien.

Ab 1935 entwickelte sich eine bemerkenswerte, langjährige Zusammenarbeit mit Gret Palucca (1902 – 1993), die seine herausragenden Fähigkeiten als Improvisator schätzte. Bis zu seiner Pensionierung im Jahr 1967 wirkte Willy Kehrer an der Paluccaschule als Pianist, Improvisator und künstlerischer Mitarbeiter. Er arbeitete mit Palucca im Unterricht zusammen, komponierte zahlreiche tänzerische Improvisationen und Etüden zu den Stoffgebieten des Neuen Künstlerischen Tanzes, schrieb Ballette und Tanzspiele für die Paluccaschule. Gret Palucca wiederum schuf zu seiner Musik mehrere Choreographien.

Willy Kehrers kompositorisches Werk erstreckte sich über nahezu alle Genres – Sinfonien, Ouvertüren, Orchesterstücke, Konzerte für Klavier, Violine, Horn, Kammermusik, Oratorien, Kantaten und Liederzyklen sowie mehrere Bühnenwerke. Außerdem schrieb er eine Abhandlung über Klavierimprovisation, in die seine jahrzehntelange Erfahrung als Pianist und Klavierimprovisator sowie als Pädagoge einfloss.

Sein Nachlass umfasst etwa 29 laufende Meter Archivgut. Darunter befinden sich nicht nur die Originalnoten seiner Kompositionen, sondern auch Tonbandaufnahmen, Tagebücher, Reisenotizen, private Dokumente und Fotos sowie Zeichnungen und Skizzen. Das Willy-Kehrer-Archiv wurde zunächst durch seine Ehefrau Alice Kehrer betreut, später durch die nachfolgende Familiengeneration. Nun befindet sich der Nachlass im Stadtarchiv Dresden, das eine fachgerechte Aufbewahrung und Benutzung gewährleisten wird.

Claudia Richert

Quelle: Stadtarchiv Dresden, 16.1.27 Nachlass Willy Kehrer, Karton O-44

März 2022

Das zerstörte neue Rathaus in Dresden. Die Dächer und Fenster sind vollständig zerstört. Der Rathausturm ist in der Bildmitte zu sehen. Im Vordergrund stehen Bäume.
Teilfassade des zerstörten Dresdner Rathauses im Jahr 1947.

Verschollen! Das Schicksal der Dresdner Urkunden.

Der 13. Februar erinnerte gerade deutlich an die Zerstörung Dresdens und den Tod Tausender. Im Februar 1945 waren auch große Teile des Dresdner Stadtarchivs von Totalverlust bedroht. Genau in dieser Zeit übernahm eine der ersten deutschen Archivarinnen – Dr. Elisabeth Boer (1896/1991) - die stellvertretende Leitung des Stadtarchivs, unmittelbar nach dem Tod von Müller-Benedickt, dem langjährigen Direktor. Durch ihren Einsatz zum Schutz der wertvollen Bestände konnten mehr als dreiviertel des Bestandes gerettet werden. Auf ihre Initiative hin und die von Heinrich Butte, wurden schon 1943 wertvolle Bestände in die Oberlausitz verbracht, mit dem Näherrücken der Front jedoch 1944/45 zurückgeholt und teilweise in die Tiefkeller des Rathauses eingelagert. In blauen Pappbehältern und Urkundenschränken überstanden so große Teile der Bestände nahezu schadlos die Angriffe.

Jeglicher Zugang zu den Magazinen war auch nach dem Einmarsch der Truppen der Roten Armee für das Archivpersonal gesperrt, obwohl Elisabeth Boer deutlich auf die weiteren Schäden durch Wassereinbrüche verwies. Erst Mitte Februar 1946 wurde der Zutritt offiziell erlaubt. Einen Monat vorher schon, hatten leitende Mitarbeiter und am 18. Januar 1946 Elisabeth Boer die Räume illegal betreten und …konstatierten: „Im Ganzen ergab die Besichtigung ein immerhin tröstlicheres Bild, als vorher zu befürchten gewesen war ...der überwiegend wichtige Teil des Archivs ist uns erhalten geblieben.“ Als der Zutritt dann offiziell am 17. Februar 1946 gestattet wurde, fehlten 418 Pergamenturkunden aus den Jahren ab 1260 und annähernd 3000 Papierurkunden von 1476 an. Mitsamt diverser Schaustücke waren diese von russischen Offizieren abgeholt worden. Alle Mahnungen und Bemühungen seitens der Direktorin (1951 – 56) u. a. wurden unterbunden - sie selbst mundtot gemacht, daraufhin verließ sie das Stadtarchiv für immer. Im Juli 1958 wurden 211 Urkunden zurückgegeben, 1979 und vier Jahre später gab es kleinere Rückgaben. Erst im Dezember 1983 tauchten einige der Urkunden auf ominöse Weise wieder auf – so die Urkunde vom März 1260. Während einer Gastvorlesung von Prof. Coblenz in Marburg wurden diese ihm von Unbekannten zugespielt. Immer noch sind über 3000 Urkunden und Zehntausende Akten in den Sonderarchiven in Moskau und permanenter Anlass der Stadt Dresden, sich um die Rückführung nach mehr als 75 Jahren zu bemühen.

Thomas Kübler

Quelle: Stadtarchiv Dresden, 6.4.40.2 Stadtplanungsamt Bildstelle, II 10125, 1947

Februar 2022

Bekanntmachung zur Einführung einer Ortskrankenkasse für Loschwitz, Bühlau, Rochwitz, Wachwitz und Weißer Hirsch, 1884
Bekanntmachung zur Einführung einer Ortskrankenkasse für Loschwitz, Bühlau, Rochwitz, Wachwitz und Weißer Hirsch, 1884

Archivalie zum Welttag der sozialen Gerechtigkeit

Die Vereinten Nationen riefen erstmals im Jahr 2009 den Welttag der sozialen Gerechtigkeit aus. Seitdem appellieren jährlich am 20. Februar verschiedene Institutionen die soziale Ungleichheit zu überwinden. Aus historischer Perspektive wurde das Armutsrisiko, das mit der sozialen Ungerechtigkeit einhergeht, vielfach diskutiert und in Teilen darauf reagiert. Beispielsweise im 19. Jahrhundert, in Folge der Industrialisierung, erreichten die sozialen Probleme einen Höhepunkt. Sichtbar wurde diese soziale Ungleichheit durch eine steigende Zahl Armer, Kranker und hilfsbedürftiger Menschen vor allem in den wachsenden Städten. Die Wohnungsnot, sehr schlechte Arbeitsbedingungen, Unterernährung und der daraus resultierende Anstieg von Krankheiten überforderten die Kommunen zunehmend. Traditionell war die Armenversorgung durch ein Mischsystem von kommunaler und kirchlicher Fürsorge gewährleistet worden. Im Zuge dieser unzureichenden Wohlfahrt entwickelte sich im 19. Jahrhundert auf der einen Seite das soziale Vereinswesen. Auf der anderen Seite führte die angespannte Situation zu einer Gründungswelle von Arbeitervereinen, deren Streiktätigkeiten bei den sozialistischen sowie sozialdemokratischen Parteien Unterstützung fanden. Im Jahr 1883 reagierte Otto von Bismarck mit der Sozialgesetzgebung zum Schutz der Arbeiter auf den steigenden Druck. Die Sozialgesetzgebung beinhaltete die Krankenversicherung, Unfallversicherung und Rentenversicherung. Die Archivalie des Stadtarchivs Dresden steht beispielhaft für die Umsetzung der Krankenversicherung. Die amtliche Bekanntmachung informierte über die Gründung der „Allgemeinen Ortskrankenkasse für Loschwitz und Nachbarorte“ im November 1884. Die „constituierende Generalversammlung“ sollte aus „sämmtlichen versicherungspflichtigen Personen […] sowie aus denjenigen Arbeitgebern bestehen, welche versicherungspflichtige Personen beschäftigen.“ Mit der heutigen gesetzlichen oder privaten Krankenkasse ist die erste Krankenversicherung von 1883 nicht vergleichbar. Der damalige Katalog sah Leistungen vor wie freie ärztliche Behandlung, freie Medikamente sowie Krankengeld ab dem dritten Tag von mindestens 50 Prozent des Lohnes für maximal 26 Wochen. Hinzu kam eine Unterstützung durch eine Wöchnerin für vier Wochen nach der Geburt und Sterbegeld in Höhe des 20-fachen Lohnes.

In den Beständen des Stadtarchivs Dresden befinden sich zahlreiche historische Unterlagen zu den Themenschwerpunkten wie Industrialisierung, Fürsorge- und Wohlfahrtssystem, Gesundheitswesen, die im Lesesaal ausgewertet werden können.

Annemarie Niering

Quelle: Stadtarchiv Dresden, 8.58 Weißer Hirsch, Nr. 249

Januar 2022

Gret Palucca steht mittig im Raum. Eine Aufführung während des Unterichts in der Tanzschule soll stattfinden. Im Vordergrund stehen Schüler der Paluccaschule. Im Hintergund sitz und steht das Publikum.
Gret Palucca während des Unterrichts in der Tanzschule in den 1980er Jahren.

Gret Palucca zum 120. Geburtstag

Anlässlich des 120. Geburtstages von Gret Palucca erinnert das Stadtarchiv Dresden in der Serie Archivalie des Monats an das Leben und Wirken der Tänzerin. Die am 8. Januar 1902 in München geborene Margarethe Paluka eroberte bereits in den 1920er Jahren die Bühnen in Deutschland und im Ausland. Sie tanzte mit Mary Wigmann bis 1924, danach erfolgte ihre Solokarriere. Im „Berliner Abendblatt“ hieß es nach einem Auftritt am 6. November 1929: „Palucca tanzt – und ist herrlich wie je. Hier mündet der Tanz ins Leben ein. – Welche Einfachheit, welche Sparsamkeit in Gesten und Bewegungen. Wie wunderbar diese Vereinigung von Starkem und Zartem, von leidenschaftlichem Ausbruch und leisem Verlöschen, von dunkler Trauer und übermütiger Heiterkeit.“ Zu diesem Zeitpunkt lag die Gründung ihrer Dresdner Tanzschule bereits vier Jahre zurück. Gret Palucca unterrichtete unter anderen Tanztechnik, Improvisation, rhythmische Erziehung, Tanzgeschichte und Anatomie. Aufgrund ihrer jüdischen Herkunft und des Tanzstils wurde ihr die Vermittlung von Freien Tanz während des Nationalsozialismus verboten. Bis 1944 übernahmen Adolf Havlik und Eva Glaser die Leitung der Schule. Kurz nach Kriegsende, im Juli 1945, eröffnete Palucca ihre Schule erneut. Vier Jahre später wurde diese verstaatlicht und bekam den Status einer Fachschule für künstlerischen Tanz. Ihr Amt als Schulleiterin legte sie 1952 wegen Einmischung der Staatlichen Kommission für Kunstangelegenheiten nieder. In den folgenden Jahren erfolgte die Berufung von Gret Palucca als künstlerische Leiterin und sie unterrichtete bis kurz vor ihrem Tod. Sie stirbt am 22. März 1993 in Dresden mit dem Wunsch auf der Insel Hiddensee beigesetzt zu werden.

Im Stadtarchiv ist ein Konvolut historischer Unterlagen über die Dresdner Tänzerin Gret Palucca und ihrer Tanzschule archiviert. Die Archivalie des Monats zeigt eine Kinder-Tanzgruppe mit Palucca aus den 1980er Jahren. Die Fotografie befindet sich aktuell in der Ausstellung „Günter Ackermann – Fotografie“ im Stadtarchiv Dresden. Aufgrund der Schließung durch die Corona-Notfall-Verordnung wurde die Fotoausstellung auf der Elisabeth-Boer-Str. 1 bis zum März 2022 verlängert.

Annemarie Niering

Quelle: Stadtarchiv Dresden, 17.6.2.30, Bildarchiv, Günter Ackermann.

Drucken