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https://www.dresden.de/de/rathaus/aemter-und-einrichtungen/unternehmen/stadtarchiv/archivalien-des-monats.php 31.08.2022 12:59:23 Uhr 27.09.2022 22:22:45 Uhr

Archivalien des Monats

September 2022

Das illustrierte Merkblatt zeigt den richtigen Umgang mit Bodenschätzen.
Das illustrierte Merkblatt zeigt den richtigen Umgang mit Bodenschätzen.

Das Stadtarchiv im Boden. Versteckt – entdeckt – Großprojekt?

Über Jahrhunderte, sogar über Jahrtausende überdauern archäologische Strukturen und Funde unberührt im Boden. Dort sind sie am besten vor Zerstörung geschützt. Der Boden übernimmt somit die Aufgabe eines Archives – er bewahrt kulturelle Hinterlassenschaften. Doch immer wieder droht durch Baumaßnahmen, Erosion oder illegale Sondengänger dieser sichere Ort gestört zu werden. Wie unsere Archivalie des Monats September zeigt, erkannte man bereits in der Archäologie der 1920er und 1930er Jahre, wie wichtig es ist, dem Laien den richtigen Umgang mit Bodenschätzen näher zu bringen.

Professor W. Schulz von der damaligen Landesanstalt für Volkheitskunde Halle illustrierte dafür dieses undatierte Merkblatt für den „Landespfleger für Bodenaltertümer in Sachsen“. Zu sehen ist zunächst ein Erdarbeiter, der einen vergrabenen Topf freilegt. In der Hoffnung einen Schatz gefunden zu haben, zerstört er ihn umgehend. Die Enttäuschung ist groß, als er darin kein Gold findet, und er lässt die Scherben unbeachtet liegen. Sein Kollege erkennt jedoch den Wert des Fundes und übergibt ihn dem Museum. Im Anschluss zeigt dieser Kollege, wie man im Falle eines Bodenfundes richtig vorzugehen hat. Die Stelle bleibt unberührt, wird gesichert und die zuständige Behörde informiert.

Im Grunde gilt das heute noch immer. Bei der Entdeckung eines im Boden liegenden Objekts sowie der Freilegung von Verfärbungen oder Strukturen ist unverzüglich das Landesamt für Archäologie zu verständigen. Wichtig ist, alles unverändert zu lassen. Denn für die Archäologen ist nicht nur ein einzelnes Fundobjekt von Interesse, sondern der gesamte Befund. Darunter versteht man im Boden erkennbare Einzelstrukturen wie Gruben, Mauern, Gräben oder Erdschichten. Bei der fachlichen und systematischen Ausgrabung und Dokumentation können die Experten Aussagen über Funktion und Datierung der Funde und Befunde treffen.

Sehr häufig kursiert das Vorurteil, dass Archäologen Baustopps und unnütze Kosten verursachen und alles in ein Großprojekt mündet. Tatsächlich liegt dem Landesamt für Archäologie sehr daran, die Bodenschätze so gut wie möglich durch Abdeckung oder Einbindung in den Neubau in der Erde zu bewahren und nur die von Tiefbaumaßnahmen betroffenen Flächen auszugraben. Denn jede Ausgrabung bedeutet die unwiederbringliche Zerstörung von Bodendenkmälern. Und wo ist Kulturgut besser aufgehoben als im (Boden)Archiv?

Susanne Koch

Quelle: Stadtarchiv Dresden, 17.2.100 Sammlung Ortsarchiv Leubnitz-Neuostra, Nr. 70

August 2022

Nussknacker und andere Weihnachtsdeko im Flutschlamm
Nussknacker und andere Weihnachtsdeko im Flutschlamm

Weihnachtsdeko im Hochsommer. Erinnerungen an die „Jahrhundertflut 2002“

Im August letzten Jahres veröffentlichte das Stadtarchiv Dresden unter dem Slogan „Jahrhundertflut 2002 – Erinnerungen gesucht“ einen Aufruf, um Material für die Ausstellung zur Jahrhundertflut zu sammeln. Die Bürger*innen wurden gebeten, ihre Erinnerungen an diese Zeit mit uns zu teilen und Bildmaterial, Geschichten und Erinnerungsstücke für die Ausstellung zur Verfügung zu stellen. Unter den 78 Abgaben waren zahlreiche Fotos, Publikationen und private Aufzeichnungen, die einen imposanten Eindruck jener Tage vermittelten.

Darüber hinaus erhielt das Stadtarchiv einige sehr persönliche Objekte, die mit emotionalen, zum Teil skurrilen bis hin zu witzigen Anekdoten verbunden sind. Ein Beispiel für eine sehr berührende Geschichte bilden zwei Nussknacker, die wir für die Ausstellung als private Leihgabe erhalten haben. Die bemalten Holzfiguren fristeten ihr Dasein – schließlich war Hochsommer – zusammen mit anderer Weihnachtsdekoration in einem Keller auf der St. Petersburger Straße im Zentrum von Dresden. Nachdem die Weißeritz nach tagelangen Starkniederschlägen am 13. August 2002 die Innenstadt erreicht hatte, kam es durch eindringendes Schmutzwasser zur Überflutung des Kellers. Die persönlichen Dinge konnten nur nass und beschädigt gesichert werden. Doch insbesondere die beiden Nussknacker lagen ihrer Besitzerin am Herzen. Die emotionale Verbundenheit reicht bis weit in die Kinder- und Jugendzeit zurück. Einen der Nussknacker kaufte die Dresdner Köchin 1965 zu Beginn ihrer Ausbildung in einem Laden auf der Hauptstraße von ihrem ersten Lehrlingsgehalt. Der zweite Nussknacker war ein Geschenk ihrer Mutter, sozusagen ein Familienerbstück. Die beiden Weihnachtsfiguren waren über Jahrzehnte ein fester Bestandteil familiärer Tradition und Inbegriff schöner Erinnerungen, so dass sich die Besitzerin kurzerhand dazu entschloss, die Nussknacker restaurieren zu lassen. Auf diese Weise wurden beide nicht nur vor dem Sperrmüll gerettet, der in großen Massen nach den Tagen der Flut entsorgt wurde, sondern sie erhielten zugleich eine bewegte Geschichte, die gemeinsam mit den Nussknackern von Generation zu Generation weitergegeben werden kann.

Das Stadtarchiv Dresden dankt allen Abgebenden für ihre Unterstützung der Ausstellung „NEUN METER VIERZIG – Die Jahrhundertflut in Dresden 2002“, zu der wir Sie alle herzlich einladen. Die Eröffnung findet am 17. August 2022 um 19 Uhr statt. Die Ausstellung kann bis zum 4. November 2022 kostenfrei besucht werden.

Sylvia Drebinger-Pieper

Quelle: Stadtarchiv Dresden, Ausstellung „NEUN METER VIERZIG“, Fotografin: Renate Fehrenbach

Juli 2022

 „Tabellarischen Vorstellung“ der Hochwasser für Dresden, Meißen und Pillnitz
„Tabellarischen Vorstellung“ der Hochwasser für Dresden, Meißen und Pillnitz von Christian Gottlieb Pötzsch

Christian Gottlieb Pötzschs „Chronologische Geschichte der großen Wasserfluthen…“

Bis heute ist das Grundwissen über die historischen Hochwasser unserer Stadt mit dem Namen Christian Gottlieb Pötzsch (1732 - 1805) und dessen Standardwerk „Chronologische Geschichte der großen Wasserfluthen des Elbstroms seit tausend und mehr Jahren“, erschienen 1784 in Dresden, verbunden. Pötzsch stammte ursprünglich aus Schneeberg und galt trotz fehlender Schulbildung als ein autodidaktisches Genie. Neben dem Studium der Mineralogie, das ihm eine Stellung als Aufseher der kurfürstlichen Naturalien-Sammlung in Dresden einbrachte, dokumentierte er intensiv seine Wetterbeobachtungen und die Veränderungen der Pegelstände der Elbe. Um seine Überlegungen zur Hochwasserentwicklung nachweisen und auswerten zu können, richtete Pötzsch die ersten festen sächsischen Pegel an der Elbe ein – in Meißen 1775 und im Folgejahr in Dresden. Seine Abhandlung umfasst 232 Seiten und stellt eine chronologische Aufzeichnung von 188 Elbfluten dar. Dabei stützte sich der Autor auf die Auswertung von Chroniken, Hochwassermarken, Schadensberichten und Pegelmessungen. Während erste vereinzelte Hinweise bis in die Zeit der sogenannten Elbgermanen zurückgehen, reicht die Aufstellung bis zum Frühjahrshochwasser im Jahr 1784. Die ab 1500 vorliegenden Hochwasserstände ermöglichten die graphische Darstellung in einer „Tabellarischen Vorstellung“ für Dresden, Meißen und Pillnitz, unsere Archivalie des Monats Juli.

Aus Pötzschs Übersicht geht hervor, dass die schwersten Hochwasser in den Jahren 1501, 1655 und 1784 auftraten. Während sich die Fluten von 1655 und 1784 im Februar sowie Anfang März ereigneten und mit Schneeschmelze und Eisstau zusammenhingen, war das Hochwasser von 1501 ein Ereignis im August infolge starker Regenfälle. Das Hochwasser ereignete sich fast auf den Tag genau 501 Jahre vor der Jahrhundertflut 2002. In den historischen Aufzeichnungen ist belegt, dass es ab dem 6. August 1501 für eine Woche zu außergewöhnlich starken Regenfällen in Böhmen kam. Zwischen dem 16. und dem 18. August 1501 erreichte die Elbe in Meißen eine Höhe von 12 Ellen und 10 Zoll über der normalen Wasserfläche. Eine Dresdner Elle entsprach damals 56,6 Zentimetern. Nach heutigem Maß lag dieses Hochwasser etwa 7 m über dem normalen Elbstrom, somit 2, 40 Meter unter dem Hochwasser von 2002.

Das Ausmaß der Zerstörungen war für die Zeitgenossen aber keineswegs weniger dramatisch als 2002 und stellte, wie in Pötzschs Quelle nachzulesen ist, einen gravierenden Einschnitt in das kollektive Gedächtnis der Stadt dar: „Allhier in Dresden füllte sie die Stadtgräben aus, daß sie überliefen. Auf der Brücke erlangte man das Wasser mit der Hand. Es machte solches aller Orten greulichen Schaden, führte ganze Scheunen mit Getraide und Heu, Häuser mit sammt den Giebeln, Mühlen, hölzerne Kirchen mit Thürmen sammt den Glocken fort.“

Sylvia Drebinger-Pieper

Quelle: Stadtarchiv Dresden, 18 Bibliothek, H.Sax.45.5540.

Juni 2022

Straßendekoration von Hans Erlwein zum Besuch von Kaiser Wilhelm II.
Straßendekoration von Hans Erlwein zum Besuch von Kaiser Wilhelm II.

Hans Erlwein – Zur Erinnerung an den 150. Geburtstag des berühmten Dresdner Stadtbaurat

Unter der Leitung von Hans Erlwein (1872-1914) entstanden in Dresden etwa 150 Gebäude, die teils von historistischen Stilen, teils vom Reform- oder Heimatschutzstil geprägt sind. Zweckmäßigkeit, Klarheit, Schlichtheit sowie die Gliederung des Aufbaus und die Einordnung in die örtliche Bautradition standen im gestalterischen Vordergrund. Die zahlreichen Bauwerke sind bis heute fester Bestandteil Dresdner Stadtbildtradition, deren Überdauern mittels aufwendiger Sanierungsarbeiten gesichert wird.

Während die Spuren Erlweins durch monumentale Gebäude wie den Erlweinspeicher, das Gaswerk Reick, den Vieh- und Schlachthof Dresden oder das Italienische Dörfchen allgegenwärtig sind, erinnern nur wenige Werke, beispielsweise die ehemalige Bedürfnisanstalt Pfotenhauerstraße oder die Turnhalle Bünaustraße, an den pluralistischen Werke-Kanon des Baurates. Besonders interessant ist daher die Suche nach den kleinen, praktischen oder dekorativen Bauten, deren materieller und nomineller Wert keine vergleichbare Zuwendung in der Erhaltung wie die Funktions- und Wohngebäude erfahren haben und die heute kaum mehr existent sind. Völlig verschwunden sind auch die aufwendigen Straßendekorationen, die in den vergangenen Jahrhunderten üblich waren und die der städtischen Bevölkerung „Hohen Besuch“ oder besondere Festtage ankündigten. Wirken diese Scheinbauten aus heutiger Sicht befremdlich und wenig nachhaltig, so geht aus den Akten der Stadt hervor, dass innerhalb der Jahre 1905 bis 1912 sieben dieser fulminanten Ausschmückungen zur Umsetzung kamen.

Die erste Erlweinsche Straßendekoration entstand 1899 in Bamberg zur Einweihung des Denkmals für den Prinzregenten Luipold. Nachdem Erlwein am 17. November 1904 als Stadtbaurat nach Dresden wechselte und im Februar 1905 auch die Leitung des Hochbauamtes übernahm, gehörte die Errichtung der Straßendekoration anlässlich des Kaiser-Besuchs Wilhelms II. (1859-1941) am 25. Oktober 1905 in Dresden zu seinen Aufgaben. Die Ehrenpforte mit dem Schriftzug „Dem Kaiser Heil“ befand sich auf der Prager Straße und markierte den Festzug bis zur Augustusbrücke. Die Kosten beliefen sich auf 25.918 Mark, während der Bau eines Toilettenhäuschens mit 3.400 Mark vergleichsweise günstig zu Buche schlug. Die antikisierende Ehrenpforte erinnerte in ihrer Gestaltung an einen Triumphbogen. Die zum Bau genutzten Materialien waren hingegen vergänglich und wurden meist direkt nach den Feierlichkeiten abgebaut. Dass die Ehrenpforten, die ihren Höhepunkt im 16. und 17. Jahrhundert erlebten und bereits seit der Aufklärung überwiegend als unnütze Verschwendung betrachtet wurden, ihren Reiz bis ins 20. Jahrhundert erhielten, zeigt die Archivalie des Mo-nats Juni im Stadtarchiv Dresden.

Sylvia Drebinger-Pieper

Quelle: Stadtarchiv Dresden, 6.4.40.1 Stadtplanungsamt Bildstelle, Nr. I622, unbekannter Fotograf, 1905

Mai 2022

Vorderseite einer Umschlagmappe der Kinderpost, innenliegend mit Briefpapier, Briefmarken und Umschlägen
Vorderseite einer Umschlagmappe der Kinderpost, innenliegend mit Briefpapier, Briefmarken und Umschlägen

Helga Knobloch – eine Dresdner Malerin und Grafikerin

Spielende Kinder, aber auch Hausarbeit verrichtende, Kinder, die Blumen pflücken, Sandburgen bauen, Schiffe bestaunen, sich um Haustiere kümmern, Kinder, die auf Post warten, gerade bekommen oder bereits lesen. Dergestalt entwarf Helga Knobloch ihre Szenerien und Figuren für Briefpapier, Umschläge und Briefmarken, liebevoll arrangiert als Konvolut, genannt Kinderpost. Es waren Motive mit und für Kinder, Heiterkeit und Freude ausstrahlend, die zum Briefeschreiben ermunterten.

Helga Knobloch blieb ihr Leben lang Dresden verbunden. Am 5. März 1924 in Loschwitz geboren, absolvierte sie eine Lehre als graphische Zeichnerin. Ihr im Februar 1945 zerstörtes elterliches Wohnhaus und die anschließenden Kriegswirren ließen sie kurzzeitig nach Luxemburg und Düsseldorf ziehen, bevor sie im September 1946 nach Dresden zurückkehrte und sich gleich im ersten Nachkriegsjahrgang an der Hochschule für Bildende Künste einschrieb. Sie studierte zunächst Malerei, dann Gebrauchsgrafik und lernte bei damaligen Größen wie Carl Rade, Joseph Hegenbarth, Hajo Rose und Hans Christoph. Mit Letzterem verband sie seitdem eine langjährige Lebens- wie Arbeitspartnerschaft. Dass sie eine großartige Künstlerin war, beweisen bereits ihre 1947/48 im Neustädter Bahnhof entstandenen Milieustudien, die sogenannten Bahnhofsbilder.

Nach Abschluss ihres mit Auszeichnung bestandenen Studiums 1952 arbeitete sie ihr gesamtes Berufsleben lang als Werbegrafikerin. Sie illustrierte Kinderbücher, entwarf Modegrafiken und gestaltete Plakate und Stände für die Leipziger Messe. Die oben thematisierte Kinderpost-Serie entstand in dieser Zeit. Erst in den späten 1980er Jahren wandte sie sich zunehmend wieder der Malerei zu, wovon einige Ausstellungen vor allem in den 2000ern zeugen. Helga Knobloch verstarb vor knapp zwei Jahren am 21. Juli 2020 in Dresden.

Abschließend bliebe, in Anlehnung an Helga Knoblochs bezaubernder Kinderpost, die Anregung, selbst mal wieder einen Brief zu schreiben, gerade an Menschen, die man gern hat … weil es sich lohnt.

Patrick Maslowski

Quelle: Stadtarchiv Dresden, 16.2.116 Helga Knobloch, Nr. 12.

April 2022

Notenblatt vom Komponisten Willy Kehrer
"Ährenlied" aus "Fünf Improvisationen für Klavier (Ernste Tänze) op. 58" des Komponisten Willy Kehrer

Als Begleitmusik zu Tänzen zu spielen. Der Nachlass des Komponisten Willy Kehrer im Stadtarchiv Dresden

Am 26. April jährt sich zum 120. Mal der Geburtstag des Dresdner Komponisten Willy Kehrer (1902 – 1976), dessen umfangreichen Nachlass das Stadtarchiv Dresden vor Kurzem übernahm. Eine Archivalie aus dem Nachlass wird diesen Monat im Lesesaal des Stadtarchivs Dresden, Elisabeth-Boer-Straße 1, präsentiert.

Willy Kehrer wurde in Dresden geboren und studierte an der Dresdner Musikhochschule Komposition, Klavier und Dirigieren. Er war als Liedbegleiter und Solist tätig, spielte zu Kabarettveranstaltungen im Café Altmarkt und komponierte nebenbei. An der Schule der Tanzpädagogin Lotte Dornig (1898 – 1985) begleitete er die Laienkurse. Daraus erwuchs eine lebenslange Freundschaft, von der auch Briefe im Nachlass zeugen. Die vorliegende Archivalie ist Lotte Dornig zugeeignet. Es handelt sich um ein gebundenes Notenheft mit zwölf Seiten. Das Werk trägt den Titel „Fünf Improvisationen für Klavier (Ernste Tänze) op. 58“ und ist mit der ausdrücklichen Bestimmung versehen, dass die Stücke „[n]ur als Begleitmusik zu Tänzen zu spielen“ seien.

Ab 1935 entwickelte sich eine bemerkenswerte, langjährige Zusammenarbeit mit Gret Palucca (1902 – 1993), die seine herausragenden Fähigkeiten als Improvisator schätzte. Bis zu seiner Pensionierung im Jahr 1967 wirkte Willy Kehrer an der Paluccaschule als Pianist, Improvisator und künstlerischer Mitarbeiter. Er arbeitete mit Palucca im Unterricht zusammen, komponierte zahlreiche tänzerische Improvisationen und Etüden zu den Stoffgebieten des Neuen Künstlerischen Tanzes, schrieb Ballette und Tanzspiele für die Paluccaschule. Gret Palucca wiederum schuf zu seiner Musik mehrere Choreographien.

Willy Kehrers kompositorisches Werk erstreckte sich über nahezu alle Genres – Sinfonien, Ouvertüren, Orchesterstücke, Konzerte für Klavier, Violine, Horn, Kammermusik, Oratorien, Kantaten und Liederzyklen sowie mehrere Bühnenwerke. Außerdem schrieb er eine Abhandlung über Klavierimprovisation, in die seine jahrzehntelange Erfahrung als Pianist und Klavierimprovisator sowie als Pädagoge einfloss.

Sein Nachlass umfasst etwa 29 laufende Meter Archivgut. Darunter befinden sich nicht nur die Originalnoten seiner Kompositionen, sondern auch Tonbandaufnahmen, Tagebücher, Reisenotizen, private Dokumente und Fotos sowie Zeichnungen und Skizzen. Das Willy-Kehrer-Archiv wurde zunächst durch seine Ehefrau Alice Kehrer betreut, später durch die nachfolgende Familiengeneration. Nun befindet sich der Nachlass im Stadtarchiv Dresden, das eine fachgerechte Aufbewahrung und Benutzung gewährleisten wird.

Claudia Richert

Quelle: Stadtarchiv Dresden, 16.1.27 Nachlass Willy Kehrer, Karton O-44

März 2022

Das zerstörte neue Rathaus in Dresden. Die Dächer und Fenster sind vollständig zerstört. Der Rathausturm ist in der Bildmitte zu sehen. Im Vordergrund stehen Bäume.
Teilfassade des zerstörten Dresdner Rathauses im Jahr 1947.

Verschollen! Das Schicksal der Dresdner Urkunden.

Der 13. Februar erinnerte gerade deutlich an die Zerstörung Dresdens und den Tod Tausender. Im Februar 1945 waren auch große Teile des Dresdner Stadtarchivs von Totalverlust bedroht. Genau in dieser Zeit übernahm eine der ersten deutschen Archivarinnen – Dr. Elisabeth Boer (1896/1991) - die stellvertretende Leitung des Stadtarchivs, unmittelbar nach dem Tod von Müller-Benedickt, dem langjährigen Direktor. Durch ihren Einsatz zum Schutz der wertvollen Bestände konnten mehr als dreiviertel des Bestandes gerettet werden. Auf ihre Initiative hin und die von Heinrich Butte, wurden schon 1943 wertvolle Bestände in die Oberlausitz verbracht, mit dem Näherrücken der Front jedoch 1944/45 zurückgeholt und teilweise in die Tiefkeller des Rathauses eingelagert. In blauen Pappbehältern und Urkundenschränken überstanden so große Teile der Bestände nahezu schadlos die Angriffe.

Jeglicher Zugang zu den Magazinen war auch nach dem Einmarsch der Truppen der Roten Armee für das Archivpersonal gesperrt, obwohl Elisabeth Boer deutlich auf die weiteren Schäden durch Wassereinbrüche verwies. Erst Mitte Februar 1946 wurde der Zutritt offiziell erlaubt. Einen Monat vorher schon, hatten leitende Mitarbeiter und am 18. Januar 1946 Elisabeth Boer die Räume illegal betreten und …konstatierten: „Im Ganzen ergab die Besichtigung ein immerhin tröstlicheres Bild, als vorher zu befürchten gewesen war ...der überwiegend wichtige Teil des Archivs ist uns erhalten geblieben.“ Als der Zutritt dann offiziell am 17. Februar 1946 gestattet wurde, fehlten 418 Pergamenturkunden aus den Jahren ab 1260 und annähernd 3000 Papierurkunden von 1476 an. Mitsamt diverser Schaustücke waren diese von russischen Offizieren abgeholt worden. Alle Mahnungen und Bemühungen seitens der Direktorin (1951 – 56) u. a. wurden unterbunden - sie selbst mundtot gemacht, daraufhin verließ sie das Stadtarchiv für immer. Im Juli 1958 wurden 211 Urkunden zurückgegeben, 1979 und vier Jahre später gab es kleinere Rückgaben. Erst im Dezember 1983 tauchten einige der Urkunden auf ominöse Weise wieder auf – so die Urkunde vom März 1260. Während einer Gastvorlesung von Prof. Coblenz in Marburg wurden diese ihm von Unbekannten zugespielt. Immer noch sind über 3000 Urkunden und Zehntausende Akten in den Sonderarchiven in Moskau und permanenter Anlass der Stadt Dresden, sich um die Rückführung nach mehr als 75 Jahren zu bemühen.

Thomas Kübler

Quelle: Stadtarchiv Dresden, 6.4.40.2 Stadtplanungsamt Bildstelle, II 10125, 1947

Februar 2022

Bekanntmachung zur Einführung einer Ortskrankenkasse für Loschwitz, Bühlau, Rochwitz, Wachwitz und Weißer Hirsch, 1884
Bekanntmachung zur Einführung einer Ortskrankenkasse für Loschwitz, Bühlau, Rochwitz, Wachwitz und Weißer Hirsch, 1884

Archivalie zum Welttag der sozialen Gerechtigkeit

Die Vereinten Nationen riefen erstmals im Jahr 2009 den Welttag der sozialen Gerechtigkeit aus. Seitdem appellieren jährlich am 20. Februar verschiedene Institutionen die soziale Ungleichheit zu überwinden. Aus historischer Perspektive wurde das Armutsrisiko, das mit der sozialen Ungerechtigkeit einhergeht, vielfach diskutiert und in Teilen darauf reagiert. Beispielsweise im 19. Jahrhundert, in Folge der Industrialisierung, erreichten die sozialen Probleme einen Höhepunkt. Sichtbar wurde diese soziale Ungleichheit durch eine steigende Zahl Armer, Kranker und hilfsbedürftiger Menschen vor allem in den wachsenden Städten. Die Wohnungsnot, sehr schlechte Arbeitsbedingungen, Unterernährung und der daraus resultierende Anstieg von Krankheiten überforderten die Kommunen zunehmend. Traditionell war die Armenversorgung durch ein Mischsystem von kommunaler und kirchlicher Fürsorge gewährleistet worden. Im Zuge dieser unzureichenden Wohlfahrt entwickelte sich im 19. Jahrhundert auf der einen Seite das soziale Vereinswesen. Auf der anderen Seite führte die angespannte Situation zu einer Gründungswelle von Arbeitervereinen, deren Streiktätigkeiten bei den sozialistischen sowie sozialdemokratischen Parteien Unterstützung fanden. Im Jahr 1883 reagierte Otto von Bismarck mit der Sozialgesetzgebung zum Schutz der Arbeiter auf den steigenden Druck. Die Sozialgesetzgebung beinhaltete die Krankenversicherung, Unfallversicherung und Rentenversicherung. Die Archivalie des Stadtarchivs Dresden steht beispielhaft für die Umsetzung der Krankenversicherung. Die amtliche Bekanntmachung informierte über die Gründung der „Allgemeinen Ortskrankenkasse für Loschwitz und Nachbarorte“ im November 1884. Die „constituierende Generalversammlung“ sollte aus „sämmtlichen versicherungspflichtigen Personen […] sowie aus denjenigen Arbeitgebern bestehen, welche versicherungspflichtige Personen beschäftigen.“ Mit der heutigen gesetzlichen oder privaten Krankenkasse ist die erste Krankenversicherung von 1883 nicht vergleichbar. Der damalige Katalog sah Leistungen vor wie freie ärztliche Behandlung, freie Medikamente sowie Krankengeld ab dem dritten Tag von mindestens 50 Prozent des Lohnes für maximal 26 Wochen. Hinzu kam eine Unterstützung durch eine Wöchnerin für vier Wochen nach der Geburt und Sterbegeld in Höhe des 20-fachen Lohnes.

In den Beständen des Stadtarchivs Dresden befinden sich zahlreiche historische Unterlagen zu den Themenschwerpunkten wie Industrialisierung, Fürsorge- und Wohlfahrtssystem, Gesundheitswesen, die im Lesesaal ausgewertet werden können.

Annemarie Niering

Quelle: Stadtarchiv Dresden, 8.58 Weißer Hirsch, Nr. 249

Januar 2022

Gret Palucca steht mittig im Raum. Eine Aufführung während des Unterichts in der Tanzschule soll stattfinden. Im Vordergrund stehen Schüler der Paluccaschule. Im Hintergund sitz und steht das Publikum.
Gret Palucca während des Unterrichts in der Tanzschule in den 1980er Jahren.

Gret Palucca zum 120. Geburtstag

Anlässlich des 120. Geburtstages von Gret Palucca erinnert das Stadtarchiv Dresden in der Serie Archivalie des Monats an das Leben und Wirken der Tänzerin. Die am 8. Januar 1902 in München geborene Margarethe Paluka eroberte bereits in den 1920er Jahren die Bühnen in Deutschland und im Ausland. Sie tanzte mit Mary Wigmann bis 1924, danach erfolgte ihre Solokarriere. Im „Berliner Abendblatt“ hieß es nach einem Auftritt am 6. November 1929: „Palucca tanzt – und ist herrlich wie je. Hier mündet der Tanz ins Leben ein. – Welche Einfachheit, welche Sparsamkeit in Gesten und Bewegungen. Wie wunderbar diese Vereinigung von Starkem und Zartem, von leidenschaftlichem Ausbruch und leisem Verlöschen, von dunkler Trauer und übermütiger Heiterkeit.“ Zu diesem Zeitpunkt lag die Gründung ihrer Dresdner Tanzschule bereits vier Jahre zurück. Gret Palucca unterrichtete unter anderen Tanztechnik, Improvisation, rhythmische Erziehung, Tanzgeschichte und Anatomie. Aufgrund ihrer jüdischen Herkunft und des Tanzstils wurde ihr die Vermittlung von Freien Tanz während des Nationalsozialismus verboten. Bis 1944 übernahmen Adolf Havlik und Eva Glaser die Leitung der Schule. Kurz nach Kriegsende, im Juli 1945, eröffnete Palucca ihre Schule erneut. Vier Jahre später wurde diese verstaatlicht und bekam den Status einer Fachschule für künstlerischen Tanz. Ihr Amt als Schulleiterin legte sie 1952 wegen Einmischung der Staatlichen Kommission für Kunstangelegenheiten nieder. In den folgenden Jahren erfolgte die Berufung von Gret Palucca als künstlerische Leiterin und sie unterrichtete bis kurz vor ihrem Tod. Sie stirbt am 22. März 1993 in Dresden mit dem Wunsch auf der Insel Hiddensee beigesetzt zu werden.

Im Stadtarchiv ist ein Konvolut historischer Unterlagen über die Dresdner Tänzerin Gret Palucca und ihrer Tanzschule archiviert. Die Archivalie des Monats zeigt eine Kinder-Tanzgruppe mit Palucca aus den 1980er Jahren. Die Fotografie befindet sich aktuell in der Ausstellung „Günter Ackermann – Fotografie“ im Stadtarchiv Dresden. Aufgrund der Schließung durch die Corona-Notfall-Verordnung wurde die Fotoausstellung auf der Elisabeth-Boer-Str. 1 bis zum März 2022 verlängert.

Annemarie Niering

Quelle: Stadtarchiv Dresden, 17.6.2.30, Bildarchiv, Günter Ackermann.

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