Landeshauptstadt Dresden - www.dresden.de

https://www.dresden.de/de/kultur/kulturfoerderung/kulturpreise/kunstpreis.php 19.10.2020 15:40:23 Uhr 31.10.2020 11:31:17 Uhr

Kunstpreis der Landeshauptstadt Dresden

  • Kategorie:
    alle Sparten der Kunst
  • Donator:
    Landeshauptstadt Dresden
  • Gründungsjahr:
    1993 (Vorläufer: Martin-Andersen-Nexö-Kunstpreis der Stadt Dresden seit 1959; 1991/ 1992 keine Preisverleihung)
  • Intention:
    Vergabe an Personen oder Ensembles mit anerkanntem künstlerischen Werk, die in Dresden einen Schwerpunkt ihrer künstlerischen Arbeit haben oder deren Werk von großer Bedeutung für die Stadt ist.
  • Verleihungsmodus:
    jährlich; Dotierung 7.000 Euro, Ehrenplastik und Urkunde
  • Bewerbungs- und Vorschlagsverfahren:
    Institutionen, Vereine u.ä. schlagen Künstler bzw. Künstlergruppen u.a. vor
  • Auswahlverfahren:
    Auswahl durch eine vom Oberbürgermeister der Landeshauptstadt Dresden berufene Jury
  • Ehrungstypus:
    Auszeichnung von nachhaltig wirkenden, herausragenden Einzelleistungen oder herausragenden kontinuierlichen künstlerischen Leistungen
  • Hinweis:
    Vorschlagsberechtigt sind Dresdnerinnen und Dresdner, Dresdner Verbände, Vereine, Kultureinrichtungen, der Ausschuss für Kultur und Tourismus des Stadtrates und die Beigeordnete für Kultur und Tourismus.
    Einreichungstermin: 31.10. des Vorjahres

Katja Erfurth - Kunstpreisträgerin 2020

Den Kunstpreis 2020 erhält die Tänzerin und Choreografin Katja Erfurth. Sie tanzt seit über 25 Jahren auf Dresdens Bühnen und engagiert sich als Multiplikatorin für die Dresdner Tanzszene. Nach ihrer Tanzausbildung an der Palucca Hochschule für Tanz Dresden und dem Engagement im Ballettensemble der Sächsischen Staatsoper Dresden ist sie seit 1997 freiberuflich tätig und erarbeitet zahlreiche Solotanzproduktionen, Choreografien für Inszenierungen im Musik- und Sprechtheater sowie Schülertanzprojekte. Als Vorstandsvorsitzende des Vereins Villa Wigman für Tanz engagiert sie sich maßgeblich für die Nutzung der ehemaligen Wigman-Villa auf der Bautzner Straße als Produktionshaus für Tanz. Oberbürgermeister Dirk Hilbert sagt: „Katja Erfurth wird für Ihre exzellente, über die Stadtgrenzen hinaus strahlende, tänzerische Arbeit geehrt. Durch ihr Engagement für den Erhalt und die Gestaltung der ehemaligen Wigman-Schule rückt die Landeshauptstadt Dresden wieder als Tanzstadt in den Fokus der Öffentlichkeit.“ Die Laudatio für Katja Erfurt hält Heiki Ikkola, Geschäftsführer des Societaetstheaters Dresden.

Kunstpreisträgerin 2020 Katja Erfurth
Kunstpreisträgerin 2020 Katja Erfurth

Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister,sehr geehrte Damen und Herren,

gestern tanzte ich zur Spielzeiteröffnung im Societaetstheater, morgen zum Tag des offenen Denkmals hier in HELLERau. Die Verleihung dieses Kunstpreises der Landeshauptstadt Dresden lässt mich nur für kurze Zeit innehalten. Ich befinde mich MITTEN in künstlerischen Arbeiten, MITTEN in gestalterischen Prozessen in und um die VILLA WIGMAN.

Mit dieser Auszeichnung verbinde ich den Auftrag, eben JENEN Weg weiterzugehen, nicht nachzulassen im Fragen und Suchen und wach zu bleiben für HerausFORDERUNGen jedweder Art. Gleichzeitig lässt die Auszeichnung mich Dank empfinden, für all jene, die bisher diesen Weg begleitet haben und ohne die ich nicht hier stünde. Die mich gestärkt, geprägt, inspiriert und Vertrauen in mich gesetzt haben.

Ich will nicht verschweigen, dass ich gerade in dieser krisengeschüttelten Zeit existentielle Verwendung für das Preisgeld habe. Es wird in meine nächsten beiden Produktionen FRAU AM UFER und CASSANDRA einfließen und bildet genau die Eigenmittel, die mir für diese Zeit das Probenhonorar sichern und damit meine Miete, das Schulgeld, das Auto und andere alltäglichen Kosten decken. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Gut, vielleicht kann ich auch mit meinen Kindern einmal mehr Eis essen gehen. Mit Hinsetzen. Denn das bedeutet – Eisbecher - und nicht - Eis auf die Hand. Mein Sohn bemerkte vor Kurzem, als ich sagte: "ja, ja, geht, holt Euch ein Eis, ich hab heut die Spendierhosen an!" – "Du meinst wohl Spendierhöschen?..."

Dies als kleiner Ausflug in das Nähkästchen einer Freiberuflerin.

Es ist mir ein Bedürfnis, Einige zu nennen, denen ich dankbar bin. Man möge mir die unvollkommene Aufzählung verzeihen. Ich beginne chronologisch.Da waren zuerst meine Eltern, die mich vor vierzig Jahren zu einer Aufnahmeprüfung an die Palucca Schule schickten - weil das Mädchen sich doch so gern bewegt. Nicht ahnend, dass sie mir damit die Tür für einen beruflichen Weg aufgestoßen haben, dem ich mit Hingabe folge. An der Palucca Schule war es vor allem der Unterricht bei Palucca und Hanne Wandtke, der mich prägte. Weiter Thomas Hartmann als Choreograph, Tänzer, Freund. Er sagte schon damals zu mir: "Atmen, Katja, atmen!" Und – "Du musst schlampiger werden!"Ich übe heute noch.

Dankbar bin ich für sieben Jahre Staatsopernballett, für das Tanzen der großen Klassiker wie Romeo und Julia und zugleich für das Aufzeigen, dass mir am Tanz die direkte Kommunikation mit dem Publikum das Allerwichtigste ist. Sich Aug in Auge zu begegnen, einander mitzunehmen, zu berühren.

Diese Erfahrung gaben mir meine ersten Soli in der damaligen Kleinen Szene, der Ort, um den ich Jahre später, gemeinsam mit einer Schar von Mitstreiterinnen und Mitstreitern, als VILLA WIGMAN ringen sollte. Der Wunsch, eigenständige, selbstbestimmte Wege zu gehen, mir selbst künstlerische Partner und Themen zu wählen, wurde hier geweckt.

Einige der künstlerischen Partner, die mir seit vielen Jahren zur Seite standen und stehen, sind:Florian Mayer, Annegret Thiemann, Thomas Stecher, Isolde Matkey, Volker Metzler, Daniel Thiele, Sascha Mock, Heiki Ikkola, Sabine Köhler, Helmut OehringundJohanna Roggan, Josefine Wosahlo und Holm Pinkert, mit denen ich gemeinsam um den Erhalt der VILLA WIGMAN gekämpft habe und die wir nun, seit einem Jahr dieses Haus lebendig gestalten und die Sanierung schrittweise voranbringen.

Das Societaetstheater mit Brit Magdon, Andreas Nattermann und nun Heiki Ikkola war und ist mir Heimat für bisher fast 30 Produktionen und in HELLERAU, mit dem Team um Carena Schlewitt, habe ich einen Partner für mir sehr wichtige Arbeiten gewonnen.

Und nicht zuletzt bin ich meinen Kindern dankbar. Ohne ihr Verständnis für mein künstlerisches Tun, würde der SPAGAT zwischen BERUF und MENSCH, FRAU, MUTTER nicht gelingen. Der Spagat als Sinnbild der Voraussetzung für den Tänzerberuf, steht hier auch als Sinnbild für das freiberufliche Tätig sein.

Und so stehe ich hier heute auch stellvertretend für all jene freiberuflichen Künstlerinnen und Künstler, die ebenso diesen Weg einschlagen. Die wir auch schon VOR der CORONA-Pandemie Pläne nur im Konjunktiv schmieden und abhängig von der Bewilligung von Fördergeldern, entweder die konzipierten Produktionen unter prekären Bedingungen oder gar nicht realisieren konnten. Dafür mehr denn je aufmerksam zu machen und mit den kulturpolitischen Entscheidungsträgern um selbstverständliche, Honoraruntergrenzen berücksichtigende Fördermodelle zu ringen, liegt mir am Herzen. Nicht zuletzt mit und durch die Arbeit in der VILLA WIGMAN.
Ich sehe im Zuge der Corona-Krise, die gewachsenen zarten Pflänzchen, deren Samen wir schon durch Initiativen seit vielen Jahren gemeinsam mit Kulturpolitikern aus Stadt, Land, Bund gelegt haben, um die Verbesserung der Arbeitsbedingungen freischaffender Künstler voranzutreiben. Es gilt diese zarten Pflänzchen auch in dieser hochkomplexen, schwierigen Zeit zu schützen und deren Gedeihen weiter zu befördern, damit KUNST nach wie vor und mehr denn je imstande ist, als notwendiges LEBENSmittel alle Bereiche der Gesellschaft zu nähren.

Ich möchte nicht unerwähnt lassen, dass ich meinen letzten Preis zur Leseolympiade in der 4. Klasse erhielt. Und ich bin froh, dass die Stadt heute meine wahren Stärken in der wortlosen Kunst und nicht im Vorlesen ehrt.Katja ErfurthDresden, den 12. September 2020

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