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https://www.dresden.de/de/leben/gesundheit/beratung/selbsthilfe/interview-kiss.php 06.04.2018 14:21:06 Uhr 19.05.2019 11:53:28 Uhr

„Selbsthilfe überwindet die Ohnmacht.“

Stefanie Gilbricht ist die neue Leiterin der Kontakt- und Informationsstelle für Selbsthilfegruppen (KISS).
Stefanie Gilbricht ist die neue Leiterin der Kontakt- und Informationsstelle für Selbsthilfegruppen (KISS).

Vorgestellt: Stefanie Gilbricht, Leiterin der Kontakt- und Informationsstelle für Selbsthilfegruppen (KISS)

Sie widmen sich Krankheiten, Behinderungen, traumatischen Erfahrungen oder schwierigen sozialen Lebenslagen – über 1 300 Menschen jeden Alters in über 230 Selbsthilfegruppen in Dresden. Die Kontakt- und Informationsstelle für Selbsthilfegruppen (KISS) unterstützt und begleitet sie. Die Amtsblatt-Redaktion sprach anlässlich des Weltgesundheitstags am 7. April mit der neuen Leiterin der KISS, Stefanie Gilbricht, über die Bedeutung der Selbsthilfe in unserer Stadt.

Selbsthilfe – was bedeutet das für Sie?

Selbsthilfe fängt die Menschen auf, beispielsweise wenn die gefühlte Ohnmacht aufgrund des Verlustes einer geliebten Person oder durch die Diagnose einer unheilbaren Erkrankung ihnen den Boden unter den Füßen wegzuziehen droht. Die Erkenntnis mit den eigenen Schwierigkeiten nicht allein zu sein, hilft ihnen diese Ohnmacht zu überwinden. Durch den Austausch mit anderen Betroffenen geben sie eigene Erfahrungen weiter und gewinnen selbst neue Informationen. So lernen die Mitglieder voneinander und zeigen sich gegenseitig neue Wege zum Umgang mit ihrer Situation auf.

Was fasziniert Sie an der Selbsthilfe-Arbeit?

Die Arbeit mit den Selbsthilfegruppen ist eine sehr schöne Arbeit. Es ist erstaunlich, was für eine Kraft, was für einen Lebensmut die Menschen in unseren Gruppen ausstrahlen – trotz ihrer besonderen Situation. Seitdem ich in der Kontaktstelle arbeite, nehme ich jeden Tag viel bewusster war als bisher. Wenn schwerstkranke junge Gruppenleiter, die eigentlich ihr ganzes Leben noch vor sich haben sollten, mit leuchtenden Augen sagen, dass sie anderen mit dem gleichen Schicksal helfen und zeigen möchten, dass das Leben weitergeht, überdenkt man unweigerlich sein eigenes Leben und Handeln.
Viele Gruppenleiter leisten ein immenses Pensum in ihrer Freizeit. Sie reisen sogar von einer Fachtagung zur nächsten, um immer die neuesten Informationen für ihre Mitglieder parat zu haben und kämpfen aktiv dafür, dass die Forschung sich weiterentwickelt. Ich bin wirklich beeindruckt von diesem Engagement, das keineswegs selbstverständlich ist.

Die Betroffenen leiten also ihre Treffen selbstständig ohne fachliche Begleitung?

Ja, ganz nach dem Prinzip der Selbsthilfe werden die Gruppen in der Regel von selbst Betroffenen ehrenamtlich geleitet. Die meisten Gruppen haben dafür eine feste Gruppenleitung benannt. In einigen gilt ein rotierendes Prinzip, dabei wechselt die Gruppenleitung in einem bestimmten Rhythmus.

Und wie kommt es zur Gründung einer neuen Gruppe?

Meist auf Initiative Einzelner oder weniger Personen. Manche von ihnen sind schon mit Selbsthilfe vertraut, andere starten als „Neulinge“. Erst kürzlich gründete sich eine Selbsthilfegruppe für heute erwachsene Kinder von suchtkranken Eltern und Erziehern auf Initiative einer bereits langjährig in der Selbsthilfe engagierten jungen Frau. Es gab bereits fünf Gruppentreffen in unseren Räumen. Weitere Betroffene sind herzlich willkommen. Seit Kurzem sucht ein Stotterer mit unserer Unterstützung weitere Betroffene zum Austausch über Alltagserfahrungen. Um andere Betroffene mit Redeflussstörungen bestmöglich unterstützen zu können, hat er sich bereits vor den ersten Gruppentreffen intensiv zum Thema fortgebildet. Wer eine neue Gruppe in unserer Stadt gründen möchte, der erhält Unterstützung durch die KISS. Wir informieren und beraten Interessierte gern über regionale und überregionale Möglichkeiten und Angebote.

Sind auch junge Menschen in Selbsthilfegruppen aktiv?

Selbsthilfe ist vielfältig – gerade in Bezug auf die Mitglieder der Selbsthilfegruppen. Es gibt sowohl Gruppen für Betroffene jeden Alters, als auch generationenspezifische Gruppen. Das Image von Menschen, die im Stuhlkreis zusammen sitzen und sich gegenseitig bedauern, gehört glücklicherweise mehr und mehr der Vergangenheit an. Wir freuen uns, dass sich inzwischen viele junge Menschen in der Selbsthilfe engagieren und diese als Ressource für sich und andere erkennen und annehmen. Gegenseitige Tipps zur besseren Bewältigung der eigenen Situation, gemeinsame Ausflüge, Aktionen zur Sensibilisierung der Öffentlichkeit für das eigene Thema und Fachvorträge durch professionelle Referenten sprechen alle Altersgruppen an. In den vergangenen drei Jahren haben sich mehrere Jugendgruppen gebildet. Wenn ich von „Jugendgruppen“ spreche, denke ich an Menschen um die 30. Ein durch meine Kollegin Kristin Rietschel und Stephan Fischer vom Gesprächskreis Hirntumor ins Leben gerufener Stammtisch „Junge Selbsthilfe“ hat es sich zum Ziel gesetzt, die Vielfältigkeit und Attraktivität der Selbsthilfe noch stärker in den Fokus stellen. Dieser Stammtisch trifft sich im Abstand von zwei Monaten und ist offen für alle, die sich über die Selbsthilfearbeit informieren und neue Ideen einbringen möchten. Interessierte können sich gern bei der KISS melden.

Gibt es denn eine feste Mitgliedschaft und kostet die Teilnahme etwas?

Nein, es gibt keine feste Mitgliedschaft. Für den intensiven Austausch und die Vertrauensbildung in der Gruppe ist es aber von Vorteil, wenn die Mitglieder regelmäßig zu den Treffen kommen. Natürlich steht es jedem offen, zunächst einmal in ein Gruppentreffen hineinzuschnuppern. Wer als langjähriges Gruppenmitglied nicht mehr teilnehmen möchte, sollte die anderen Mitglieder der Fairness halber darüber informieren. Die Teilnahme an den Gruppentreffen ist kostenlos.

Wo finden die Treffen statt?

Die Treffen finden an neutralen Orten oder in neutraler Umgebung statt. Wir stellen Räume bei uns in der Kontaktstelle zur Verfügung, vermitteln aber auch Räume verschiedenster Einrichtungen in ganz Dresden. Das sind Vereine und Institutionen, die die Selbsthilfearbeit ebenso schätzen und uns dankenswerter Weise unterstützen. Erst kürzlich konnte sich so im Beratungszentrum BÜLOWH am Körnerplatz eine neue Gruppe der Anonymen Alkoholiker etablieren. Kleine Gruppen treffen sich zum Teil auch im Eiscafé oder in einer Gaststätte.

Wird alles vertraulich behandelt?

Selbstverständlich. Gegenseitiges Vertrauen ist die Voraussetzung für einen offenen Austausch und den Mitgliedern sehr wichtig. Außenstehende geht es nichts an, wer an den Treffen der Selbsthilfegruppen teilnimmt.

Wie finde ich ein passende Gruppe für mich?

Wir haben für jede und jeden ein offenes Ohr und beraten rund um die Selbsthilfe telefonisch, per E-Mail und persönlich. Interessierte können während unserer Sprechzeiten einfach vorbeikommen. Für eine ausführliche individuelle Beratung sollte vorab telefonisch ein Termin vereinbart werden. In unserem „Selbsthilfe“-Wegweiser stellen sich die meisten Selbsthilfegruppen vor. Seit Kurzem gibt es einen Überblick über die Selbsthilfegruppen im Internet. Die Schaltfläche „Selbsthilfegruppen“ führt zu unserer neuen Online-Datenbank. Aktive Selbsthilfegruppen, die noch nicht registriert sind, können sich gern bei uns melden.

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