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https://www.dresden.de/de/kultur/erinnerungskultur-regionalgeschichte/orte-kontext/hellerberge.php 19.01.2026 15:24:44 Uhr 23.01.2026 14:15:41 Uhr

Gedenkort Hellerberg und St.-Pauli-Friedhof

Während des Zweiten Weltkriegs befand sich nördlich des St.-Pauli-Friedhofs – zwischen Radeburger Straße, Stauffenbergallee und Hammerweg – das „Judenlager Hellerberg“, anschließend das „Entbindungslager Kiesgrube“. Der Gedenkort bezeugt heute ein dunkles Kapitel Dresdener Geschichte.

„Judenlager Hellerberg“

Zur systematischen Ausgrenzung der in Dresden als Juden verfolgten Menschen und ihrer gleichzeitigen Ausbeutung zur Zwangsarbeit errichtete das Goehle-Werk der Zeiss Ikon AG gemeinsam mit der NSDAP-Kreisleitung und der Gestapo das „Judenlager Hellerberg“. Das Unternehmen stellte dafür ein ehemaliges Materiallager mit einfachen Holzbaracken zur Verfügung. Beträge für Miete und Verpflegung wurde den Lagerinsassen vom Lohn abgezogen.

Ab November 1942 wurden die letzten etwa 300 als Juden verfolgten Männer, Frauen und Kinder aus dem Dresdner Raum in Hellerberg zwangsinterniert. Victor Klemperer schrieb am 24. November in sein Tagesbuch: „‘Judenlager Hellerberg‘. Eva sagt, diese neue Art der Evakuierung sei deshalb so schamlos, weil alles so offen vor sich gehe. Das Neue daran ist jedenfalls, daß wir diesmal Einblick in das Inferno haben u. mit ihm in Connex bleiben. Ist es eine gemäßigte Hölle? Das muß sich herausstellen. Der junge Eisenmann, der am Auffüllen der Bettsäcke etc. mitgeholfen hat, sagte: „katastrophal!“ Unvorstellbar eng u barbarisch primitiv, besonders die Aborte (wandlos nebeneinander u. viel, viel zu wenige), aber auch die schmalen Betten usw.“

Der bei Zeiss Ikon angestellte Fotograf Erich Höhne schuf in dessen Auftrag den Propagandafilm „Die Zusammenlegung der letzten Juden in Dresden in das Lager am Hellerberg am 23./24. Nov. 1942“. Darin sichtbar werden auch die entwürdigenden Untersuchungen und Hygienemaßnahmen, die in der „Städtischen Entseuchungs-Anstalt" in der Fabrikstraße 6 durchgeführt wurden.

Dresden „judenfrei“

Mit der Zwangsinternierung der letzten als Juden verfolgten Menschen im „Judenlager Hellerberg“ in der Gemarkung Hellerberge, die vor 1950 zur Stadt Klotzsche gehörte, galt Dresden offiziell als „judenfrei“. Im Nationalsozialismus war das Ziel der antisemitischen Politik mit einer systematischen Vertreibung, Deportation und Ermordung die jüdische Bevölkerung zu vernichten. Der Gauleiter Sachsens, Martin Mutschmann, betrieb dieses Ziel mit seiner Politik besonders konsequent. Vom 27. Februar bis zum 2. März 1943 wurden weitere als Juden verfolgte Menschen aus Leipzig, Erfurt, Halle, Chemnitz und Plauen in das „Judenlager Hellerberg“ verbracht, um am Folgetag mit 293 Dresdner Juden ins Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau deportiert zu werden. Ausgangpunkt dieser Deportationen war der Alte Leipziger Bahnhof. Bis Ende März 1943 wurden die wenigen in Hellerberg verbliebenen Menschen nach Theresienstadt gebracht.

„Entbindungslager Kiesgrube“

Ab Mai 1943 erfolgte die Umnutzung als „Entbindungslager Kiesgrube“. Das Lager war vermutlich eines von zwölf größeren „Ausländerkinder-Pflegestätten“ in Sachsen. Unter dem euphemistischen Begriff wurde die Einrichtung derartiger „Pflegestätten“ am 27. Juli 1943 durch einen Erlass des Reichsführers SS Heinrich Himmler verfügt. Heute schätzt man, dass im Deutschen Reich ca. 400 derartige Einrichtungen bestanden.

Säuglinge von überwiegend polnischen und sowjetischen Zwangsarbeiterinnen wurden von den Nationalsozialisten als „unwert“ eingestuft und nach der Geburt von ihren Müttern getrennt. Für die Unterbringung ihrer Kinder mussten die Zwangsarbeiterinnen finanziell aufkommen. In den einfachen Holzbaracken herrschte Hitze im Sommer und Kälte im Winter. Die gezielte Unterversorgung, mangelnde Hygiene und fehlende menschlicher Zuwendung führten letztlich zu einem langsamen und qualvollen Tod. Die Überlebensdauer der Säuglinge betrug im Lager durchschnittlich zehn bis zwanzig Tage. Ihre Körper wurden in Pappschachteln auf dem St.-Pauli-Friedhof vergraben. Für 225 Kinder kann der Tod im Lager nachgewiesen werden. Die genaue Opferzahl ist unbekannt.           

Heute geben lediglich die Sterbebücher des Standesamtes, wenige Friedhofsunterlagen und eine 1946 erstellte Liste über die im Lager verstorbenen Säuglinge Beweise für den massenhaften Tod. Zuständig für die Meldung von Geburten und Sterbefällen war das Standesamt in Klotzsche. In dessen Büchern ist eine umfassende Zahl an Sterbebeurkundungen polnischer und sowjetischer Kinder verzeichnet – neben den Sterbebeurkundungen von Einwohnern der Stadt.

Gebäude des Goehle-Werks in Dresden-Pieschen, ab 1945 Nutzung als Zeitungsdruckerei, 1949

Zwangsarbeit in Dresden

Zwangsarbeit war in Dresden während der NS-Zeit ein zentraler Bestandteil der Kriegswirtschaft, insbesondere in der Rüstungsindustrie. In der Stadt und ihrem Umland arbeiteten Zehntausende zivile Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter, Kriegsgefangene und KZ-Häftlinge in Betrieben. Wenn sie nicht an den Betriebsstätten untergebracht waren, legten sie die Wege von Lagern zu ihren Arbeitseinsätzen zu Fuß zurück – und waren für die Bevölkerung unübersehbar.

Das Goehle-Werk der Zeiss Ikon AG rekrutierte im Laufe des Krieges zunehmend Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter, zunächst ca. 300 Dresdner Juden. Diese waren im „Judenlager Hellerberg“ untergebracht. Insgesamt wurden in Dresdner Werken der AG 1944/45 mindestens 2.600 weitere Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter und mehr als 1000 KZ-Häftlinge verpflichtet, ein großer Teil von ihnen waren Frauen.

Beim sogenannten „Goehle-Werk-Prozess“ wurden im Januar 1949 zehn Angeklagte, darunter der stellvertretende Betriebsleiter sowie mehrere Meister und SS-Aufseherinnen zu Haftstrafen zwischen einem und acht Jahren verurteilt.

Drei individuell gestaltete Tafeln erinnern auf dem St.-Pauli-Friedhof an drei der 225 begrabenen Säuglinge

Grabanlage Zwangsarbeiterkinder

Viele Jahrzehnte blieb die Existenz des Entbindungslagers weitgehend unbekannt, die Grabanlage an der Friedhofsmauer – etwa 100 m lang – ein unscheinbarer Wiesenstreifen. Seit 2008 wurde die Erforschung der Geschichte intensiviert, die zwischen 2012 und 2015 zur Schaffung eines Erinnerungsortes führte: Schülerinnen und Schüler, aber auch Familien und Einzelpersonen unterschiedlichen Alters gestalteten 225 Tafeln aus Kunststein, um an jedes einzelne Kind und Schicksal individuell zu erinnern. Es entstanden nicht nur berührende kleine Kunstwerke, es entstanden auch Kontakte, Gespräche und Gemeinschaft. Die Beschäftigung mit dem Namen und Lebensdaten eines einzelnen Kindes und das Nachdenken über sein Schicksal hinterließen bei vielen Mitwirkenden einen bleibenden Eindruck.

MNEMO Gedenkareal Dresdner Norden

Seit 2026 machen zwei Splitter im Rahmen von MNEMO Gedenkareal Dresdner Norden auf das „Judenlager Hellerberg“ und das „Entbindungslager Kiesgrube“ aufmerksam. Dabei verortet ein über drei Meter hoher Splitter das ehemalige Lagergelände zwischen Radeburger Straße, Stauffenbergallee und Hammerweg. Eine Splitterskulptur an der Friedhofsmauer am St.-Pauli-Friedhof erzählt vom Schicksal der Kinder von Zwangsarbeiterinnen. Die Splitter sind Teilstücke von etwas Ganzem, das erzählt werden muss. 

Gefördert durch eine Zuwendung des Sächsischen Staatsministeriums für Wissenschaft, Kultur und Tourismus aus dem Vermögen der Parteien und Massenorganisationen der ehemaligen DDR (PMO-Vermögen), 6. Tranche und dem Stadtbezirk Pieschen. 

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