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https://www.dresden.de/de/kultur/erinnerungskultur-regionalgeschichte/orte-kontext/hellerau.php 20.01.2026 09:05:42 Uhr 23.01.2026 14:15:42 Uhr

Gedenkort Hellerau

Die Geschichte des Festspielhausgeländes – und der umliegenden Gartenstadt Hellerau – ist eng verbunden mit den großen Katastrophen des 20. Jahrhunderts. Der einstige Kulturort erfuhr mehrere Umformungen hin zu einem Ort der Gewaltgeschichte: Als Standort der NS-Ordnungspolizei und nach Kriegsende der sowjetischen Streitkräfte.

Erster Weltkrieg und Zwischenkriegszeit

Das Festspielhaus Hellerau wurde 1910/11 als Bildungsanstalt für Rhythmik nach den Visionen des Wegbereiters der modernen Architektur Heinrich Tessenow und des Musikpädagogen Émile Jaques-Dalcroze erbaut. Die Konzeption des Großen Saals in Verbindung mit einem neuartigen Lichtdesign und einer flexiblen Bühnengestaltung durch Alexander von Salzmann und Adolphe Appia ermöglichten die Befreiung und den Ausdruck des Körpers durch Rhythmus und Musik. Dies lockte nicht nur zahlreiche Schülerinnen und Schüler nach Hellerau, sondern zu den Schulfesten auch die kulturelle und künstlerische Avantgarde Europas. Die Glanzzeit endete jedoch bereits mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs: Leitende Köpfe und internationale Schülerinnen und Schüler verließen Hellerau. Damit begann eine Phase zahlreicher Zwischennutzungen: Angefangen von der Handwerkergemeinde Tessenows, der Neuen Schule für Rhythmik, der International School des schottischen Reformpädagogen Alexander Sutherland Neill, des Hellerauer Verlages Jakob Hegner und zahlreichen anderen pädagogischen Experimenten bis hin zu einer industriellen Nutzung und der Vermietung an das Sächsische Wohlfahrtsministerium. Die prekäre finanzielle Situation der auf Mieteinnahmen angewiesenen Bildungsanstalt wurde durch äußere Faktoren, wie die Inflation und die Weltwirtschaftskrise, zusätzlich erschwert. 1925 verließ die letzte Tanzschule das Festspielhaus. 1932 fanden noch Opernaufführungen der Staatsoper Dresden statt.

Ansicht des Adolf-Hitler-Platzes und des Festspielhauses, vor 1938

Ideologische Vereinnahmung im Nationalsozialismus

Die Lebensreformbewegung der Jahrhundertwende hatte eine Erneuerung der Gesellschaft und ein Ideal des neuen Menschen angestrebt. Die völkischen Ideen der Lebensreformbewegung waren jedoch auch anschlussfähig an nationalsozialistische Ausdeutungen und Radikalisierungen.

Der Platz vorm Festspielhaus wurde im Frühjahr 1933 in Adolf-Hitler-Platz benannt und die Ortsgruppe der NSDAP zog in eines der Pensionshäuser am Platz ein. Das Areal wurde zu einer Kulisse für politische Ambitionen der lokalen NSDAP und für Feiern und Umzüge des NS-Festkalenders. Im Mai 1934 war Hellerau ein Schauplatz der ersten Reichstheaterwoche, dessen Ziel es war, die Theater in den Dienst der NS-Propaganda zu stellen. Die Gestaltung der Festwoche erfolgte mit viel Aufwand durch das Propagandaministerium und die Reichskulturkammer unter Joseph Goebbels. Dresdens Ruf als Kulturmetropole wurde unter nationalsozialistischen Bedingungen reichsweit und international gefestigt, was nicht zuletzt Adolf Hitlers dreitägige Anwesenheit bekräftigte.

Militärische Nutzung durch die Polizeischule

Mit dem Vorhaben, Militär und Polizei auf einen künftigen Eroberungskrieg vorzubereiten und ihre Infrastruktur sowie Personal aufzubauen, fiel das Interesse des Reichsinnenministeriums auf das Festspielhausgelände: Eine dem Machtanspruch angemessene, ehrwürdige Architektur, ein großzügiges Raumangebot, Platz für Erweiterungen und ein großer leerer Saal sprachen für die Umnutzung. Mit der finanziell ruinierten Bildungsanstalt fand die Polizei eine Eigentümerin, die zum Verkauf bereit war. Innerhalb von drei Jahren wurde das Gelände nach Plänen Ernst Pollacks zu einem Standort der Polizeiausbildung umgebaut und um zwei Kasernen erweitert. Mit der nahen Luftkriegsschule Klotzsche sollte Hellerau zu einem neuen militärischen Standort weiterentwickelt werden. Die Polizeischule Hellerau war als Polizeiausbildungsbataillon, Polizeilehrbataillon und nach 1943 Polizeiwaffenschule für die Aus- und Weiterbildung von Führungsoffizieren der Polizei zuständig, hauptsächlich für die Gewinnung von Unteroffizieren.

Kantine in der Polizeikaserne Hellerau mit Turnierdarstellungen, um 1940

Ordnungspolizisten im Vernichtungskrieg

Ab 1939 befand sich auf dem Gelände des heutigen Festspielhauses Hellerau nunmehr eine von vier reichsweiten Lehranstalten für den Unteroffiziersnachwuchs. Bis zum Kriegsende durchliefen hier mehrere Tausend Polizeisoldaten taktischen Unterricht, Trainingseinheiten an schweren Waffen, eine umfangreiche körperliche Ausbildung und eine sogenannte weltanschauliche Schulung. Darunter zählten Themen wie Rassenlehre, die Verbreitung antisemitischer und antikommunistischer Stereotype sowie die Neugliederung Europas nach der nationalsozialistischen Eroberung.

Eine Aus- und Weiterbildung erfuhren unter anderem Reservisten, bevor sie in den aktiven Dienst nach Osten abkommandiert wurden. Zudem durchlief das Polizeipersonal deutschsprachiger Minderheiten aus den eroberten Gebieten die Polizeischule, die vor Ort Deutschlands Einfluss zusätzlich festigen sollten. Die Ausbildung erfolgte durch Personal der SS. Polizeisoldaten aus Hellerau waren an zahlreichen Gewalttaten beteiligt: an der Räumung von Ghettos, Erschießungen, Verschleppungen, dem Begleiten von Transporten in die Vernichtungslager Osteuropas wie auch an Aktionen des „Bandenkampfes“ – der Niederschlagung jeglichen Widerstands gegen die deutschen Besatzer.

Inschrift mit Zitat von Ernst Jünger

Im Treppenhaus des Ostflügels des heutigen Festspielhauses befinden sich Überreste einer Wandgestaltung mit einem Zitat von Ernst Jünger. Hier handelt es sich um eine bauzeitliche Inschrift, die auch heute noch auf die einstige Nutzung des Gebäudes als Polizeilehranstalt und Kaserne verweist. Das Zitat lautet wie folgt: „Ein Kampf ist immer noch etwas Heiliges, ein Gottesurteil über zwei Ideen. Ernst Jünger“

Ernst Jünger gilt als elitärer, antirepublikanischer und antidemokratischer Schriftsteller, dessen Werk insbesondere durch die Teilnahme am Ersten Weltkrieg geprägt wurde. Das Zitat stammt aus dem Essay „Der Kampf als inneres Erlebnis“ von 1922, in dem Jünger seine persönlichen Fronterfahrungen verarbeitete und in eine Kriegsprogrammatik überführte. Im Zitat erhob Jünger den Krieg zu einem sakralen Vorgang, nicht zwischen Nationen, sondern zwischen Ideen. Mit der nationalsozialistischen Ideologie wurden Jüngers glorifizierende Kriegsdarstellungen instrumentalisiert.

Die Polizeilehranstalten waren für die Ausbildung ihrer Lehrkräfte überwiegend selbst verantwortlich. Zu diesem Zweck wurden dem Lehrpersonal militärische Fachzeitschriften und NS-konforme Literatur zur Verfügung gestellt, zu denen auch Schriften von Ernst Jünger zählten. Das Zitat im teilöffentlichen Bereich des Ostflügels ist mit einer transluzenten Scheibe abgedeckt und kontextualisiert.

Klaus-Dieter Schumacher: Festspielhaus, 1994

Standort der Roten Armee

Nach dem Ende des Kriegs wurde das Gelände des heutigen Festspielhauses geräumt und von der ortsansässigen Bevölkerung geplündert. Anschließend zog die Rote Armee auf das Areal. Zunächst gab es Hoffnungen auf einen baldigen Abzug der Truppen und die Umsetzung anderer Nutzungskonzepte. Im Gespräch war erneut eine Bildungsanstalt, diesmal für die Dresdner Kunstgewerbeschule. Doch die sowjetischen Streitkräfte sollten bis zum Ende des Kalten Kriegs Eigentümer des Platzes bleiben. Bauliche Strukturen aus der Zeit des Nationalsozialismus wurden von einer Sanitätskompanie weitergenutzt. Weitere Umgestaltungen führten zu bedeutenden Eingriffen in die Bausubstanz des Festspielhauses und der umliegenden Gebäude, wenn auch nicht in einem Ausmaß wie vor 1945 durch Ernst Polack. Noch heute zeugen Wandmalereien mit heroischen Militärdarstellungen im Treppenhaus von der Zeit der Kasernennutzung der sowjetischen Streitkräfte, die 1992 Dresden verließen. 

Wiederbelebung von Hellerau als Kulturort

1992 wurde das Gelände dem Freistaat Sachsen und 2006 der Landeshauptstadt Dresden übereignet. Von Beginn an waren lokale Initiativen wie der Förderverein für die Europäische Werkstatt für Kunst und Kultur Hellerau e.V. um eine kulturelle Wiedernutzung des Areals bemüht. In mehreren Schritten wurde die historische Bausubstanz revitalisiert und seit der Spielzeit 2009 ein dauerhafter Betrieb durch das Europäische Zentrum der Künste Hellerau ermöglicht. Auf Initiative des Stadtrates, der Landeshauptstadt Dresden sowie HELLERAU – Europäisches Zentrum der Künste beschäftigte sich der Historiker Robert Badura vom Institut für sächsische Geschichte und Volkskunde (ISGV) intensiv mit der Geschichte des Festspielhauses im Nationalsozialismus. Als Teil von MNEMO Gedenkareal Dresdner Norden erfährt der Ostflügel auf dem Festspielhausgelände eine Markierung als Ort der Gewaltgeschichte des 20. Jahrhunderts.

Literatur 

Die vorliegenden Ausführungen basieren auf Robert Badura: Eine Pflanz- und Pflegestätte deutschen Geistes? Das Festspielhaus Hellerau im Nationalsozialismus als Kulturort und Polizeischule, Dresden 2025.

Förderung 

Diese Maßnahme wird mitfinanziert durch die Stiftung Sächsische Gedenkstätten aus Steuermitteln auf der Grundlage des von den Abgeordneten des Sächsischen Landtags beschlossenen Haushalts. 

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