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26.11.2012

Dresdner Lyrikpreis 2012 geht an Hartwig Mauritz

Die Landeshauptstadt Dresden verlieh am 24. November 2012 in einem Festakt in der Villa Augustin den Dresdner Lyrikpreis 2012 an Hartwig Mauritz. Der Lyriker wurde 1964 in Eckernförde geboren. Er lebt in Vaals in den Niederlanden. Mauritz studierte Elektrotechnik und arbeitet seit 1995 als Lehrer am Berufskolleg. Seine Gedichte sind in zahlreichen Zeitschriften und Anthologien erschienen. Zuletzt publizierte er „biotope" (Lyrikedition 2008). In diesem Herbst folgt der Gedichtband „rumor der frösche auf den dünnen flächen der physik".

Der mit 5000 Euro dotierte Preis wird an deutsch- und tschechischsprachige Autorinnen und Autoren vergeben und gehört bundesweit zu den renommiertesten Lyrikpreisen. „Der Dresdner Lyrikpreis ist zur Förderung des zeitgenössischen poetischen Schaffens ausgelobt und zeichnet sich nicht nur durch seine Bilingualität und Multinationalität sondern auch durch seine Offenheit aus", betont Kulturbürgermeister Dr. Ralf Lunau die kulturpolitische Bedeutung des Preises. Zugelassen sind sowohl Eigen- als auch Fremdbewerbungen von Autorinnen und Autoren aus Tschechien, Deutschland, Österreich, der Schweiz und Liechtenstein.
Der Dresdner Lyrikpreis wird im zweijährigen Rhythmus von der Landeshauptstadt Dresden ausgelobt. Diese Jahr wurde er im Rahmen des Poesiefestivals BARDINALE, zum neunten Mal verliehen. Neun Nominierte trugen ab 11 Uhr ihre Gedichte in einem öffentlichen Lesewettbewerb vor. Anschließend entschied eine hochkarätig besetzte Fachjury, darin unter anderen die diesjährige Preisträgerin des Deutschen Buchpreises, Ursula Krechel, über die Vergabe des Dresdner Lyrikpreises 2012. Der Hauptjury gehören neben Ursula Krechel auch Richard Pietraß, Michal Jares, Wanda Heinrichová, Petr Borkovec und Vertreter aus Politik und Verwaltung sowie der erste Dresdner Lyrikpreisträger aus dem Jahr 1996, Thomas Kunst, an.
Die diesjährige Beteiligung an dem zweistufigen Auswahlverfahren war enorm groß. 1212 Einsendungen hatte eine sechsköpfige Vorjury im Laufe des Jahres gelesen und sich am Ende in einem anonymisierten Auswahlverfahren für die neun Nominierten entschieden.
Zu den prominentesten Preisträgern der vergangenen Jahre gehören Uwe Tellkamp (2004) und Christian Lehnert (1998).


Laudatio der Hauptjury:

„Nach der eindrucksvollen Lesung aller neun durch die Vorjury Nominierten aus Deutschland und Tschechien brauchte die gleichfalls zweisprachig besetzte neunköpfige Hauptjury nur eine Stunde zur Entscheidung. In intensivem und konstruktivem Austausch wurde klar, dass der Preis in diesem Jahr nicht geteilt werden sollte. In geheimer Abstimmung entschieden wir uns, in klarem Votum mit sechs von neun Stimmen für Hartwig Mauritz. Mit ihm küren wir einen 1964 in Eckernförde geborenen, heute in Vaals in den Niederlanden lebenden, Autor mit einer eigenen, unverwechselbaren Stimme, die ein Gutteil ihrer Eigen- und Besonderheit seiner naturwissenschaftlichen Bildung durch eine Studium der Elektrotechnik und Tätigkeit als Wissenschaftler und berufsbildender Lehrer technischer Fächer verdankt.
Neben seiner norddeutschen Herkunftslandschaft sind es in den hier eingereichten Gedichten besonders Erfinder wie Galvani mit seinen Froschschenkelexperimenten, und Telephonie- und Fernsehpioniere wie Marconi, Reis und Nipkow, der Erfinder des Fernsehens, von denen er sich angezogen fühlt. Dieses physikalische Weltbild erhält seine poetische Aufladung und Inspiriertheit durch einen gehörigen Schuss Metaphysik, der erst aus dem Nüchternen das Wunderbare, aus Wissenswerten den Zündfunken von Geheimnissen werden lässt, der den Gedichten ihr transzendentes Ingenium verleiht. In diesem 48jährigen Dichter, der nahe Aachen gleich hinter der niederländischen Grenze lebt, haben wir einen poetischen Nachfahren von Dichtern wie Hans Magnus Enzensberger und dem Schweden Lars Gustafsson. Fasziniert von Grenzüberschreitungen im Wissensdurst wie im Lebenshunger, von Biografien und Lebensleistungen, die Türen öffneten in neue Erkenntnis- und Erlebensräume, schreibt Hartwig Mauritz lakonisch und doch voller transzendenter Feinheiten, die uns zu fesseln vermögen wie in diesem Gedicht:

philip reis nimmt den hörer in die hand, sein schädel begabt
aber nicht begehbar heut. der hund bellt durch den draht
den apparat leckt seine zunge die zähne in der stimme

schlägt der atem seines hern an, krächzt, raucht, knackt
elektrische impulse. das mikrofon aus kohle glüht vor stimmen
die frau ist aus dem haus, der erfinder aus dem häuschen

nur die nacht zieht ihren dunklen leib ihm vors gesicht
kratzt, rauscht, schreit elektrische ekstasen. sein mund ist eine quelle
für den schall, das ohr, seine senke gehört zum inventar des herrn

der hund, sein hecheln zuckt durch den draht lauscht er der stimme
in der hand: was in der sprache ihn vorantreibt, knurrt, kratzt, knistert
in den draht gesprochen, geruchlos und sein ohr auf zigarrenkistengröße
aufgebläht, kann es hören, das stille atmen seines herrn.

Wouw! Was in Menschensprache heißt: herzlichen Glückwunsch!"

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