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https://www.dresden.de/de/rathaus/aktuelles/pressemitteilungen/2024/02/pm_046.php 15.02.2024 11:59:26 Uhr 13.04.2024 09:03:30 Uhr

Nominierte für den Dresdner Lyrikpreis 2024 stehen fest

Neues Verfahren zur Vergabe des binationalen Preises für herausragende Dichtung

Nachdem der Stadtrat in seiner Sitzung am 17. November 2023 das neue Statut für die Vergabe des Dresdner Lyrikpreises beschlossen hatte, konnten die beiden vom Ausschuss für Kultur und Tourismus berufenen Jurys in Deutschland und Tschechien tagen und insgesamt drei deutschsprachige und drei tschechischsprachige am Finale Teilnehmende für die Preisvergabe nominieren.

In einem intensiven fachlichen Austausch hat sich die binational besetzte Expertenjury auf die Finalistinnen und Finalisten für den Dresdner Lyrikpreis 2024 geeinigt. Nominiert wurden Petr Borkovec, Kamil Bouška und Bohdan Chlíbec sowie Ozan Zakariya Keskinkýlýç, Georg Leß und Dana Ranga.

Ausschlaggebend für die Bewertung waren in allererster Linie die hohe literarische Qualität des Werkes der Nominierten sowie die Entwicklung und Originalität ihrer Poetik. Während die deutschsprachigen Jurymitglieder zudem hervorhoben, „Aufmerksamkeit für Ungesehenes, für Werke, die im Schlagschatten stehen“ generieren zu wollen, interessante Einblicke in die Gegenwartslyrik zu vermitteln und einen Fokus auf Dichtung zu legen, „die sich mit der Welt auseinandersetzt, die uns etwas angeht“, möglichst auch unter Berücksichtigung literarischer Stimmen anderer Herkunft, die andere Positionen einbringen, spielten für die tschechischen Jury-Mitglieder die „potenzielle Übersetzbarkeit der Texte der nominierten Autoren ins Deutsche“, „der Beitrag, den die Rezitations- oder Vortragsfähigkeiten der Autoren zum Gesamteindruck des Textes auf das Publikum leisten könnten“ sowie die „klanglichen/musikalischen/melodischen Qualitäten des Textes“ eine wichtige zusätzliche Rolle. 

Das Nominierungsverfahren zur Vergabe des Dresdner Lyrikpreises ist eine Chance, um in Zukunft herausragende poetische Talente zu würdigen. Ziel der Landeshauptstadt Dresden ist, durch den binationalen Lyrikpreis eine Brücke zu unseren tschechischen Nachbarn zu schlagen. Mit zwei Preisen und einem Tandemverfahren zur Übersetzung ausgewählter Gedichte der Finalistinnen und Finalisten wird mittels Lyrik sichtbar, was es heißt, grenz- und sprachübergreifend zusammenzuarbeiten. Ich danke den beiden Jurys für die Auswahl der vielversprechenden Nominierungen

Kulturbürgermeisterin Annekatrin Klepsch

Hintergrund zu den Nominierten und kurze Begründung der Jurys:

Petr Borkovec (*1970) lebt als Dichter, Übersetzer und Kulturredakteur in Prag. Wie keinem anderen Autor seiner Generation wird ihm von der Kritik souveräne Handhabung tradierter dichterischer Mittel und frühzeitige Entwicklung einer markanten Stimme bescheinigt, die auf eigenständige Weise in der Nachfolge der bedeutendsten Lyrik des 20. Jahrhunderts steht. Hervorgehoben werden das hohe intellektuelle Niveau, die expressive und formale Brillanz in den sehr unterschiedlichen poetischen Sphären und Genres, die Borkovec im Laufe seiner literarischen Entwicklung erkundete und zu beherrschen lernte, die Raffinesse und Subtilität seiner Poetik, die sich auch durch eine bemerkenswert geschliffene Ironie und einen spezifischen subversiven Humor auszeichnet, der sich nicht nur auf der sprachlichen Ebene vollzieht. Die Gedichte sind sehr sinnlich, es dominiert die Visualität, sein souveräner Umgang mit der Sprache scheint einen weiteren, sechsten Sinn zu generieren, den Petr Borkovec meisterlich beherrscht.

Kamil Bouška (*1979) gilt als Dichter-Provokateur, Enfant terrible der jüngeren Dichtergeneration Tschechiens. Er schöpft aus einer ausdrucksstarken Metaphorik und Assoziativität, aus dem Ablauschen mündlich überlieferter Sprache, die er auf einzigartige Weise mit einer kühl beschreibenden, dokumentarischen Distanz zu verbinden vermag, mit der er die unschönen, ja morbiden Züge erfasst, die der Mensch annimmt, in die er seine ursprüngliche Unbeflecktheit entstellt hat. Sein Humor ist schwarz, die oft düsteren Verse mit gesellschaftskritischem Appell legen eine verzweifelte Aggression und einen scharfen Witz frei. Die Jury hob seine jüngste einbändige Trilogie „Dokumente“ (2023) hervor, die sie als eines der bemerkenswertesten Werke der tschechischen Literaturszene der letzten Zeit bezeichnete.

Bohdan Chlíbec (*1963) ist ebenfalls ein moderner Expressionist oder Naturalist, aber seine Poesie steht in der Tradition, die das Bruchstückhafte schätzt und mutet ausgesprochen existenzialistisch an. Seine Poesie lebt von der kontrastreichen Verbindung von Emotionalität und Distanz, die er in feinster handwerklicher und formaler Vollendung vollzieht. Das Schweigen und die Unmöglichkeit, sich in der Sprache auszudrücken und zu verstehen, spielen im Fluss der Verse eine wichtige Rolle. Der absurde und doch so anmutige Überschwang seiner Verse ist nicht nur klassisch expressionistisch, sondern einzigartig in seiner plastischen Suggestivität und seinem Sinn für Bildhaftigkeit und schwarzen Humor, mit dem er die menschliche Unzulänglichkeit, die sein zentrales Thema ist und auf der er seine imaginäre Parallelwelt aufbaut, in bestechender Stilisierung aufgreift. Die Jury berücksichtigte insbesondere Chlíbecs jüngsten Gedichtband „Stereo“ (Aula, 2022)

Ozan Zakariya Keskinkýlýç (*1989) ist Politikwissenschaftler, freier Autor und Lyriker. Neben wissenschaftlichen Texten schreibt er Prosa, Hörstücke und Lyrik. Veröffentlichungen liegen in diversen Literaturzeitschriften, Magazinen und Anthologien in Deutschland, Österreich und der Schweiz vor. Zuletzt erschienen die Bände „Prinzenbad. Gedichte.“ (2022) und „Muslimaniac. Die Karriere eines Feindbildes.“ (2023). Zu den herausragenden Merkmalen seines Schreibens gehören eine blumige, offene Bild- und Wahrnehmungsräume schaffende Sprache, scharf gegengeschnitten mit knallharter Ironie, die Arbeit mit Klischees und Zuschreibungen, Humor und eine hohe Variabilität.

Georg Leß (*1981) betreibt eine poetische Strategie der verblüffenden Zusammenhänge. Mit großer Kühnheit versetzt er die Wörter und Bedeutungen in das beinahe grausame Märchen der unzuverlässigen Wahrnehmung. Er ist großer Liebhaber von Horrorfilmen. Motive überlagern sich; nie ist es das, was es auf den ersten Blick zu sein scheint. In seinen Texten sorgen kalkulierte Bildbrüche immer wieder für produktive Unruhe und für einen ganz eigenen Humor. Mit jedem seiner Bücher – darunter die Gedichtbände „Schlachtgewicht“ (2013), „Hohlhandmusikalität“ (2019) und „die Nacht der Hungerputten“ (2023) überrascht er in neuer Weise. „Mit jeder Silbe / ein anderer werden“ heißt es einmal und das gelingt ihm wie keinem zweiten. Georg Leß gilt als einer der eigenwilligsten Dichter seiner Generation.

Dana Ranga (*1964) ist eine aus Bukarest stammende Medizinerin und Dokumentarfilmerin. Sie hat seit ihrem ersten, 2005 noch auf Rumänisch geschriebenen Gedichtband drei Gedichtbände in deutscher Sprache veröffentlicht. Dabei bewegt sich Dana Ranga in Projektschritten voran, die schon durch die Titel ihrer Bücher markiert werden: „Wasserbuch“, „Hauthaus“ und „Cosmos!“. Gemeinsam ist diesen Büchern, dass mit der vom Blick unter die Wasseroberfläche, in den menschlichen Körper und in den Weltraum geprägten Sprache der Mensch seine biologische Mikro- und seine kulturelle Makrostruktur, seine unvertraute Umwelt in der Tiefsee und seine Reisen in den Kosmos poetisch erkundet. Dana Rangas Gedichte, mal lakonisch, mal wissenschaftlich analytisch, dann wieder berauschend sinnlich, sind sorgfältig gebaut. Es gelingt ihr, verschiedene Fachsprachen für ein gegenwärtiges Dichten zu erschließen und auch den sperrigsten Vokabeln einen Kontext zu bereiten, in dem diese ihre unvermutete Schönheit erleben.

Mitglieder der Jury:

Wanda Heinrichová, Nadja Küchenmeister, Radek Malý, Pavel Novotný, Katharina Schultens und Hans Thill

Hintergrund zum neuen Verfahren zur Vergabe des Dresdner Lyrikpreises:

Der Dresdner Lyrikpreis wird seit 1996 alle zwei Jahre an in Europa lebende Dichterinnen und Dichter vergeben, die in deutscher und/oder tschechischer Sprache schreiben und deren eingereichte Gedichte einem hohen künstlerischen Anspruch gerecht werden. Das Statut und die Vergabe des Preises wurden bis 2023 nur minimal verändert. Die Erfahrungen der letzten Jahre haben ergeben, dass das Verfahren nicht mehr zeitgemäß war. Entwicklungen in der Literaturszene wie beispielsweise die Anpassung der Dotierung von Preisen, aber auch der Anspruch an einen in dieser Form einzigartigen zweisprachigen Lyrikpreis sowie ein umständliches und aufwendiges Verfahren zur Preisvergabe erforderten eine Veränderung der Preisvergabe.

Das Alleinstellungsmerkmal des Dresdner Lyrikpreises, die Zweisprachigkeit, bleibt auch zukünftig bestehen. Somit verstetigt sich die grenzüberschreitende partnerschaftliche Zusammenarbeit, das Netzwerk und die Übersetzertätigkeit. Auch durch die Vergabe von zwei gleich dotierten Preisen in Höhe von jeweils 7.500 Euro – einen für eine deutschsprachige Dichterin oder einen deutschsprachigen Dichter und einen für eine tschechischsprachige Dichterin oder einen tschechischsprachigen Dichter – signalisiert viel stärker den Brückenschlag über die Ländergrenze. Die Erhöhung der Dotierung des Dresdner Lyrikpreises ist zeitgemäß im Vergleich zu anderen Literaturpreisen. Die Verschlankung des Vergabeverfahrens nach dem Nominierungsprinzip bündelt Ressourcen und ermöglicht die Verstärkung der öffentlichen Kommunikation. Ein Schwerpunkt ist darüber hinaus im Rahmen der Tandemarbeit auf das Thema der Übersetzungen gesetzt. Durch den Nominierungsprozess wird die Vergabe an herausragende dichterische Qualität fokussiert und die Strahlkraft des Dresdner Lyrikpreises kann deutlich erhöht werden. Die zweisprachige Publikation ist ein wichtiges und dauerhaftes Ergebnis der Preisvergabe.