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https://www.dresden.de/de/leben/gesellschaft/migration/aktuelles/interkulturelle-tage/interviewserien/ikt-interviewserie-folge-5.php 11.10.2019 14:59:45 Uhr 11.12.2019 20:50:04 Uhr

Interview-Serie 2019

„Zusammen leben. Zusammen wachsen.“ – Engagierte stellen sich vor

Folge 5 – Interkulturelle Tage in Dresden – Im Interview: Renata Horvathova, Mitarbeiterin beim Romano Sumnal e. V.

Renata Horvathova

Vom 22. September bis zum Oktober finden unter dem Motto „Zusammen leben. Zusammen wachsen.“ die 29. Interkulturellen Tage statt. Dazu stellen sich passend zu den diesjährigen Themenschwerpunkten Vereine und Initiativen vor.

Im letzten Teil steht das Thema „Menschenrechte stärken – selbstbestimmt leben.“ erneut im Mittelpunkt. Renata Horvathova, welche für den Romano Sumnal e. V. bei der Treberhilfe Dresden arbeitet, äußert ihre Erfahrungen als Roma und setzt sich nun für die Menschen in Dresden ein, die auf der Straße leben.

Was hat Sie dazu gebracht, sich für Obdachlose zu engagieren?

Ich kann es nicht übersehen, wenn Menschen leiden, die auf der Straße leben. Ich bin ein Mensch und ich muss irgendwie helfen. Als ich vor über zehn Jahren aus der Slowakei nach Dresden gekommen bin, hatte ich noch nicht damit gerechnet, dass ich mich für Obdachlose einsetzen werde. Ich bin Stück für Stück zu dieser Arbeit gekommen. Ich habe die Obdachlosen früher zwar gesehen, aber ich wusste nichts über sie.

Inzwischen beschäftige ich mich mit diesen Menschen und das bietet ein ganz anderes Bild als vorher. Jetzt verstehe ich erst richtig, mit welchen Problemen die Menschen zu tun haben und wie sie den Alltag meistern.

Romano Sumnal Was sind Ihre Aufgaben bei der Treberhilfe und wofür setzen Sie sich ein?

In der Treberhilfe kommen einmal in der Woche die Menschen vorbei und können ihre Kleidung wechseln, essen und duschen. Natürlich helfen wir auch beim Erledigen der Formalitäten, zum Beispiel für das Jobcenter und das Sozialamt. Es gibt sehr viele Dinge, mit denen wir den Leuten helfen können und wollen.

Mir ist es auch schon gelungen, Menschen von der Straße zu holen und in einem Obdachlosenheim unterzubringen, weil sie einen Job gefunden haben. Ich möchte, dass die Leute irgendwann eine eigene Wohnung haben und ein ruhiges Leben führen können. Aber ich will auch weiter für alle anderen auf der Straße da sein, die meine Hilfe brauchen.

Sie sind selbst eine Angehörige der Roma. Wie reagieren die Hilfsbedürftigen darauf?

Ich selbst mache da keine Unterschiede. Mir ist es egal, ob jemand ein Rom ist oder ein Deutscher. Zu uns kommen Menschen aus verschiedenen Ländern, aus Deutschland, der Slowakei, Polen oder Russland. Wir helfen allen Menschen. Aber durch meine Anwesenheit hat sich schon etwas geändert. Die Roma haben nun mehr Vertrauen und kommen eher zu uns. Im letzten Jahr waren es noch sehr wenige, die sich zu der Treberhilfe getraut haben, inzwischen sind es viel mehr geworden.

Dadurch, dass sie wissen, dass ich dort arbeite und auch eine Romni bin, fassen sie viel eher Vertrauen und können sich auch besser verständigen, weil ich ihre Sprache spreche. Die slawischen Sprachen ähneln sich untereinander sehr, und wir helfen uns gegenseitig bei der Verständigung.

Welche Probleme begegnen Ihnen?

Besonders schwierig sind die Behördengänge. Die deutsche Sprache ist eine schwere Sprache und obwohl ich sie spreche, gibt es Worte, die ich nicht sofort verstehe. Dann wird man nur hin und hergeschickt und niemand hilft einem weiter. In der Treberhilfe bin ich die einzige Roma und manchmal muss ich zwei oder drei Menschen gleichzeitig helfen, weil niemand sonst sie verstehen kann. Dann weiß ich oft nicht mehr, wo mir der Kopf steht.

Auch Rassismus ist mir persönlich schon begegnet, aber das sind sehr unschöne Sachen, über die ich nicht sprechen möchte. Dabei bin ich als jemand, der nicht obdachlos ist, weniger Diskriminierung ausgesetzt als die Menschen auf der Straße, trotzdem passiert es auch mir. In der heutigen Zeit scheint das fast schon normal zu sein. In der Slowakei war das schon zu meinen Schulzeiten so üblich, dass Roma als „Zigeuner“ beschimpft wurden. Dabei erwarte ich nur etwas Respekt.

In den Inseraten für Arbeitsplätze in der Slowakei steht oft, dass Roma sich nicht melden sollen. Ohne Arbeit bleibt ihnen aber gar nichts anderes übrig, als zu betteln. Die Roma in meinem Herkunftsland werden dann in Siedlungen ohne fließendes Wasser, ohne Strom, ohne Licht verdrängt. Das ist furchtbar.

Was sollte sich im Umgang mit Obdachlosen in Dresden ändern?

Die Obdachlosen brauchen mehr Hilfe. Ich bin mit vielen anderen der Meinung, dass Menschen nicht auf die Straße gehören. Zu uns kommen Obdachlose aus Deutschland, aber auch aus anderen Ländern. Von denen, die kein Deutsch sprechen können, verlangen die Behörden dann oft, dass sie Sprachkurse belegen, aber wer bezahlt das? Die Kurse sind nicht kostenlos. Ein Obdachloser kann nicht einfach die deutsche Sprache lernen, wenn er kein Geld dafür hat.

Ich würde mir auch wünschen, dass die Leute mehr Respekt vor den Menschen auf der Straße haben. Mittlerweile haben viele Obdachlose Angst, draußen zu schlafen. Es wurden schon Schlafsäcke gestohlen, Menschen wurden angespuckt, getreten, beklaut oder mitten in der Nacht fotografiert. Das Miteinander fehlt. Auch Bettelverbote bekämpfen keine Armut, sondern stellen die Leute nur vor neue Probleme.

Im Winter habe ich einmal mit den Obdachlosen zusammen draußen übernachtet. Ich wollte besser verstehen, was das für die Menschen bedeutet und wie sie sich dabei fühlen. Ich bereue es nicht, aber es war nicht leicht. Bevor man die Leute auf der Straße beleidigt oder beschimpft, sollte man so etwas einmal mitmachen, damit man selbst begreift, wie schwer dieses Leben ist.

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