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https://www.dresden.de/de/leben/gesellschaft/migration/aktuelles/interkulturelle-tage/interviewserien/folge-4-2018.php 25.09.2019 14:38:16 Uhr 11.12.2019 20:47:05 Uhr

Interview-Serie 2018

„Du und Ich. Wir in Dresden.“ – Engagierte stellen sich vor

Folge 4 - Drei Fragen an Heidi Hemmann, Mitarbeiterin bei Mission Lifeline

Den Abschluss macht Heidi Hemmann aus Dresden zum Thema „Im Dialog über Migration – von Anerkennung bis Diskriminierung“. Sie ist seit Anfang des Jahres Mitarbeiterin bei Mission Lifeline. Vorab beschäftigte sich Heidi Hemmann seit vielen Jahren mit den Themen Asyl, Migration sowie Flucht und arbeitete als Flüchtlingssozialarbeiterin. Ein großes Anliegen sind ihr dabei stets die Menschenrechte.

Wie nehmen Sie die Diskurse über Migration aktuell wahr?

Ich habe das Gefühl, dass dies ein sehr ambivalentes Thema ist. Meiner Meinung nach wird ein Unterschied zwischen den Geflüchteten gemacht. Beispielsweise werden Menschen entsprechend ihrer Herkunft verschieden gewertet und die Menschlichkeit wird mitunter vergessen. Das finde ich sehr dramatisch, vor allem in Hinblick auf die aktuellen Katastrophen auf dem Mittelmeer, mit denen wir jetzt unmittelbar zu tun haben. Menschen werden dabei entwürdigt, was allen Menschenrechten widerspricht. Es wird beim Thema Migration weniger gefragt, warum Menschen fliehen. Es wird viel mehr mit Vorurteilen, wie beispielsweise in den Medien, gespielt. Das sehe ich sehr kritisch.

Ich spüre aber auch aktuell eine große Solidarisierungswelle, auch seitens einiger Medien bezüglich der Seenotrettung. Einige Geflüchtete werden immer selbstbewusster und beginnen sich stark zu machen, in den Austausch zu treten, selber aktiv zu werden und den Dialog anzuregen. Insgesamt ist der Dialog für mich persönlich aber noch zu wenig da. Es wird größtenteils über und weniger mit den Menschen gesprochen. Dabei finde ich es wichtig, mit den Menschen zusammenzuarbeiten, sie zu stärken, so dass sie für ihre Ansichten und Rechte einstehen können. Sie werden jedoch schnell entmündigt, was teilweise auch strukturell bedingt ist.

 

Welche Faktoren begünstigen oder verhindern den Dialog über Migration?

Viele haupt- und ehrenamtlich Tätige in dem Arbeitsfeld sind überlastet. Wir brauchen mehr Zeit, mehr Personal, mehr Unterstützung auf allen Ebenen und dazu eine gesicherte Finanzierung. Wenn man mit einer kleinen Gruppe intensiv arbeitet, werden diese befähigt schneller in den Austausch zu kommen, wodurch sie sich schneller in die gesellschaftlichen Strukturen einleben können. Neben den neu ankommenden Flüchtlingen dürfen wir aber auch nicht die Menschen vergessen, welche schon länger in Deutschland leben. Es braucht Zeit bis der Unterstützungsbedarf wirklich abgeflacht ist. Solange die Fachkräfte aber ihre Arbeit nur mit vielen Überstunden schaffen, ist es schwierig einen tragfähigen Dialog anzuregen. Auch der ständige Wechsel der Fachkräfte stellt ein Problem dar. Wenn Fachkräfte ihren Arbeitsplatz verlassen, weil die Förderzeit beendet ist und damit eine große Fluktuation einhergeht, kann keine Stabilität entstehen und der Dialog kann nicht aufrechterhalten werden. Dadurch fehlt es an Kontinuität, welche für einen gelingenden Austausch Voraussetzung ist.

Von den Überlastungen sind auch die Behörden betroffen. Auch sie brauchen die Unterstützung, damit der Dialog verbessert werden kann, um gegenseitiges Verständnis und gute Zusammenarbeit zu erzeugen. Bei einigen Stellen funktioniert es trotz der Auslastung gut und die Menschen werden ernst genommen. An anderen Stellen werden keine Aussagen gemacht oder Informationen nur sporadisch herausgegeben. So kann kein Dialog stattfinden. Mit Informationen, gerade wenn sie die Menschen selber betreffen, sollte transparent umgegangen werden.    

 

Gibt es etwas, was Sie den Dresdnerinnen und Dresdnern gern mitteilen möchten?

Ich habe gemerkt, dass der Dialog wächst, wenn geflüchtete Menschen mit den Leuten vor Ort in den Austausch treten können. Vorurteile werden abgebaut, Inklusion und Akzeptanz werden gefördert. So entsteht ein wunderschönes Zusammenleben und Lernen auf allen Seiten.

Ich möchte mich daher bei allen bedanken, die sich so toll engagieren und Solidarität zeigen gegenüber Mission Lifeline, geflüchteten Migrantinnen und Migranten und allen anderen Mitmenschen. Ich finde es unglaublich toll, zu sehen, dass es so viele freundliche, herzliche und großartige Menschen gibt. Ich bedanke mich auch bei denen, die den Mut nicht verlieren und immer wieder Energie aufbringen, trotz vieler Widerstände für ihre Sache, für die Menschenrechte, für das Wohlergehen unserer Gesellschaft einzustehen. Das finde ich toll – weiter so!

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