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https://www.dresden.de/de/leben/gesellschaft/migration/aktuelles/interkulturelle-tage/interviewserien/folge-4-2019.php 02.10.2019 19:17:25 Uhr 18.11.2019 10:59:03 Uhr

Interview-Serie 2019

„Zusammen leben. Zusammen wachsen.“ – Engagierte stellen sich vor

Folge 4 – Interkulturelle Tage in Dresden – Im Interview: Jan Ackermann von der Gruppe gegen Antiromaismus

Gruppe gegen Antiromaismus

Vom 22. September bis zum 13. Oktober finden unter dem Motto „Zusammen leben. Zusammen wachsen.“ die 29. Interkulturellen Tage statt. Dazu stellen sich passend zu den diesjährigen Themenschwerpunkten Vereine und Initiativen vor.

Im vierten Teil steht das Thema „Menschenrechte stärken – selbstbestimmt leben.“ im Mittelpunkt. Im Interview äußert sich Jan Ackermann, der in der Gruppe gegen Antiromaismus aktiv ist.

Was ist die Gruppe gegen Antiromaismus?

Die Gruppe gegen Antiromaismus ist eine Initiative, die sich auf verschiedenen Ebenen gegen Antiromaismus und Antiziganismus als spezifischen Rassismus gegen Roma und Sinti einsetzt. Durch Bildungsarbeit, Netzwerken und öffentlichkeitswirksame Aktionen klären wir über dieses Thema auf. Darüber versuchen wir Vorurteile abzubauen und letztlich Roma eine größere Stimme zu geben, da in der Debatte bisher in erster Linie über sie und nicht mit ihnen gesprochen wird.

Wie ist die Gruppe gegen Antiromaismus entstanden?

Im Jahre 2013 kam es zum wiederholten Male in Tschechien, nahe der deutschen Grenze, zu einer Reihe von Hassdemonstrationen. Dort sind organisierte Neonazis gemeinsam mit „besorgten“ Bürgerinnen und Bürgern auf die Straße gegangen und haben teilweise sehr gewaltvoll versucht, Roma-Viertel zu stürmen. Es war eine heftige Dimension der Gewalt. In diesem Zusammenhang erreichte uns ein Aufruf von tschechischen Aktivistinnen und Aktivisten, dem wir gefolgt sind und mit denen wir vor Ort darüber geredet haben, inwieweit wir Hilfe leisten können und was gegen die Gewalt getan werden kann. Wir konnten uns dort auch ein Bild über die Situation in den spezifischen Vierteln machen und Betroffene treffen, das war ein erschreckender Anblick. So haben wir versucht, die Proteste gegen die Gewalt von deutscher Seite aus zu unterstützen und haben nach einiger Zeit diese Gruppe gegründet, unsere Handlungsfelder ausgeweitet und unser Engagement hier in Deutschland begonnen.

Was sind die Ziele Ihrer Arbeit?

Dazu muss zunächst gesagt werden, dass Antiromaismus und Antiziganismus in ganz Europa, aber eben auch in der deutschen Gesellschaft sehr tief verankert sind. So ist auch der nationalsozialistische Völkermord an den Sinti und Roma nicht aufgearbeitet worden, dies wirkt bis heute nach. Aus dieser Geschichte heraus ist es wahnsinnig wichtig ein Bewusstsein dafür zu schaffen, wie stark diese Gruppe ausgegrenzt wird und woher das kommt. Über diese Aufklärungsarbeit wollen wir die reale Ausgrenzung, den realen Rassismus abbauen. Roma und Sinti sollen hier in Deutschland die Möglichkeit erhalten, ein normales Leben zu führen. Die institutionelle und rechtliche Diskriminierung von zugewanderten Menschen muss abgebaut werden, da ihnen sonst die volle Partizipation an der Gesellschaft nicht möglich ist.

Was sind die größten Herausforderungen, die Ihnen in Ihrer Arbeit begegnen?

Viele der zugewanderten Roma haben einen unsicheren Aufenthaltsstatus und werden häufig abgeschoben, das macht es schwer, uns mit den betroffenen Personen zu organisieren. Es gibt hier in Sachsen wenig alteingesessene Sinti. Das macht die Arbeit gegen diesen spezifischen Rassismus besonders schwierig. Die permanente Bedrohung des Aufenthaltstitels in der Verbindung mit den krassen Rassismuserfahrungen, die Sinti und Roma in der Gesellschaft machen, bilden eine unerträgliche Situation.

Sehen Sie die Interkulturellen Tage in diesem Zusammenhang als Chance?

Ich denke, dass solche Begegnungsräume viel bewirken können. Vorurteile funktionieren natürlich besonders dann gut, wenn sie nicht mit realen Personen abgeglichen werden müssen. Wenn es aber diese Begegnungen gibt, egal ob das jetzt Roma sind, Muslime oder andere Angehörige diskriminierter Gruppen, dann ist eine Pauschalisierung der Gruppen nicht mehr so einfach. Ich glaube aber auch, dass es mehr als diese reinen Begegnungen geben muss, um gesellschaftlich voranzukommen. Vorurteile sind eben nicht nur individuelle Marotten, sondern durch gesellschaftliche Strukturen bedingt.

Was bieten Sie für eine Veranstaltung im Rahmen der Interkulturellen Tage an?

Wir werden in Kooperation mit dem Büro der Integrations- und Ausländerbeauftragten am Straßenfest teilnehmen. Dort wird unter anderem ein Quiz zu Hintergrundwissen über Sinti und Roma veranstaltet. Wir werden dieses zusammen mit befreundeten Roma als Ansprechpartner begleiten.

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