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https://www.dresden.de/de/rathaus/aktuelles/pressemitteilungen/2022/02/pm_012.php 03.02.2022 14:55:49 Uhr 29.09.2022 03:20:40 Uhr
Meldung vom 03.02.2022

Nickern: Neue Informationstafel am Gedenkobelisken

Erinnerung nicht ohne Auseinandersetzung mit den Ursachen für Krieg und Vernichtung

Kulturbürgermeisterin Annekatrin Klepsch weihte am heutigen Donnerstag, 3. Februar 2022, gemeinsam mit Mitgliedern der AG 13. Februar die neue Informations-Stele am Gedenkobelisken in Altnickern ein. Einem Beschluss des Dresdner Stadtrats folgend, ordnet die Informations-Stele das Denkmal in die historischen Zusammenhänge ein. Ursprünglich 1920 zur Erinnerung an die 18 Gefallenen aus Dresden-Nickern im Ersten Weltkrieg aufgestellt, wurde der Obelisk nach der Zerstörung Dresdens 1945 für die Opfer der Luftangriffe auf Dresden umgewidmet und mit einer der damaligen Geschichtspolitik entsprechenden Inschrift versehen. In den vergangenen Jahren entzündeten sich an diesem Ort immer wieder Konflikte über die Frage, wie im öffentlichen Raum an die Geschehnisse des 13. Februar erinnert werden soll.

Klepsch erläutert: „Über viele Jahre hinweg wurde über einen adäquaten Umgang mit dem Denkmal in Nickern nachgedacht und über verschiedene Formen der Kontextualisierung und deren Vermittlung im öffentlichen Raum diskutiert. Eine zeitgemäße Form des Erinnerns und Gedenkens spielte dabei eine maßgebliche Rolle. Der Gedenkobelisk ist nur aus seiner Entstehungszeit zu verstehen und wird durch die Informations-Stele in einen historischen Zusammenhang gestellt. Die Stele ergänzt den Obelisken anschaulich, informativ und barrierefrei. Damit wird das Bestreben, Regionalgeschichte und Erinnerungskultur an konkreten Orten sichtbar zu machen und zu vermitteln, fortgesetzt. Allen Akteuren, die an Konzeption, Planung, Bau und Umsetzung beteiligt waren, gilt mein besonderer Dank.“

Hintergrund

Sich mit kritischen Denk- und Erinnerungsmalen auseinanderzusetzen ist ein bedeutender Teil der historisch-politischen und kulturellen Bildungsarbeit auch in der Landeshauptstadt Dresden. Es gibt verschiedene unbequeme Gedenkobjekte im öffentlichen Stadtraum, die wegen der politischen und sozialen Umstände ihrer Entstehungs- oder Nutzungszeit, ihres historischen Kontextes und durch die Änderung der künstlerischen Codes nicht mehr funktionieren oder ganz andere Botschaften transportieren. Deren Problematik eröffnet sich erst vor dem Hintergrund historischen Wissens. Solche Objekte erfordern eine Aufarbeitung – also beispielsweise eine sichtbare Kontextualisierung, Umgestaltung oder eine künstlerische Erweiterung. Ein Beispiel dafür ist der Gedenkobelisk in Dresden-Nickern. Mit dem Beschluss zur Umgestaltung des Gedenkobelisken in Dresden-Nickern (SR/031/2016) hat der Stadtrat den Oberbürgermeister beauftragt, „das Areal mit dem Gedenkstein so zu gestalten, dass sowohl die Erinnerung an die Toten der beiden Weltkriege als auch die kritische Auseinandersetzung mit den Ursachen für Krieg und Vernichtung ermöglicht wird.“

Vertreter zivilgesellschaftlicher Initiativen, kommunale Amts- und Mandatsträger sowie Beschäftigte der Stadtverwaltung haben in den folgenden Jahren Ideen, Anliegen, Lösungsvorschläge, Haltungen und Schwierigkeiten im Umgang mit diesem problematischen Zeitzeichen im öffentlichen Raum formuliert. Der Gedenkobelisk in Dresden Nickern ist dabei das Pilotprojekt für eine ganze Reihe von weiteren Denkmalkontextualisierungen. Neben einem Informationstext auf der Stele selbst sind weitere Informationen auf www.dresden.de/obelisk-nickern abrufbar. Dort lassen sich auch neue Forschungsergebnisse ergänzen.

Der Informationstext auf der Stele laut Beschluss des Dresdner Stadtrates vom 18. Mai 2021:

„Dieses Denkmal in Form eines Obelisken wurde 1920 im Gedenken an die im Ersten Weltkrieg gefallenen 18 Soldaten aus Dresden-Nickern errichtet. Als Ort der Erinnerung erfüllte er gleich mehrere Funktionen. Wie andere Kommunen und Kirchgemeinden auch begnügten sich die Nickerner mit einem schlichten namentlichen Vermerk der Gefallenen. Der Obelisk diente als Inschrifttafelträger. Nationale oder religiös sinnstiftende Aufschriften fehlten völlig. Den Angehörigen und der Dorfgemeinschaft sollte Trost im Verlust gespendet werden und das Denkmal so als Ersatz für die Gräber der Gefallenen dienen. Man konnte den Obelisken aber auch als Appell an die Überlebenden des Krieges verstehen, die Toten zu ehren und den Frieden zu wahren. 25 Jahre später veränderte sich das Denkmal: Im Zweiten Weltkrieg, bei den Luftangriffen am 13. und 14. Februar 1945, wurde die damalige „Gauhauptstadt“ Dresden großflächig zerstört. Große Teile der Stadt lagen in Trümmern, so wie viele andere Orte in Deutschland und Europa auch.
Durch sogenannte Notabwürfe alliierter Bomber wurden auch in Nickern Wohngebäude getroffen. Dabei kamen Zivilisten und Soldaten ums Leben. Ihnen zum Gedächtnis wurde das Denkmal umgestaltet. "Wir gedenken der Opfer des anglo-amerikanischen Bombenterrors" war nun dort zu lesen. Später, vermutlich 1946, folgte eine weitere Inschrift: „Dass sie nicht sinnlos in den Gräbern ruhn // liegt nur an unserm Willen // unserm Tun“. Danach erfüllen die Lebenden einen Auftrag der Toten – welchen aber, das definieren die Nachgeborenen selbst.
Die Ereignisse des 13. und 14. Februar wurden bald zu einem wirkmächtigen Mythos, der lange zurückreichende Dresdner Selbstbilder mit der Vorstellung einer „unschuldigen“ und „einzigartigen“ Barockstadt verband. Die Angriffe britischer und amerikanischer Bomber auf Dresden im Zweiten Weltkrieg waren Teil des Kampfes der Alliierten gegen Nazideutschland, die Geschichtspolitik der DDR formte daraus eine Anklage gegen die Westmächte. Das SED-Regime übernahm wörtlich die nationalsozialistische Propaganda-Floskel vom „anglo-amerikanischen Bombenterror“, um den neuen Feind im Westen zu diskreditieren. Seit der obengenannten Umgestaltung unmittelbar nach Kriegsende trägt das Denkmal die noch heute lesbare Inschrift, die sich direkt auf die Ereignisse des Zweiten Weltkrieges beziehen. 1945 markiert aber auch den Beginn einer Zeit des Friedens, die in Mitteleuropa bis heute andauert. Doch die Erinnerungen an Krieg und Gewalt prägen unser Leben bis in unsere Tage weiter. Am Beginn des 21. Jahrhunderts erleben wir in ganz Europa die Rückkehr nationalistischer Überzeugungen und Haltungen. Gerade deshalb bleibt es wichtig, dass wir gemeinsam an die Opfer der Kriege und vergangenes Unrecht erinnern. Dies kann zur Voraussetzung für ein friedliches Miteinander werden.“

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