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https://www.dresden.de/de/rathaus/aemter-und-einrichtungen/unternehmen/stadtarchiv/praesentationen/archivalien-des-monats.php 04.11.2019 12:13:37 Uhr 22.11.2019 04:20:00 Uhr

Archivalien des Monats

November 2019

Das Stahlbetonskelett des Hochhauses am Albertplatz, 1929
Das Stahlbetonskelett des Hochhauses am Albertplatz, 1929

Die Individualität der Ansichtskarte.Vor 90 Jahren wurde der Bau des Hochhauses am Albertplatz auf einer Ansichtskarte verewigt

Als am 1. Oktober 1869, vor 150 Jahren, die österreichisch-ungarische Post die „Correspondenz-Karte“ eingeführt wurde, traf sie damit genau den Zeitgeist der Bevölkerung nach kurzer bildlicher Kommunikation. Schon in den 1870er Jahren kam die Idee auf, das neue Medium zum populären Bildträger weiterzuentwickeln. Kaum ein Thema wurde ausgespart: Gruß- und Glückwunschkarten, Ansichten von Landschaften, Städten und Dörfern. Abgebildet wurden Vergnügungsorte, Kunst, Sport, Liebe, Erotik und Humor. Die Bandbreite umfasste ebenso Bilder aus der Politik und technische Errungenschaften. Der Ausdruck der Individualität ging soweit, dass sogar der Rohbau des Hochhauses am Albertplatz auf einer Ansichtskarte abgebildet wurde, die im Stadtarchiv im November vor dem Lesesaal ausgestellt ist.

Noch heute prägt das markante Gebäude die Silhouette des Albertplatzes und bildet den Eingang in die Äußere Neustadt. Der Stahlbeton-Skelettbau wurde im Jahr 1929, vor 90 Jahren, nach Plänen von Hermann Paulick für den Regierungsrat Dr. Alfred Hesse geschaffen. Als Bauherr hatte Hesse ursprünglich andere Vorstellungen über die architektonische Bauausführung. Vorgesehen war eine zeittypische Eckbebauung mit Gewerbe- und Wohnnutzung in fünf Geschossen. Erst später veränderte man die Entwürfe und entschloss sich, ein Hochhaus zu bauen. Das Gebäude am Albertplatz ist damit das älteste Bürohochhaus in Dresden.

Auf der Postkarte lässt sich am Baugerüst ein Schriftzug erkennen, auf dem zu lesen ist „Wer schnell bauen will – baut in Betonskelett“. Für die Bauausführung des Hochhauses konnte mit Benno Löser ein anerkannter Betonfachmann gewonnen werden, der schon das Stahlbetonskelett der Yenidze konzipierte. Löser schaffte es mit dem seinerzeit neuen frühhochfesten Zement, jede Woche ein Geschoss zu vollenden. Das elfgeschossige und 37 Meter hohe Verwaltungsgebäude fand in der Sächsischen Staatsbank in den Jahren von 1929 bis 1945 seinen Hauptnutzer. Bei den Luftangriffen 1945 wurde das Hochhaus beschädigt, aber nicht zerstört. Laut Bauakte waren „durch Bombenwirkung Teilschäden an der Umfassung, sehr viel eingedrückte Scheidewände, fast sämtliche Türen, Fenster und Parkettfußböden zertrümmert und verbrannt, die Dächer stark beschädigt“.

Schon im August 1945 ging man an den Wiederaufbau, indem man den Ausbau einer Zahlstelle der Sächsischen Landesbank sowie Räume für die Dresdner Straßenbahn AG plante, um die Straßenbahnverwaltung, die bisher im Alten Rathaus untergebracht war, hier einziehen zu lassen. Knapp fünf Jahrzehnte war das Hochhaus dann bis 1996 Verwaltungssitz der Dresdner Verkehrsbetriebe. Heute beherbergt das Hochhaus auf vier Etagen das Museum „Die Welt der DDR“.

Quelle: 17.6.1 Ansichtskartensammlung, SN071

Marco Iwanzeck

Oktober 2018

Der durch Blitzschlag am 29. April 1669 zerstörte Turm der alten Kreuzkirche
Der durch Blitzschlag am 29. April 1669 zerstörte Turm der alten Kreuzkirche

„..eine heimbliche und verborgene Entzündung..“ Vor 350 Jahren verursachten Blitze eine Feuersbrunst in der Kreuzkirche

Am 29. April 1669 erschütterte gegen 22 Uhr ein mächtiger Donnerschlag den Himmel über Dresden. Zugleich durchschlugen mehrere Blitze die Fenster in der Stube des Stadtpfeifers und der darüber liegenden Kammer im Turm der Kreuzkirche, sodass das Fensterblei zerschmolz und sich ein Leinentuch entzündete. Außerdem fuhr der „ein oder andere Strahl“ in die Turmspitze, wodurch sich im Inneren des Turmes eine „heimbliche und verborgene Entzündung“ entfaltete. Daher wurde das glimmende Feuer zunächst nicht wahrgenommen. Vielmehr vermuteten Zeugen, dass der dezente Lichtschein im Turm durch die Laternen der Wächter bei ihrem Kontrollgang verursacht wurde. Erst das „Geschrey von der Gaßen“ machte auf das Feuer aufmerksam, das aber nun schon „mit voller Lohe“ aus allen Seiten des Turms herausstob.

Zur Alarmierung der Einwohnerschaft wurde die große Seigerschelle im Turm geläutet, wobei unglücklicherweise auch noch Glut auf die darunterliegende hölzerne Haube fiel, die in kurzer Zeit in vollen Brand geriet. Damit wurde eine rechtzeitige Erstickung der Flammen aussichtlos. Nach etwa eineinhalb Stunden stürzte die zermürbte Turmspitze samt Knopf und Kreuz auf das benachbarte Eckhaus und gegen den Seitenturm der Kreuzkirche, der dadurch gleichsam Feuer fing. Außerdem zerschmetterten herabstürzende brennende Balken und Teile des steinernen Geländers „mit großem Gepraßel“ das Kirchdach und drohten, auch dieses in Brand zu setzen. Die Bürger und Handwerker der Stadt bekämpften die Flammen nach Leibeskräften, allerdings mussten sie das Wasser von Hand zu Hand über die zahlreichen Turmtreppen zu den Brandherden reichen.

Das Feuer loderte daher allein sechs Stunden lang „liechter lohe“ und die gesamten Löscharbeiten dauerten noch bis zum 1. Mai 1669 an. Dadurch wurde die Kirche zu guter Letzt noch völlig überschwemmt. Ungeachtet der verbrannten, hölzernen Bauteile war das Mauerwerk aus Pirnaer Sandstein durch die Hitze geborsten, durch herabgestürzte Trümmer stark beschädigt und durch das Löschwasser durchweicht. Einige Turmglocken, das Uhrwerk und die vier auf dem Turm zur Stadtverteidigung aufgestellten Kanonen, sogenannte Feldschlangen, waren durch den Brand gänzlich zerschmolzen und das Metall im Inneren der Kirche überall versprengt. Am Morgen des 1. Mai 1669 wurde sofort mit der Sicherung des stark beschädigten Gebäudes begonnen. Der Wiederaufbau, der durchweg von dem Bürgermeister und Brückenamtsverwalter Paul Zincke (1608 – 1678) geleitet wurde, dauerte schließlich mehr als fünf Jahre, bevor im November 1674 die Kreuzkirche wieder in neuem Glanz erstrahlen konnte. Im Übrigen zersprang beim Einsturz auch der Turmknopf und offenbarte diverse goldene und silberne Objekte, die der eifrige Festungsobrist Johann Siegmund von Liebenau (1607 – 1671) umgehend beschlagnahmte. Genaueres zum Inhalt des Turmknopfes kann in diesem Monat im Lesesaal des Stadtarchivs nachgelesen werden.

Quelle: Grimmer, Ch. F. (Hg.): Abbildungen von Dresdens alten und neuen Pracht-Gebäuden, Volks- und Hof-Festen, Dresden 1835, Fol. 73.

Johannes Wendt

September 2019

Schmuckblatt der Getränkekarte aus dem Jahr 1972 mit prägnanten Logo in Form des historischen Kulturpa-lastes und den enthaltenen Symbolen Maske, Dirigentenpult und dem Abbild einer antiken Lyra.
Schmuckblatt der Getränkekarte aus dem Jahr 1972 mit prägnanten Logo in Form des historischen Kulturpa-lastes und den enthaltenen Symbolen Maske, Dirigentenpult und dem Abbild einer antiken Lyra.

"Flambieren und tranchieren - zur Kulinarik im Kulturpalast"

„Seit Monaten freue ich mich auf den Augenblick, wo wir Leute vom Bau als erste im festlichen Saal des Kulturpalastes sitzen werden.“ Tage später betitelte die „Sächsische Zeitung“: „Ein Juwel großen Ausmaßes präsentiert sich am Altmarkt […] Bauarbeiter übergaben drei Monate vorfristig.“

Im September 1969 berichtete die Presse beinah täglich über die städtebaulichen Errungenschaften im Dresdner Stadtzentrum. Am 5. Oktober 1969 war es dann soweit, pünktlich vor dem 20. Jahrestag der DDR, eröffnete der Kulturpalast und war seitdem zentraler Austragungsort des kulturellen- und politischen Lebens. Zu den kulturellen Ereignissen zählten auch die alljährlich stattfindenden Silvester-Veranstaltungen, die den krönenden Abschluss eines Jahres bildeten. Die Köche des Hauses gestalteten Menüs, die den feierlichen Abend kulinarisch hervorhoben. Seit Eröffnung des Kulturpalastes galt die Preisstufe III im Restaurant, ausgenommen waren Sonderveranstaltungen wie die zum Jahreswechsel. An den Abenden dinierten die Gäste nach der Preisstufe Sonderklasse. Innerhalb der DDR-Gastronomie galt ein Klassifizierungssystem mit Preisstufen nach den Kategorien I bis IV, darüber hinaus rangierten die Restaurants der Sonderklasse. Je höher die Kategorie, desto umfangreicher und qualitativ hochwertiger war das Angebot an Speisen und Getränken. Beispielhaft dafür servierte das Fachpersonal 1972 ein Silvester Menü aus insgesamt fünf Gängen. Die Gäste erhielten als Erstes einen „Toscasalat" und als zweiten Gang eine Kraftbrühe „Royal“. Der Bratengang „Storchennest“ bestand aus Kartoffelnestern, einer Schweins- und Rindslende mit Champignonköpfen. Als Süßspeise folgte der Eisbecher „Silvester" und abschliessend Pfannkuchen. Im Jahr 1973 konnten die Gäste zwischen zwei Gedecken auswählen. Das erste Silvester-Gedeck eröffnete die Speisenfolge mit zwei Wachteleiern garniert auf Remoulade. Danach servierten die Kellnerinnen und Kellner eine Känguruschwanzsuppe sowie als dritten Gang eine glacierte Putenbrust mit Rosenkohl und Kartoffelbällchen. Die Eisschale „Silvester“ vollendete den kulinarischen Abend. Das zweite Silvester-Gedeck unterschied sich ausschließlich im Hauptgang. Ein gespicktes Kalbsfricandeau „Gärtnerinart“ mit Schloßkartoffeln gelangte hier auf die feierliche Tafel der Gäste. Charakteristisch für die gehobenen Restaurants der Preisstufe IV bis zur Sonderklasse war die Warenbelieferung von qualitativ hochwertigen Produkten wie beispielsweise die Fleischsorten Rind und Kalb. Hinzu kamen wie im „Restaurant Kulturpalast“ die gastronomischen Sonderleistungen. Dem Anlass entsprechend wendeten die Kellnerinnen und Kellner den englischen oder französischen Service an. Dazu gehörte auch das Flambieren und Tranchieren vor dem Gast. Zu den Qualitätsmerkmalen zählte außerdem das Angebot gedruckter Speisen- und Getränkekarten mit Tageskarten. Diese wurden in der Regel wie die Abbildung zeigt, schlicht gestaltet. Kennzeichnend besaßen sämtliche Restaurantkarten das prägnante Logo des Kulturpalastes.

Das historische „Restaurant Kulturpalast“ mit der dazugehörigen Küche befand sich in den heutigen Räumen der Zentralbibliothek im ersten Obergeschoß. Daneben schloss sich eine Kantine für die Belegschaft des Hauses sowie ein kleiner und großer Gesellschaftsraum für Besucher an. Nach der Sanierung von 2013 bis 2017 ist die besondere Deckengestaltung des Restaurants und der handgewebte Gobelin „Heitere Reminiszenzen aus Dresden“ von Christa Engler-Feldmann gesichert und erhalten geblieben.

Quelle: Stadtarchiv Dresden, 17.2.58, Sammlung Kulinarisches.

Annemarie Niering

August 2019

Wartender Fiaker vor dem Moritzmonument, um 1890. An der Seite der Droschke ist die Nummer „407“ zu erkennen.
Wartender Fiaker vor dem Moritzmonument, um 1890. An der Seite der Droschke ist die Nummer „407“ zu erkennen.

Keine „unerfahrnen und ungeschickten Purschen“!

Vor 200 Jahren wurde die Dresdner Fiacre-Anstalt gegründet 

Als im Jahr 1818 der Berliner Unternehmer Alexi Mortgen den sächsischen König um die Einräumung eines Privilegs für die Einrichtung eines Mietkutschendienstes in Dresden ersuchte, waren die Dresdner Lohnkutscher in hellem Aufruhr. Umgehend wurde mit Blick auf die „Concurrenz fremder Entrepreneurs“ durch das Stadtpolizei-Kollegium ein Regulativ für eine lokale „freiwillige Fiacre-Anstalt“ entworfen, um das einheimische Lohnkutschergewerbe zu schützen. Die Fiacre-Anstalt war eine Vereinigung von Dresdner Lohnkutschern, die das Privileg genossen, Fahrgäste spontan und kostenpflichtig mit der Droschke in Dresden befördern zu dürfen. Frühere Versuche zur Etablierung einer ähnlichen Körperschaft waren zuvor nicht nur am Widerstand der Chaisenträger, sondern auch an der fehlenden Nachfrage gescheitert, denn auf Grund der Straßenverhältnisse waren die Sänften komfortabler und flexibler einsetzbar.

Die Fiaker als Vorläufer der Taxis ermöglichten auch dem allgemeinen Publikum und insbesondere Gästen, spontan, „ohne cörperliche Ermüdung“ und in kurzer Zeit an den zahlreichen, auch weiter entfernten Natur- und Kulturschätzen der sächsischen Residenz und des Umlandes zu partizipieren. Gemäß des Regulatives vom 6. September 1819, dass sich inhaltlich an bereits bestehenden Ordnungen aus anderen Städten wie Augsburg, Berlin und Wien orientierte, mussten die Mitglieder der Anstalt ortsansässig sein und durften keinen sonstigen Erwerb haben. Die Fiaker sollten „von leichter, aber solider Bauart“, „reinlich“ und mit einer eindeutigen Nummer in weißer Ölfarbe gekennzeichnet sein. „Scheue und nicht eingefahrene“ Pferde sowie „unerfahrne und ungeschickte Purschen“ durften ausdrücklich nicht zum Einsatz kommen. Zunächst wurden drei Standorte für die Fiaker bestimmt: auf dem Neumarkt, im italienischen Dörfchen auf dem heutigen Theaterplatz und auf dem Neustädter Markt.

Die Kutscher waren verpflichtet, „ein bescheidenes und höfliches Benehmen“ an den Tag zu legen und „auf Verlangen eines Fahrlustigen“ die Fahrt anzutreten - eine Weigerung konnte sogar mit Gefängnisstrafe geahndet werden. Längere Fahrtzeiten als eine Stunde für einen Einspänner und drei Stunden für einen Zweispänner hingen hingegen von der „Willkühr“ der Kutscher ab. Die Geschwindigkeit sollte bei den Fahrten einen „guten Trab“ betragen. Die Fahrtkosten richteten sich streng nach einer pro Fahrgast festgelegten „Taxe“, eine Annahme von Trinkgeldern war bei Androhung einer „harten Ahndung“ verboten. Zustiege in einen besetzten Fiaker waren nur mit Einwilligung der vorhandenen Fahrgäste möglich, allerdings mussten diese bei Nichteinwilligung auch für den entgangenen Verdienst aufkommen. Eine Einzelfahrt kostete höchstens bis zu acht Groschen pro halbe Stunde, das entsprach in etwa dem Tagesverdienst eines Maurergesellen. Für Wartezeiten über 15 Minuten und Kinder bis 10 Jahren wurde übrigens die Hälfte der Taxe veranschlagt.

Quelle: Stadtarchiv Dresden, 6.4.40.2, Stadtplanungsamt Bildstelle, Nr. V17, unbekannter Fotograf, undatiert, bearbeitet.

Johannes Wendt

Juli 2019

Dresdner Theaterzeitung für Deutschland, Ausgabe vom 18. Mai 1867.
Artikel der Dresdner Theaterzeitung über die Eröffnung der Sommersaison im Großen Garten

Theater in Dresden

Die Sommersaison 1867 im Königlichen Großen Garten ist eröffnet

Vor 135 Jahren verlor Dresden sein zum damaligen Zeitpunkt einzig noch verbliebenes Sommertheater. Das Nesmüllersche Sommertheater wurde 1856 im Großen Garten in dem von Querallee, Südallee, Zoologischem Garten und Großer Wirtschaft eingerahmten Areal erbaut und im Sommer 1884 abgerissen. Das Archivale des Monats Juli präsentiert das Titelblatt der Dresdner Theaterzeitung vom 18. Mai 1867. Darin wird auf die Eröffnung der Sommersaison des Zweiten Theaters im Großen Garten Bezug genommen und das neu einstudierte Lustspiel „Ein geadelter Kaufmann“ besprochen.

Der Eigentümer und Namensgeber war der aus Mähren stammende bedeutende Schauspieldirektor, Bühnendichter, Schauspieler und Tänzer Joseph Franz Ferdinand Müller genannt Nesmüller. Er gastierte ab 1850 wiederholt in Dresden, ließ sich schließlich hier nieder, erwarb das Bürgerrecht und gründete das Zweite Theater, das seinen Sitz im Gewandhaus hatte. In den Monaten von Mai bis Ende September bespielte Nesmüller außerdem das Sommertheater im Großen Garten. Bedauerlicherweise ist nur eine einzige Abbildung dieser Bühne überliefert, die uns zeigt, dass es sich um ein so genanntes Tivoli-Theater handelte, also um ein Theater mit unbedecktem Zuschauerraum. So sehr sich Nesmüller künstlerisch hervortat – unter anderem fanden zahlreiche Werke Offenbachs und Suppés ihre Dresdner Erstaufführung in Nesmüllers Haus – so schwierig blieb die Finanzierung seiner Bühnen. Schließlich musste Nesmüller im Jahr 1881 Konkurs anmelden, und die Königliche Kreishauptmannschaft Dresden entzog ihm die Theaterkonzession.

Die letzte Aufführung im Sommertheater fand am 10. Juli 1881 statt. Das Gebäude sollte zufolge einer früheren Entscheidung abgerissen werden. Mehrere Gläubiger Nesmüllers richteten im Januar 1884 jedoch eine Petition an die Ständeversammlung des Königsreichs Sachsen und ersuchten um Weiterbetrieb des Sommertheaters, da das Theatergebäude „bei den übrigen Verhältnissen Nesmüllers“ das einzige Objekt sei, durch welches sie „einige Deckung erhalten können“. Außerdem war es die einzige Sommerbühne in ganz Dresden, ein „anerkannt praktisch und geschmackvoll angelegtes Haus in der herrlichsten Umgebung, in einem geradezu berühmten Rosengarten“, das künftig unter der Regie des Theaterdirektors Karl von Neuem erblühen sollte. Die Petenten erklärten sich ausdrücklich dazu bereit, die notwendigen baulichen Veränderungen am Sommertheater zu veranlassen, um damit den Bestimmungen der 1882 in Kraft getretenen Verordnung über die Sicherung der Schauspielhäuser gegen Feuersgefahr Genüge zu tun. Der Architekt und königliche Baurat Ernst Giese erstellte ein Gutachten über die bauliche Beschaffenheit des Sommertheaters und listete darin Vorschläge zur Verbesserung des Brandschutzes auf.

Trotz aller Bemühungen kam es im Sommer 1884 zum Abriss des Theaters. In den darauffolgenden Jahren wurde das Gelände in die Umgestaltung des Großen Gartens durch Johann Carl Friedrich Bouché einbezogen.

Quelle: Stadtarchiv Dresden, Bestand 18 Stadtgeschichtliche Fachbibliothek, Sign. Z.214

Claudia Richert

Juni 2019

Das Auto im Dienste der Schulzahnklinik, Modellversuch aus Schwelm 1929
Das Auto im Dienste der Schulzahnklinik, Modellversuch aus Schwelm 1929

Eine Schulzahnklinik auf vier Rädern

Das Schwelmer Vorbild – ein Nachahmungsmodell für Dresden?

Mit dem freudigen Aufmacher „Juchhei, juchhei, das ist gewiß, ich brauche später kein Gebiß!“ berichtete der Sonderabdruck des „Schwelmer Tageblattes“ vom 27. April 1929 über die Einrichtung einer neuen Schulzahnklinik in Schwelm. Das Besondere daran war allerdings die Unterbringung der Zahnarztpraxis in einem Wagenaufbau, der auf einen Mercedes-Benz mit Niederrahmen-Fahrgestell und Sechszylindermotor montiert wurde. Wie die Fotografien in einer Akte des Dresdner Schulamtes zeigen, befand sich in dem Wagen eine modern eingerichtete Zahnklinik mit elektrischer Beleuchtung, Warmwasserbereiter, Abwassertank und Heizung. Außerdem waren ein Schreibtisch, ein Kinderuntersuchungsstuhl, ein Waschbecken sowie ein Wartebereich mit zwei ausklappbaren Sitzen eingebaut. Die Stromversorgung erfolgte über einen Anschluss an die Starkstromleitung der Schule.

Diese Erfindung von Prof. Kantorowicz aus Bonn weckte auch das Interesse des Dresdner Finanzamtes, welches darin eine mögliche finanzielle Entlastung sah und das Schulamt bat, sich mit der Beschaffung eines solchen Wagens zu befassen. In Dresden existierte bereits seit 1921 eine Städtische Schulzahnklinik mit zwei Zweigstellen in Cotta und Pieschen in denen alle Schüler der Klassenstufen 2 bis 5 eine kostenfreie Untersuchung erhielten. Dresden besaß damit als eine der wenigen Großstädte eine die gesamte Volksschuljugend umfassende Schulzahnpflege. Aufgrund der sehr guten Auslastung war eine dritte Zweigstelle in Planung, welche gegebenenfalls durch den zahnärztlichen Wagen ersetzt werden sollte.

Für eine solche mobile Zahnklinik sprach aus Sicht des Dresdner Schulamtes lediglich, dass der Schulzahnarzt auch vor die kleinste Dorfschule fahren konnte und die Kinder nicht in eine weit entfernte Landstation gebracht werden mussten. Allerdings würden die Kosten von ca. 12 200 RM für eine stationäre Einrichtung weit unter denen eines zahnärztlichen Automobils in Höhe von 23 000 RM liegen. Auch seien höhere Personalkosten zu erwarten, da man neben dem Zahnarzt und einer Schwester zusätzlich einen Kraftwagenführer einstellen müsse. Darüber hinaus wurde bezweifelt, dass der Zahnarzt an kalten Wintertagen ohne gesundheitliche Schäden arbeiten könne. Ebenfalls unklar war der Stellplatz des Wagens. Die öffentlichen Verkehrswege neben der Schule durften keinesfalls durch das über den Gehweg liegende Stromkabel, wartende oder schreiende Kinder behindert werden. In die Schulhöfe konnte der schwere Wagen aber auch nicht fahren, da die Reifen den ungepflasterten Boden zerstören würden.

Aus der Akte geht hervor, dass das Dresdner Schulamt alles in allem zu dem Schluss kommt, die Frage der Automobil-Schulzahnklinik vorerst auf sich beruhen zu lassen und abzuwarten, ob die Idee aus Schwelm zwei Winter übersteht. Die zunehmend schwierige finanzielle Lage der Stadt ab 1929 führte in den folgenden Jahren dazu, dass die fahrende Schulzahnklinik nie wieder zur Debatte stand und auch keine dritte stationäre Zweigstelle eingerichtet wurde.

Quelle: Stadtarchiv Dresden, 2.3.20 Schulamt, Nr. 0368

Sophie Richter

Mai 2019

Ratsfestkarte mit dem Breslauer Rathaus von Robert Langbein (1864 – 1932) aus dem Jahr 1912, Probedruck, retuschiert.
Ratsfestkarte mit dem Breslauer Rathaus von Robert Langbein (1864 – 1932) aus dem Jahr 1912, Probedruck, retuschiert.

60 Jahre Städtepartnerschaft zwischen Breslau und Dresden

Mit Blick auf einige außergewöhnliche Festkarten 

Am 7. Mai 1959 wurde zwischen Wrocław und Dresden ein Abkommen über die kulturelle und gesellschaftliche Zusammenarbeit von Bolesław Iwaszkiewicz (1902-1983), Vorsitzender des Präsidiums des Nationalrates der Stadt Wrocław, und Herbert Gute (1905-1975), Oberbürgermeister der Stadt Dresden, unterzeichnet. In der zeittypischen Stilisierung wurde in der Präambel des Vertrages die zweitälteste Städtepartnerschaft Dresdens begründet, „von dem Willen erfüllt, die Freundschaft zwischen den Städten Wrocław und Dresden zu festigen, und sich gegenseitig beim Aufbau des Sozialismus zu unterstützen“. Hierzu wurde ein ständiger Erfahrungsaustausch auf allen Gebieten des gesellschaftlichen, ökonomischen und kulturellen Lebens avisiert. Besonderes Interesse galt unter anderem der Wohnungswirtschaft, der „unterirdischen Ausstattung der Stadt“, der Bevölkerungsversorgung, dem Gesundheitswesen sowie der Bildung, der Kultur und dem Sport. Hierfür waren Delegationsbesuche, Konsultationen, künstlerische und studentische Erfahrungsaustausche, sportliche Wettbewerbe sowie Schülerkorrespondenzen vorgesehen. Nach der Wiedervereinigung wurde dann die Fortsetzung und Intensivierung der gemeinschaftlichen Aktivitäten mit der novellierten Vereinbarung vom 27. August 1994 „in Anbetracht der traditionell guten, freundschaftlichen Beziehungen zwischen beiden Städten“ konsolidiert.

Mit Blick auf die 60jährige Freundschaft werden in diesem Monat Muster besonderer Ratsfestkarten von Robert Langbein (1864-1932) im Lesesaal des Stadtarchivs präsentiert. Der Maler und Radierer warb im Jahr 1912 mit Kunstdrucken vom Breslauer Rathaus beim Dresdner Rat, um einen Auftrag zur Anfertigung von äquivalenten Festkarten für Dresden zu erhalten. Auf der Suche nach einer grafischen Vorlage stellte Stadtbaurat Professor Hans Erlwein (1872-1914) allerdings fest, dass die Auswahl aus Mangel eines geeigneten Aufnahmestandpunktes sehr eingeschränkt wäre, weil das Rathaus „frei und auf einem architektonisch nicht geschlossenen Platz im Stadtbild“ stand. Langbein verwendete schließlich zehn Fotografien und einige Postkarten für den Entwurf des Motivs für die Ratsfestkarten, die zunächst in einer Stückzahl von 500 in hellbrauner Tönung gefertigt wurden. 280 Stück fanden bereits zum Festmahl anlässlich des Geburtstages von Kaiser Wilhelm II. (1859-1941) am 27. Januar 1913 als Menükarten Verwendung. Allerdings blieben die übrigen Exemplare mindestens die folgenden 12 Jahre ungenutzt. Dennoch wurde unter ausdrücklicher Berücksichtigung der sozialen Notlage des Künstlers im Jahr 1927 noch eine weitere Charge von etwa 500 Stück mit einem neuen Rathausmotiv in Auftrag gegeben.

Quelle: Stadtarchiv Dresden, 2.3.1, Hauptkanzlei, Nr. 540.

Johannes Wendt

April 2019

Wetterkarten des öffentlichen Wetterdienstes
Wetterkarten des öffentlichen Wetterdienstes

„Ausführliches bringen die täglich erscheinenden Wetterkarten des öffentlichen Wetterdienstes zu Dresden“ – Die Einführung des öffentlichen Wetter-Nachrichten-Dienstes

Als Erfinder der Wetterkarte gilt der französische Naturwissenschaftler Urbain Le Verrier (1811–1877). Dieser erstellte am 19. Februar 1855 die erste auf telegrafisch mitgeteilten Daten basierende Vorhersagenkarte für Frankreich. Im Nachgang der erfolgreichen Präsentation des Projektes vor der Pariser Akademie der Wissenschaften entstand der meteorologische Wetterdienst in Frankreich und auch auf dem Gebiet des ab 1871 gegründeten Deutschen Reiches wurden meteorologische Forschungen befördert.

Bereits um 1878 finden sich in den Verhandlungen der Stadtverordneten von Dresden Beschlüsse zur Veröffentlichung telegrafischer Wetterprognosen. Diese gingen auf die Angaben der in Leipzig ansässigen meteorologischen Centralstation für Sachsen unter Leitung des Geheimrates Dr. Carl Christian Bruhns (1830–1881) zurück. Täglich um 16 Uhr sollten sämtliche in Europa befindlichen meteorologischen Hauptstationen einen Wetterbericht nach Leipzig senden. Vor Ort erfolgten die Auswertung der Berichte und die Aufstellung einer für 24 Stunden gültigen Wetterprognose, deren Wahrheitsgehalt auf 70 % geschätzt wurde. Die Angaben wurden unter anderem nach Dresden telegrafiert, so dass ab 18 Uhr der Aushang an öffentlichen Plätzen wie dem Altstädter und dem Neustädter Rathaus erfolgte. Durch Zusammenarbeit aller Regierungen der Bundesstaaten des Deutschen Reiches wurde die Einführung eines einheitlich gestalteten „öffentlichen Wetter-Nachrichten-Dienstes“ festgelegt. Maßnahmen zur Durchsetzung dieses öffentlichen Wetterdienstes wurden in Sachsen ab dem 31. Mai des Jahres 1906 durch das Königliche Ministerium des Inneren ergriffen.

Neben den bereits etablierten telegrafierten Wettervorhersagen, die sich auf Wind, Bewölkung, Niederschlag und Temperatur bezogen, sollten zusätzliche Wetterkarten des öffentlichen Wetterdienstes zu Dresden angebracht werden. Die Wetterkarten waren Landkarten, die mit einfachen am Rande erläuterten Zeichen die Verteilung des Luftdruckes über Europa darstellten und Rückschlüsse auf hiesige Witterungsvorgänge ermöglichten. Die umfassende Weitergabe aktueller Wetterinformationen, deren besonderer Wert vor allem für die Landwirtschaft betont wurde, sollte über Schaukästen erfolgen, die an öffentlichen Orten – insbesondere an den Außenwänden der Postanstalten – aber auch an Bahnhöfen, Schulen oder Gemeindeämtern aufgehängt wurden. Während die Wetterkartenabonnements mit 50 Pfennig monatlich kostengünstig zu haben waren, erregte die Anschaffung der Kästen, die für das Aushängen des Wettertelegrammes und drei Wetterkarten vorgesehen waren, den Unmut einzelner Gemeinden. Nicht nur die Kosten von 8 Mark pro Kasten, sondern auch Aufhängung, Glasscheiben und wetterfester Anstrich sollten von der Gemeinde getragen werden. Diese Maßnahmen missfielen insbesondere dem Rats- und Verwaltungsausschuss von Laubegast und Cossebaude, die dem Gemeinderat kurzerhand empfahlen, die Maßnahmen unter Verweis auf mangelnde Landarbeit in ihrer Region abzulehnen.

Quelle: Stadtarchiv Dresden, 2.3.9 Gewerbeamt A, Nr. S.0338.

Sylvia Drebinger

März 2019

Heimatschein für das Inland für Meyer Salomon
Heimatschein für das Inland für Meyer Salomon

Heimatschein für Meyer Salomon. Ein Dresdner Antiquitätenhändler erhält das Bürgerrecht

Am 1. Februar 1855 erhielt der Dresdner Antiquitätenhändler Meyer Salomon die Urkunde über seine Zugehörigkeit zum Heimatbezirk Dresden. Es handelt sich um ein äußerlich schlicht gestaltetes Schriftstück, das die Unterschrift des damaligen Oberbürgermeisters Pfotenhauer trägt. Auffällig ist der sehr schön geprägte Abdruck eines Siegels des Rates der Königlichen Residenz- und Hauptstadt Dresden. Das sächsische Heimatgesetz von 1834 bestimmte, dass jeder Staatsangehörige des Königreiches Sachsen die Zugehörigkeit zu einem Heimatbezirk besitzen sollte. Die Heimatangehörigkeit wurde bei der „Ortsobrigkeit“ beantragt. Diese stellte nach entsprechender Prüfung den sogenannten Heimatschein aus.

Meyer Salomon, der Gründer der bekannten Antiquitätenhandlung M. Salomon, die sich im Laufe der Jahrzehnte in Museumskreisen und Auktionshäusern hohes Ansehen erwarb, beantragte das Bürgerrecht der Stadt Dresden, verbunden mit einer Konzession zur Betreibung des Antiquitätengeschäftes, erst im Mai 1854, obwohl er 1809 in Dresden geboren wurde, bereits seit 1834 im „Handel mit alten Sachen“ tätig war und inzwischen eine große Familie zu ernähren hatte. Nachdem sein erster Antrag offenbar unbeantwortet blieb, verfasste er im September 1854 ein zweites Schreiben, in welchem er ausführlich seinen Werdegang und die Gründe für den Antrag darlegte. Offenbar war er von der Königlichen Polizeidirektion aufgefordert worden, seine „Berechtigung zum Antiquitätenhandel durch obrigkeitliche Concession nachzuweisen“. Er entschuldigte sein Versäumnis mit dem „Drange der Geschäfte“ und fügte ein Zeugnis des Direktors der Königlichen Porzellansammlung Dr. Graesse bei.

Im frühen 19. Jahrhundert war Angehörigen der israelitischen Gemeinde die Erlernung eines Handwerks untersagt. Während vermögendere Glaubensgenossen Medizin studieren konnten, blieb den ärmeren Klassen nichts weiter übrig, als sich durch den Handel mit alten Sachen „kümmerlich zu ernähren“. Auch Meyer Salomon hielten die Mittellosigkeit seines Vaters und die „Rechtlosigkeit seines Glaubens“ davon ab, ein Studium oder eine handwerkliche Ausbildung aufzunehmen. Erst das „Gesetz wegen einiger Modificationen in den bürgerlichen Verhältnissen der Juden“ vom 16. August 1838 brachte einige Verbesserungen. Unter anderem durften sich inländische Juden künftig dauerhaft in Dresden und Leipzig aufhalten, dort auch ein Grundstück erwerben sowie das Bürgerrecht zur Betreibung eines Gewerbes beantragen.

Meyer Salomon schilderte, wie er dem Trödel mit alten Sachen zunächst nur widerwillig nachging, jedoch schließlich im Antiquitätenhandel eine Berufung fand, die den Sinn für Bildung in ihm weckte und es ihm erlaubte, „mit Kunstfreunden und Männern der Wissenschaft vielfach geschäftlich zu verkehren“. Er betonte, dass er mit Gegenständen handelte, die „durch hohes Alter und ihre besonderen Formen ein historisch-wissenschaftliches Interesse haben, wie Gefäße, Waffen, Münzen, Gemälde“. Nach seinem Tod im Jahr 1863 führte sein Sohn Edmund das Geschäft weiter. Die Firma M. Salomon bestand bis in die 1930er Jahre. Der letzte Inhaber, Eugen Abraham Salomon, verließ Dresden wahrscheinlich 1934 mit einem kurzen Zwischenhalt in Amsterdam und ließ sich schließlich in London nieder. Möglicherweise vorhandene Akten über das Schicksal der Firma M. Salomon in den 1930er Jahren müssen noch ermittelt und ausgewertet werden.

Quelle: Stadtarchiv Dresden, 2.3.9 Gewerbeamt A, Nr. S.0338.

Claudia Richert

Februar 2019

Bauskizze des Zirkusbaus in Löbtau am Crispiplatz (heute Ebertplatz)
Bauskizze des Zirkusbaus in Löbtau am Crispiplatz (heute Ebertplatz)

Manege frei – für den Zirkus „Corty-Althoff“ in Dresden-Löbtau. Eine Akte aus dem Stadtarchiv beschreibt den Bau des Zirkusgebäudes

Der Besuch einer Zirkusvorstellung um 1900 versprach für das Publikum das Erlebnis einer originellen, nicht alltäglichen Welt. Dresden war für die Zirkusdirektoren aus aller Welt ein beliebter Ort, da sie durch regen Zuschauerzuspruch gute Einnahmen erwarten konnten. So fanden im Februar des Jahres 1899 mehrere Vorstellungen des Zirkus „Corty-Althoff“ auf dem Crispi-Platz (heute Ebertplatz) in Löbtau statt. Der deutsche Zirkus „Corty-Althoff“ gehörte um die Jahrhundertwende zu den größten Zirkussen Europas. Pierre Althoff, der Zirkusdirektor, rühmte sich in einem Schreiben an den Gemeinderat von Löbtau, dass seine Künstlergesellschaft aus 150 Personen ersten Ranges bestand und er nicht weniger als 90 Pferde edelster Rassen mitführe. Pferdevorstellungen der höheren Reitkunst und Dressur gehörten ebenso zum Repertoire von „Corty-Althoff“ wie Akrobatik, Ballett und Pantomime.

Schon im Dezember 1897 hatte Pierre Althoff bei der Gemeindeverwaltung Löbtau eine Genehmigung zur Durchführung von Zirkusveranstaltungen für die Winterspielzeit 1898/99 beantragt. Im Blick hatte er die Freifläche des 1879 aufgelösten königlichen Holzhofes, der das gesamte Areal zwischen dem heutigen Ebertplatz, der Hirschfelder Straße und der Freiberger Straße umfasste. Den Bau eines hölzernen Zirkusgebäudes übernahm der Löbtauer Architekt und Baumeister Max Heinrich. Geplant war ein Interimsbau für die Veranstaltungen vom 1. Oktober 1898 bis zum 31. März 1899. Dies geht aus der Bauakte hervor, die sich im Stadtarchiv aus dem Bestand der Gemeindeverwaltung Löbtau erhalten hat. Das Dokument beschreibt neben der Bauausführung auch die Voraussetzungen des Gebäudes an Brandschutz und Sicherheit.

Um nach dem Vorstellungszeitraum das Zirkusgebäude nicht abreißen zu müssen, beantragte Max Heinrich noch 1899 die weitere Nutzung für Zirkusveranstaltungen. Dem Ansinnen des Architekten wurde von Seiten der Löbtauer Gemeinderäte stattgegeben und der Vertrag bis Juli 1900 verlängert. Danach wurde der Zirkus abgebaut. Dennoch blieb der Platz den Zirkusliebhabern erhalten, denn schon vor dem Abbau setzte sich Julius Herzog, Geschäftsführer des „Circus Sidoli“ aus Rumänien, für einen neuen Bau ein. Herzog kannte die örtlichen Gegebenheiten sehr gut, denn ein Jahr zuvor war er in derselben Position noch für den Zirkus „Corty-Althoff“ tätig gewesen. Julius Herzog und Cesar Sidoli planten anstelle einer Holzkonstruktion eine halbmassive Bauweise. Das Gebäude wurde dann im unteren Bereich mit Fachmauerwerk mit aufgesetztem Ständerwerk ausgeführt. Am 5. Januar 1901 begann die erste Vorstellung des rumänischen Staatszirkus. Wie die Akte berichtet, war an die Erteilung der Erlaubnis zur Abhaltung von Vorstellungen die Bedingung geknüpft, dass für den Gemeindevorstand und seinen Stellvertreter „eine Loge zu 4 Sitzen zur uneingeschränkten Benutzung für sich und deren Angehörige“ freizuhalten sei. Mit der Eingemeindung von Löbtau am 1. Januar 1903 endeten auch die Zirkusvorstellungen auf dem Crispiplatz. Die Spielstätte blieb noch bis März 1903 bewilligt und wurde danach endgültig geschlossen und abgetragen.

Quelle: Stadtarchiv Dresden, 8.25 Gemeindeverwaltung Löbtau, Nr. 2455, Bl. 14.

Marco Iwanzeck

Januar 2019

In der ausgestellten Urkunde vom 26. Januar 1338 wird dem Dresdner Rat das Privileg gewährt, einen Hirsch im Wald oder der Dresdner Heide fangen zu dürfen.
Urkunde mit dem Privileg für den Dresdner Rat, einen Hirsch in der Dresdner Heide fangen zu dürfen.

Vom „Hirsch-Schmauß“ der Dresdner Ratsherren - Ursprung und Werdegang einer sonderbaren Gunst

Vor rund 680 Jahren wurde dem Dresdner Rat durch den Landesherrn ein ganz besonderes Privileg gewährt, das mit einigen Einschränkungen bis zur Aufhebung im Jahr 1836 fast 500 Jahre Bestand hatte. Hiernach bestimmte Friedrich der Ernsthafte (1310-1349) am 26. Januar 1338 in einer Urkunde, dass seine „lieben treuen Ratsherren und Geschworenen“ in Dresden alle Jahre einen Hirsch im Dresdner Wald fangen dürften. Damit sollte das gemeinschaftliche Festmahl der Ratsherren in der Weinlesezeit kulinarisch veredelt werden, zu welchem sie offenbar „volle Becher zu leeren pflegten“. Allerdings scheint die delikate Gunst in der Folgezeit wieder in Vergessenheit geraten zu sein, denn in einem Dekret des Kurfürsten August von Sachsen (1526 – 1586) vom 31. August 1580, wodurch dem Rat jährlich zwei Stück Wild und 24 Hasen für die Abtretung von Jagdrechten zugesprochen wurden, fand sie keinerlei Erwähnung mehr.

In der Mitte des 17. Jahrhunderts machte dann der regierende Bürgermeister Christian Brehme (1613 – 1667), der zuvor von 1640 bis 1656 auch kurfürstlich-sächsischer Bibliothekar war, auf das Versäumnis nachdrücklich aufmerksam. Daraufhin bekräftigte Kurfürst Johann Georg II. (1613 – 1680) am Heiligabend des Jahres 1657 die „uhralte“ und seit einer „geraumen Zeit lang unterbliebene“ Schenkung schriftlich. Darüber hinaus erweiterte er sie dahingehend, dass die drei Bürgermeister Dresdens fortan jährlich je ein Stück Schwarzwild zu Weihnachten und einen „Osterhaasen“ vom Pirschmeister zusätzlich erhielten und sämtliches Wildbret gebührenfrei in „des regierenden Bürgermeisters Behausung alhier“ geliefert wurde. Alles in allem wurde der Rat somit mit einem Hirsch, zwei Stück Wild, drei Wildschweinen und 27 Hasen im Jahr beglückt. In einer überschwänglichen Huldigungsrede von Bürgermeister Valentin Scheffer (1592 – 1666) vom 24. September 1658 ließen die Räte den Landesherrn bei ihrem sogenannten „Hirsch-Schmauß“ für die vorzüglichen Gaben „von hertzen“ hochleben und ein Weinglas „in fröligkeit herumb gehen“. Allerdings kam es in der Anfangszeit häufiger zu Beschwerden auf Grund unvollständiger Lieferungen, während später fehlendes Wild kurzerhand anderweitig ersetzt oder in den Folgejahren nachgereicht wurde.

Ab der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts erfolgte meist nur noch eine bloße Übereignung der einzelnen Hirschteile an die Ratsherren, ungeachtet jeglicher gemeinschaftlichen Festivität. Dabei erhielten die Bürgermeister in der Regel den „Zimmel“, das begehrte Rückenstück des Hirsches. Letztendlich wurde das gesamte Wildbretdeputat im Jahr 1836 gegen Zahlung einer Entschädigungssumme von rund 1200 Talern aufgehoben, was etwa dem 25fachen Preis eines jährlichen Fleischkontingents entsprach. Dieser Entschädigung wurde auch vom Stadtrat zugestimmt - und darüber hinaus allen weiteren Ansprüchen „ausdrücklich und für immer“ entsagt.

Quelle: Stadtarchiv Dresden, 1.1, Ratsurkunden, Nr. 39.

Johannes Wendt

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