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https://www.dresden.de/de/leben/stadtportrait/110/ereignisse/03/01/03/c_06.php 30.10.2015 15:41:08 Uhr 22.05.2019 12:02:36 Uhr

Martha Stellmacher

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich habe anderthalb Jahre in der Jüdischen Gemeinde in Prag als Freiwillige gearbeitet – habe dort alte Leute – Holocaustüberlebende - betreut.

Mir ist aufgefallen, wie verschieden die Überlebenden mit ihren Erinnerungen umgehen: es gibt die, die kaum noch von etwas anderem sprechen – so beklagte sich ein Bewohner des jüdischen Altersheims bei mir, dass bei Seniorentreffs nur drei Themen besprochen werden: Krankheiten, Essen und KZs.
Andere Überlebende wiederum vermeiden, über das Erlebte zu sprechen und neigen dazu, ihre Erinnerungen zu verdrängen. Häufig wurde den eigenen Kindern lange Zeit die Geschichte verschwiegen, was sich natürlich auf das Familienverhältnis auswirkt. Viele Überlebende haben deshalb kein gutes Verhältnis zu ihren Kindern, oft wird ihnen vorgeworfen, schlechte Eltern gewesen zu sein.

Immer wieder wurde mir gesagt, wie schön es sei, dass für diese Arbeit junge Leute aus Deutschland oder Österreich kommen: die alten Menschen freuen sich, wieder deutsch sprechen zu können – eine der Sprachen ihrer Kindheit – und sie sind interessiert, zu erfahren, wie Menschen unserer Generation leben, was uns bewegt.

Oft, auf die Bemerkung hin, dass ich aus Dresden komme, haben mir die Senioren erzählt, wie sie vom Ghetto Theresienstadt oder dem Konzentrationslager Schwarzheide aus den Feuerschein der brennenden Stadt Dresden gesehen haben.

In dieser Zeit habe ich viel aus deren Leben erzählt bekommen, denn wie die meisten alten Menschen beschäftigen ihre Erinnerungen sie sehr.
Das sind vor allem Erinnerungen an Verfolgung, Leiden, Erlebnisse im Ghetto und Konzentrationslagern, über die viele erst im Alter zu sprechen beginnen.

Diese alten Leute, die ich betreut habe, haben mich dafür an ihren Erinnerungen teilnehmen lassen, was mir die Möglichkeit gibt, mit deren Augen auf die Geschichte zu blicken.

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