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https://www.dresden.de/de/leben/gesellschaft/migration/iwgr/2018-Interview-IWgR-4.php 28.03.2018 15:45:24 Uhr 15.11.2018 21:16:59 Uhr

„Schlimm, dass wir heute immer noch mit solchen Problemen zu kämpfen haben.“

Morgado-Vasco Muxlhanga
Morgado-Vasco Muxlhanga
© Jana Tessner

Internationale Wochen gegen Rassismus in Dresden: Drei Fragen an den Mitarbeiter der Stadtverwaltung Dresden Morgado-Vasco Muxlhanga

Vom 12. März bis zum 6. April finden unter dem Motto „100 Prozent Menschenwürde – Zusammen gegen Rassismus“ die Internationalen Wochen gegen Rassismus in Dresden statt.

Es sind bundesweite Aktionswochen der Solidarität mit den Gegnerinnen und Gegnern sowie Opfern von Rassismus, die zum Ziel haben, zu informieren, zu sensibilisieren und zur Selbstreflexion und eigenem Handeln anzuregen. In diesem Zusammenhang beschreiben fünf Dresdnerinnen und Dresdnerin der Serie „Wir zeigen Gesicht!“ im Amtsblatt ihre Erfahrungen zum Thema.

Morgado-Vasco Muxlhanga lebt seit 1980 in Dresden. Er kam damals aus Mosambik, um in der ehemaligen DDR als Vertragsarbeiter zu arbeiten.

Rassismus – Was sagen Sie dazu?

Rassismus ist ein Problem, das nicht nur in Dresden oder in Deutschland existiert, sondern weltweit. Ich finde es sehr schlimm, dass wir heute immer noch mit solchen Problemen zu kämpfen haben.

Zu Zeiten der DDR war ich Vertragsarbeiter und wohnte mit anderen in einem Wohnheim. Schon damals gab es immer wieder rechtsextreme Aktionen, z. B. Brandsätze, die gegen das Wohnheim geschmissen wurden. Die Brandsätze hinterließen stets einen Schrecken und man kann nur von Glück sprechen, dass nie etwas Ernsthaftes passiert ist.

Im Wohnheim lernte ich auch Jorge Gomondai kennen, ebenfalls Vertragsarbeiter aus Mosambik. Im Jahr 1991 verstarb er an den Folgen eines rassistischen Übergriffs. Wir haben damals nicht damit gerechnet, dass es so schlimm kommen kann. Wir lebten bereits vor diesem Vorfall in Angst – danach ist die Angst aber noch mehr gewachsen. Es gab zwar Menschen, aus Dresden und von außerhalb, die uns ihre Hilfe angeboten und uns geholfen haben, aber es war dennoch kein schönes Leben. Ich bin froh, dass wir heutzutage ruhiger leben können. Wenn ich nun aber sehe, dass wieder solche Aktionen stattfinden, erinnert es mich ganz schnell daran, wie es damals war. Das bereitet mir Sorgen.

Es müsste so geregelt sein, dass das Zusammenleben ohne Rassismus möglich ist. Also, dass auch auf institutioneller Ebene Rassismus in keiner Weise toleriert, sondern kontinuierlich etwas dagegen unternommen wird. Nur leider gibt es auch innerhalb von Institutionen Diskriminierung und Rassismus gegen Minderheiten. Allein schon bei Bewerbungen fällt das auf: Wenn dort eine Ablehnung kommt und irgendwelche fadenscheinigen Hintergründe vorangeschoben werden. Ich glaube, dass ich selbst davon zwar nicht betroffen bin, aber auch nur, weil ich Möglichkeiten kenne, um mich dem entgegenzusetzen. Ich kenne die Gesetze und weiß wie ich mich wehren kann. Aber für viele andere ist das wirklich sehr schlimm. Dieser Rassismus benachteiligt die Menschen auf einer ganz anderen Ebene.

Was ist Ihre Meinung zu den Internationalen Wochen gegen Rassismus?

Die Aktivitäten von Ehrenamtlichen, Freiwilligen, Vereinen und Initiativen an den Internationalen Wochen gegen Rassismus in Dresden sind großartig. Es wird damit ein öffentliches und gut sichtbares Zeichen gegen Rassismus gesetzt. Es zeigt, dass es in Dresden Menschen gibt, die sich über alle vermeintlichen Schranken hinweg für ein friedliches Miteinander zwischen allen Dresdnerinnen und Dresdnern einsetzen. Und es freut mich wirklich sehr, dass es einen so großen Zuspruch und eine aktive Teilnahme an solchen Aktivitäten gibt.

Dieses Jahr bin ich selbst nicht beteiligt, aber ich habe in den letzten Jahren teilgenommen. Im vergangenen Jahr habe ich den Gedenktag von Jorge Gomondai mitgestaltet. Es gab Reden und eine Podiumsdiskussion. Es war schön, dass die Menschen, die da waren, Fragen stellten und Interesse zeigten. Noch mehr hätte es mich aber gefreut, wenn die Teilnehmerzahl größer gewesen wäre.

Wie stellen Sie sich das Zusammenleben in unserer Stadt im Jahr 2030 vor?

Ich war und bin immer zuversichtlich und optimistisch, was die Zukunft angeht. Trotzdem glaube ich, dass Meinungsverschiedenheiten und Reibereien Sachen sind, die es vermutlich immer geben wird. Aber dass es Menschen gibt, die sich engagieren, lässt hoffen, dass es in der Zukunft doch anders gehen kann – besser als bisher.

Ich stelle mir vor, dass es zur Normalität wird, dass in Dresden verschieden Kulturen existieren. Ich wünsche mir, dass wir friedlich und freundschaftlich zusammen leben und dass wir weniger übereinander, sondern vielmehr miteinander reden.

Ich möchte mich aber auch für das bisher Erreichte bedanken. Leider ist es nicht für jeden selbstverständlich, dass wir hier leben dürfen. Das heißt aber, dass es einen Teil gibt, der uns doch akzeptiert und uns annimmt so wie wir sind. Ich habe die Hoffnung, dass diese Bereitschaft noch weiter wächst und es auch den Teil der Dresdnerinnen und Dresdner erreicht, der das bisher noch nicht so sieht.

Um Zugang zu allen hier in Dresden lebenden Menschen zu finden, ist es wichtig, dass wir die vermeintlichen Barrieren zwischen uns überwinden. Für all das, was jedem von uns wichtig ist, lohnt es sich, konstruktiv miteinander zu streiten und nach Lösungen zu suchen.

Schon gewusst?

Unter Rassismus versteht man im Allgemeinen negative und abwertende Einstellungen und Handlungen gegenüber einer anderen Gruppe von Menschen. Institutioneller Rassismus ist eine Form von Rassismus, die in den Strukturen öffentlicher und privater Einrichtungen oder Organisationen verankert ist. Er zeigt sich in Gesetzen, Abläufen und auch im Handeln von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Die Ausgrenzung, Benachteiligung oder Herabsetzung ereignet sich beispielsweise auf dem Wohnungs- und Arbeitsmarkt oder auch im Bildungssystem.

Veranstaltungen:

  • Donnerstag, 29. März, 18 bis 21 Uhr, Deutsches Hygiene-Museum, Lingnerplatz 1: (A-)Soziale Medien, Vortrag. Um Anmeldung wird gebeten

  • Montag, 2. April, 18 Uhr, Kleines Haus, Glacisstraße 28: New Dresden singt – Songs über Dresden, Songwerkstatt mit der Musikerin Bernadette La Hengst im Rahmen des Montagscafés

  • Mittwoch, 4. April, 17 Uhr, Katholische Akademie, Schloßstraße 24: „Heimatlos zu Hause?“, Diskussionsrunde

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