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https://www.dresden.de/de/rathaus/politik/oberbuergermeister/rede-gedenken-an-den-9.-november-1938-vom-9.11.2015.php 18.10.2016 09:42:12 Uhr 18.10.2017 20:26:24 Uhr

Gedenken an den 9. November 1938

Rede von Oberbürgermeister Dirk Hilbert

Anlässlich der Kranzniederlegung zum 77. Jahrestag der Reichspogromnacht am 9. November 2015

– Es gilt das gesprochene Wort –

Sehr geehrter Herr Landtagspräsident,

sehr geehrter Herr Aris,

sehr geehrte Frau Dr. Goldenbogen,

sehr geehrte Damen und Herren,

auf den ersten Blick ist es ein ganz normaler Vorgang. So wie in jeder Stadt und in jeder Verwaltung. Das Personalamt der Landeshauptstadt Dresden verschickt an alle Geschäftsbereiche und städtische Gesellschaften ein Rundschreiben.

Das Rundschreiben geht am 31. März bei den Dresdner Verkehrsbetrieben ein. Mit einem Eingangstempel versehen nimmt es seinen Weg auf. Um am Ende auf dem Schreibtisch der Geschäftsleitung zu landen.

Alles geht seinen ordnungsgemäßen Gang. So wie man das von der Stadtverwaltung kennt.

Das Schreiben, von dem ich hier berichte, geht fast auf den Tag genau zwei Monate nach der Machtergreifung Adolf Hitlers raus. Am 30. Januar 1933 wird er zum Reichskanzler ernannt. Am 31. März 1933 geht das Schreiben bei den Dresdner Verkehrsbetrieben ein.

Das Erschreckende an diesem Schreiben ist die Tatsache, dass es für die damaligen Akteure tatsächlich nichts anders war, als ein ganz normaler Verwaltungsvorgang.

Allein wenn wir heute nur die Betreffzeile lesen, läuft es uns eiskalt den Rücken herunter:

„Betreff: Entfernung jüdischen Personals.“

Und wenige Zeilen darunter heißt es dann:

„Sämtliche Beschäftigte jüdischer Rasse (Die Religion ist ohne Belang. Katholisch oder protestantisch getaufte Juden fallen ebenso wie Dissidenten jüdischer Abstammung darunter) sollen aus den Diensten der Stadt entfernt werden.“

Wenn wir das lesen oder hören, gefriert uns das Blut in den Adern.

In unvorstellbarer Geschwindigkeit vollzieht sich hier das, was nur wenige Jahre später als Holocaust in die Geschichte eingehen wird. Hitler ist nur wenige Monate an der Macht und sein mörderisches Programm nimmt immer mehr an Fahrt auf.

Und alle machen mit.

 

Sehr geehrte Damen und Herren,

in den Archiven aller deutscher Städte findet man heute ähnlich lautende Rundschreiben und Dienstanweisungen aus dieser Zeit. In den Kommunalverwaltungen und im Alltag gibt man sich schon teils im vorauseilenden Gehorsam ganz und gar dem nationalsozialistischen Wahn hin.

Dresden, die Stadt die sich auch in dieser Zeit als etwas Besonders ansieht, als die Stadt des Wahren, Schönen und Guten, ist dabei besonders schnell.

Am 8. März 1933 brennen die ersten Bücher auf dem Wettiner Platz. Bevor reichsweit am 10. Mai die Bücher so genannter „undeutscher“ Autoren auf dem nationalsozialistischen Scheiterhaufen landen.

Am 23. September 1933 wird die Ausstellung „Entartete Kunst“ im Lichthof des Dresdner Rathauses eröffnet. Bevor die Ausstellung 1937 in München reichsweite Aufmerksamkeit auf sich zieht.

Die Liste ließe sich weiter fortsetzen. Immer perfider, immer menschenverachtender werden die Ideen der Stadt und der Mehrheit ihrer Bürger, um all jene zu erniedrigen und zu quälen, die vorher einmal Nachbarn, Freunde oder Verwandte waren.

  • Dresden verliert damit seine Unschuld.
  • Dresden verliert damit seinen Ruf als Stadt der Kunst und Kultur.
  • Dresden wird so Schritt für Schritt zerstört.

Lange vor dem 13. Februar 1945.

 

Sehr geehrte Damen und Herren,

wenn wir von solchen Dingen hören oder lesen, sind wir zu Recht entsetzt. Aber ist es nicht so, dass wir im gleichen Moment des Erschreckens auch so etwas wie Erleichterung empfinden?

  • Erleichterung, weil wir uns das alles nicht vorstellen können.
  • Erleichterung, weil wir uns damit tiefer nicht auseinandersetzen wollen. Weil wir ja unser Wertegerüst haben.

Ein Wertegerüst haben.

Werte wie Menschenwürde, Nächstenliebe, Solidarität sind scheinbar fest in unserem Wertegerüst verankert.

Und weil wir so sehr von diesen Werten überzeugt sind, fällt es uns so schwer, nachzuvollziehen, wie schnell alle diese Werte im Dritten Reich ins Gegenteil verkehrt worden sind.

Ein Wertegerüst hatten damals viele Menschen. Und dennoch waren sie von heute auf morgen dazu bereit, diese Werte über Bord zu werfen. Einfach so.

 

Sehr geehrte Damen und Herren,

wer meint, aus der Geschichte könne man lernen, der irrt.

Nur, weil wir das abgrundtief Böse des Dritten Reiches erkennen, macht uns das nicht automatisch zu besseren Menschen.

Lernen kann man nur aus sich heraus. Aus den Erfahrungen, die man gemacht hat und aus den Entscheidungen, die wir selbst treffen.

Den einzigen Beitrag, den die Geschichte dazu leisten kann ist der, dass sie vor dem Hintergrund der Erfahrung Anderer die richtigen Fragen aufwirft.

In diesem Fall: Wie sieht es denn mit unserem Wertegerüst aus? Hält es den Herausforderungen unserer Zeit stand? Sind wir bereit, in Konfliktsituationen tatsächlich auch danach zu handeln?

  • Wie gehen wir heute damit um, wenn durch Dresden Worte wie „Volksverräter“ oder „Lügenpresse“ hallen?
  • Wie gehen wir heute damit um, wenn wir erfahren, dass in unserer Nähe in einer Schule, einer Turnhalle oder einem ehemaligen Hotel Menschen aus anderen Ländern Zuflucht finden?
  • Wie gehen wir heute damit um, wenn unser Wertegerüst herausgefordert wird?

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