Landeshauptstadt Dresden - www.dresden.de

https://www.dresden.de/de/rathaus/aktuelles/pressemitteilungen/2019/03/pm_028.php 20.03.2019 09:54:48 Uhr 18.04.2024 20:29:19 Uhr

Zwischenstopp Dresden

Generation ‘89 − Literatur in Ausnahmezuständen

Am Dienstag, 19. März, findet unter dem Motto „Zwischenstopp Dresden“ im Hauptbahnhof Dresden ein deutsch-tschechisches Autorentreffen mit Lesung, Gespräch und Ausstellung sowie anschließendem Konzert im Jazzclub Tonne statt. Am Vorabend der diesjährigen Leipziger Buchmesse, bei der Tschechien Gastland ist, legen zehn ausgewählte tschechische Autorinnen und Autoren am 19. März auf ihrer Bahnfahrt von Prag nach Leipzig einen Zwischenstopp in Dresden ein. Im Rahmen der Eröffnungsveranstaltung der Ausstellung „Die Botschaftsflüchtlinge auf ihrer Fahrt von Prag nach Hof“ im Hauptbahnhof heißt die sächsische Landeshauptstadt sie um 15 Uhr willkommen. Um 18 Uhr kommt es − ebenfalls am Dresdner Hauptbahnhof − zu einer literarischen Begegnung zum Thema „Generation ‘89“ mit den tschechischen Autoren Radka Denemarková und Jáchym Topol und den deutschen Autoren Julia Schoch und Martin Becker. Anschließend um 20.30 Uhr spielt die legendäre Kafka Band aus Prag rund um den für den diesjährigen Preis der Leipziger Buchmesse nominierten Autor Jaroslav Rudiš aus ihrem neuen Album „Amerika“ im Jazzclub Tonne.

Mit dem Hauptbahnhof als Austragungsort für das deutsch-tschechische Autorentreffen soll an den dortigen Ausnahmezustand rund um den 3. und 4. Oktober 1989 erinnert werden. Mit dem Ruf „Wir wollen raus!"  blockierten damals Tausende von Menschen den Hauptbahnhof. Sie wollten zu den Flüchtlingszügen von Prag nach Hof, die den Bahnhof passierten. Es folgten Polizeieinsätze mit zahlreichen Verhaftungen und Verletzten. Die eingeladenen Autorinnen und Autoren diskutieren darüber, was diese Ereignisse von vor 30 Jahren für sie heute aus tschechischer und deutscher Perspektive bedeuten.

„Zwischenstopp Dresden" ist eine gemeinsame Veranstaltung von der Euroregion Elbe/Labe, der Sächsischen Landesbibliothek — Staats- und Universitätsbibliothek Dresden (SLUB), des Festivals „Literatur Jetzt!“ und des Kulturhauptstadtbüros Dresden 2025 unter dem Zusammenschluss „Literaturnetz Dresden“ und wurde entwickelt mit „Tschechien – Gastland der Leipziger Buchmesse 2019“. Die Veranstaltung findet in Kooperation mit dem Dresdner Hauptbahnhof, der Außenstelle Dresden des Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR (BStU), dem Jazzclub Tonne sowie dem Restaurant Marché Mövenpick Dresden statt. „Zwischenstopp Dresden“ wird gefördert von der Ostsächsischen Sparkasse Dresden.

Das Programm im Überblick

15 Uhr: Empfang der tschechischen Autorinnen und Autoren

15.30 Uhr: Ausstellungseröffnung „Die Botschaftsflüchtlinge auf ihrer Fahrt von Prag nach Hof“

Hauptbahnhof Dresden, 1. OG, Balkon zum Querbahnsteig, Eintritt frei nach vorheriger Anmeldung unter: info@literaturnetz-dresden.de
Die Plakatausstellung des Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR (BStU) befasst sich mit den deutschen Botschaftsflüchtlingen im Sommer 1989 in Prag und mit der Rolle des Dresdner Hauptbahnhofs während dieser historischen Ereignisse.
Es spricht: Konrad Felber, Abgeordneter der ersten frei gewählten Volkskammer der DDR, von 1998 bis Januar 2019 Leiter der Außenstelle Dresden des Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR (BStU)
Die Ausstellung ist bis 10. Juni 2019 im Dresdner Hauptbahnhof zu sehen.

18 Uhr: Lesung und Gespräch: Generation ‘89. Literatur in Ausnahmezuständen

mit Martin Becker (Köln), Radka Denemarková (Prag), Julia Schoch (Berlin) und Jáchym Topol (Prag), Moderation: Claudius Nießen, Autor und Kulturmanager, Deutsches Literaturinstitut Leipzig
Marché-Lounge im Dresdner Hauptbahnhof, Eintritt frei nach vorheriger Anmeldung unter: info@literaturnetz-dresden.de
Die vier Autorinnen und Autoren aus Tschechien und Deutschland lesen und sprechen über das Jahr 1989 und seine Folgen und was es für ihre Generation bedeutet hat. Die vier Schriftstellerinnen und Schriftsteller haben selbst durch ihre eigene Biographie oder in ihrem literarischen Werk einen besonderen Bezug zu der Thematik.

Martin Becker
1982 geboren, ist in der sauerländischen Kleinstadt Plettenberg aufgewachsen und lebt heute in Köln. Er ist als freier Autor für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk tätig, z. B. als Literaturkritiker beim Deutschlandfunk und bei Deutschlandradio Kultur und berichtet in Features und Reportagen unter anderem aus Tschechien, Frankreich, Kanada und Brasilien. 2007 erschien sein mehrfach ausgezeichneter Erzählband „Ein schönes Leben“, 2014 sein Roman „Der Rest der Nacht“, 2017 sein Roman „Marschmusik“, außerdem die Anthologie „Die letzte Metro. Junge Literatur aus Tschechien“ (gemeinsam mit Martina Lisa). Er realisierte eine Reihe von Hörspielen und Lesungen gemeinsam mit dem tschechischen Schriftsteller Jaroslav Rudiš. Im März 2019 erscheint sein Essayband „Warten auf Kafka. Eine literarische Seelenkunde Tschechiens“, in dem er Biographien und Geschichten tschechischer Autorinnen und Autoren versammelt.

Radka Denemarková
1968 geboren, ist Autorin, Dramatikerin, Drehbuchautorin, Essayistin und Übersetzerin deutscher Literatur und lehrt Creative Writing. Als einzige tschechische Autorin ist sie dreifache Preisträgerin des Magnesia Litera Preises (in den Kategorien Prosa, Sachbuch und Übersetzung, u. a. 2011 für ihre Übersetzung des Romans „Atemschaukel“ von Herta Müller). Sie studierte Germanistik und Bohemistik an der Karls-Universität und promovierte 1997. Sie forschte am Institut für Tschechische Literatur der tschechischen Akademie der Wissenschaften und war als dramaturgische Beraterin am Theater Divadlo Na Zábradlí in Prag tätig. Auf Deutsch erschien u. a. „Ein herrlicher Flecken Erde“ (2011). Ihr 2014 veröffentlichter Roman „Pøíspìvek k dìjinám radosti“ wurde im selben Jahr verfilmt. In deutscher Übersetzung erscheint er 2019 unter dem Titel „Ein Beitrag zur Geschichte der Freude“. Radka Denemarkovás Werke wurden in rund 20 Sprachen übersetzt.

Julia Schoch
1974 in Bad Saarow geboren, wuchs in Mecklenburg auf. Nach längeren Aufenthalten in Paris, Bukarest und Kaliningrad lebt sie heute als freie Schriftstellerin und Übersetzerin in Potsdam. Für ihr von der Kritik hochgelobtes Erzähldebüt „Der Körper des Salamanders“ (2001) wurde sie mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Nach dem für den Leipziger Buchpreis nominierten Roman „Mit der Geschwindigkeit des Sommers“ (2009) erschien 2012 „Selbstporträt mit Bonaparte“ und zuletzt 2018 der Roman „Schöne Seelen und Komplizen“. In diesem Gesellschaftsroman schildert sie das Leben von vier Schülerinnen und Schülern eines Elitegymnasiums in der DDR sowie dreißig Jahre nach der Wende und macht den historischen Umbruch in privaten Leben erfahrbar.

Jáchym Topol
1962 in Prag geboren und Sohn des Dramatikers Josef Topol, war nicht nur der Star des literarischen und musikalischen Underground vor 1989, sondern ist auch heute noch der bekannteste tschechische Autor seiner Generation. Als Sechzehnjähriger unterzeichnete er die Charta 77, 1985 begründete er das Underground-Magazin Revolver Revue; seine Zeit als Wehrpflichtiger verbrachte er mit anderen Intellektuellen in der Irrenanstalt, er arbeitete als Heizer und Lagerarbeiter. In den 90er Jahren studierte er Ethnologie und bereiste zwischen 1989 und 1991 Osteuropa als Journalist und Drehbuchautor. 1988 erschien in Samizdat sein erster Gedichtband „Ich liebe Dich bis zum Irrsinn“, 1992/93 folgten „Am Dienstag gibt es Krieg“ und „Ausflug zur Bahnhofshalle“. Seinen Durchbruch als Schriftsteller hatte er mit dem Roman „Die Schwester“; es folgten „Engel EXIT“, „Nachtarbeit“, „Zirkuszone und Die Teufelswerkstatt“. Topol lebt in Prag.

20.30 Uhr (Einlass 19.30 Uhr): Konzert: „AMERIKA“

Konzert der Kafka Band rund um den tschechischen Schriftsteller Jaroslav Rudiš
Jazzclub Tonne im Kurländer Palais, Tzschirnerplatz 3-5, 01067 Dresden
Eintritt: 25 Euro, Tickets in allen bekannten VVK-Stellen oder www.jazzclubtonne.reservix.de
Hinter dem Bandprojekt Kafka Band stecken der tschechische Schriftsteller Jaroslav Rudiš und der Zeichner und Musiker Jaromír 99, beide in Deutschland durch ihre Graphic Novel „Alois Nebel“ und deren Verfilmung bekannt geworden. Jaroslav Rudiš steht mit seinem ersten auf Deutsch verfassten Roman „Winterbergs letzte Reise“ auf der Shortlist für den Preis der Leipziger Buchmesse 2019. Außerdem beteiligt sind einige der renommiertesten tschechischen Musiker, darunter Mitglieder von Bands wie Priessnitz, Umakart, Tata Bojs oder Lesní zvìø. Mit dabei: Dušan Neuwerth (Gitarre), a.m.almela (Bass und Mandoline), Jiøí Hradil (Keyboard und Klavier) sowie Zdenìk Jurèík und Tomáš Neuwerth (Schlagzeug und Percussion).

Die Kafka Band schöpft ihre Inspiration aus der Literatur Franz Kafkas und verwandelt sie in Klang und Rhythmus. Nach ihrem Album „Das Schloss“ hat die Band jüngst mit „Amerika“ Kafka in zwölf Songs musikalisch umgesetzt. Die Musikvorlage ist für die erfolgreiche Inszenierung am Theater Bremen unter der Regie von Alexander Riemenschneider entstanden. Die Band verbindet frühindustriell klingenden Techno-Sound mit traditionellen Melodien. Die Videoeinspielungen machen aus der Live-Performance dieses Literatur-Abenteuers ein spannendes Gesamtkunstwerk.