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https://www.dresden.de/de/rathaus/aemter-und-einrichtungen/unternehmen/stadtarchiv/praesentationen/archivalien-des-monats.php 02.11.2018 08:56:34 Uhr 15.11.2018 23:19:06 Uhr

Archivalien des Monats

November 2018

Archivale des Monats November ist die am 29. Mai 1890 ausgestellte Geburtsurkunde von der Dresdnerin Charlotte Hedwig Hahm.
Archivale des Monats November ist die am 29. Mai 1890 ausgestellte Geburtsurkunde von der Dresdnerin Charlotte Hedwig Hahm.
© Repro: Stadtarchiv Dresden

„Damen-Ball mit Windbeutel-Wettessen“

Der Berliner „Damenklub Violetta“ warb mit dieser Ankündigung für eine Samstagsveranstaltung im November der 1930er Jahre in einer Werbeanzeige. Darunter befand sich der dringliche Hinweis, dass „nur Damen Zutritt haben!“ Der Klub veranstaltete Tanzabende, Lesungen, Vorträge und gehörte der Homosexuellenvereinigung „Bund für Menschenrecht“ (BfM) an. Die Vorsitzende des Damenklubs Violetta war die am 23. Mai 1890 geborene Dresdnerin Charlotte Hedwig Hahm, genannt Lotte Hahm. Laut Dresdner Adressbuch lebte sie bis 1920 auf der Augsburger Straße 76 und war als Inhaberin einer Versandbuchhandlung tätig. Ab 1926 übernahm sie den Vorsitz des genannten Klubs, einer der größten und bekanntesten seiner Art in Berlin. Zu dem Zeitpunkt gehörte sie bereits zu den wichtigsten Vertreterinnen der homosexuellen und transsexuellen Organisation und Subkultur in der Weimarer Republik an. Ihr Markenzeichen war Kurzhaarschnitt, Hemd und Krawatte. Neben der Organisation zahlreicher Veranstaltungen schrieb sie als Chefredakteurin für die Zeitschrift „Die Freundin. Das ideale Freundschaftsblatt“. Im Jahre 1933 verbot das NS-Regime diese und weitere Zeitschriften für Homosexuelle. Die Verfolgung von Lotte Hahm während des Nationalsozialismus ist nicht ausreichend erforscht, ihre KZ-Internierung in Moringen lässt sich aber von 1935 bis 1938 nachweisen. Nach der Entlassung organisierte Lotte Hahm erneut Treffpunkte für lesbische Frauen und veranstaltete nach 1945 weiterhin Frauenabende. Sie gehörte zu denjenigen, die Ende der 1950er Jahre vergeblich versuchten, den „Bund für Menschrecht“ wieder ins Leben zu rufen. Im Jahre 1967 starb sie in Berlin.

Weitere Hinweise über ihr Leben in Dresden oder auch über vergleichbare Lokale, wie es sie in Berlin gab,lassen sich auf den ersten Blick in den Beständen des Stadtarchivs nur mühevoll rekonstruieren. Selbst die Forschungsliteratur über die lesbische Subkultur Dresdens in den 1920 und 1930er Jahren weist erhebliche Lücken auf. Aktuell wird in Dresden eine Ausstellung zur Geschichte von Lesben und Schwulen der 1980er und 1990er Jahre entwickelt. Das Büro der Gleichstellungsbeauftragten für Frau und Mann der Landeshauptstadt Dresden ist federführend damit betraut. Dabei werden Berichte von Zeitzeuginnen und Zeitzeugen im Fokus stehen. Für das Zeitzeugenprojekt sucht das Büro der Gleichstellungsbeauftragten lesbische und schwule Personen, auch Trans- und Intersexuelle mit DDR- und BRD-Vergangenheit in Dresden. Sie können sich telefonisch unter 0351 488 2088 oder per E-Mail unter gleichstellungsbeauftragte@dresden.de melden.

Quelle: Stadtarchiv Dresden. 6.4.25 Standesamt Löbtau 1890, Nr. 276

Annemarie Niering

Oktober 2018

Doppelseite aus der finnischen Kinderfibel
Doppelseite aus der finnischen Kinderfibel mit den Buchstaben E und P
© Repro: Stadtarchiv Dresden

„Finnisch? Kann man Lernen!“

Finnland ist ein Land über das viele Vorurteile und Klischees kursieren. Es sei immer kalt, die Sprache sei die schwierigste der Welt und die Menschen introvertiert und wortkarg. Doch abgesehen von diesen Vorurteilen, ist weithin bekannt, dass das finnische Bildungssystem eines der Besten weltweit ist. Allein 2015 belegte Finnland den 5. Platz der weltweit geführten PISA-Studie. Den Anfang nahm diese Entwicklung in der ab Ende der 50er Jahre etablierten finnischen Bildungsreform. Das Archivale des Monats Oktober stammt aus dem Jahr 1959 - steht also zeitlich eingeordnet ganz am Anfang der besagten Reform. Hierbei handelt es sich um eine finnische Kinderfibel mit dem Titel "Meidän Lasten Aapinen", auf Deutsch "Unsere Kinderfibel", die mit das einzig finnischsprachige Werk im Bestand des Stadtarchivs markiert und somit allein schon der Herkunft und der Sprache wegen eine Besonderheit darstellt.

Die Fibel selbst stammt aus dem Schulbestand des Stadtarchivs. Ursprünglich wurde dieses Buch von Urho Somerkivi persönlich noch im Jahr des Erscheinens während eines Besuches in Dresden einem gewissen Fritz Lehmann gewidmet und signiert. Die Autoren des Schulbuches, Aukusti Salo und Urho Sommerkivi, waren beide maßgeblich an der Reform und Bildung des neuen Schulssystems beteiligt. Die Fibel ist reich illustriert und beinhaltet beginnend mit dem finnischen Alphabet, Kinderreime, Gedichte, Gebete und auch Volksmärchen (Kansasatut). Das Somerkivi sich auch für Folklore im eigenen Land einsetzte, erkennt man beispielsweise auch daran, dass sogar ein Gedicht vom national gefeierten Dichter Johann Ludvig Runeberg enthalten ist.

Die Zeichnungen stammen von Rudolf Koivu und Martta Wendelin. Beide waren zeitlebens populäre finnische Illustratoren von Kinder- und Märchenbüchern und noch heute wird jungen Künstlern solcher Werke der "Rudolf Koivu Preis" verliehen. In Finnland haben Fibeln (Aapinet) schon eine lange und für die Sprache sehr bedeutende Geschichte. Die älteste finnische Fibel wurde von Mikael Agricola, der als Finnischer Reformator und Begründer der Literatursprache in Finnland gilt, im Jahr 1543 unter dem Titel "Abckiria" veröffentlicht und ist damit gleichzeitig eines der ältesten Werke in finnischer Sprache. Diese war jedoch weniger für den schulischen Gebrauch, als vielmehr für die Nutzung durch literarisch bewanderte Priester gedacht. Ab Mitte des 19. Jahrhunderts etablierten sich dann die Schulfibeln, wie wir sie heute noch zum Teil kennen. Nur zu Kriegszeiten, die die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts in Finnland prägten, waren sie aufgrund von Materialnot seltenes Gut. Umso populärer wurde dann die Fibel von Salo und Somerkivi am Ende der 50er, die mehrere Auflagen miterlebte und sofort mit der ersten Ausgabe "von der Schulbehörde genehmigt" wurde.

Quelle: Stadtarchiv Dresden, 13.48 Schulmuseum Nr. 141/3

Marc Eric Mitzscherling

September 2018

Lehrbrief für Johann Heinrich Bergmann, 3. Oktober 1766
Lehrbrief für Johann Heinrich Bergmann, 3. Oktober 1766
© Repro: Stadtarchiv Dresden

„Die edle Gärtner Kunst – Bringt Ehr und Gunst“ Lehrbrief eines Gärtnergesellen zu Dresden 1766

Grundlage für das Erlernen der Gärtnerkunst war eine dreijährige Ausbildungszeit. Diese absolvierte der Lehrling Johann Heinrich Bergmann, geboren in Markkleeberg bei Leipzig, beim Hof- und Orangengärtner Johann Christoph Berger im „Churfürstlich Herzoglichen Orangen Garten zu Dresden“ von 1763 bis 1766. Abschließend erhielt der Gärtner-Geselle, auch Adjunkt genannt, vom Lehrherrn einen Lehrbrief, mit dem er sich, gleich einem Handwerksgesellen, auf Wanderschaft begab. Der Lehrbrief von Bergmann beinhaltet allerdings kaum Aussagen über das erlernte Können und Wissen auf gärtnerischem Fachgebiet, sondern attestierte ihm vorrangig persönliche Tugenden wie gutes und gehorsames Verhalten, Gelehrsamkeit, Fleiß und Treue. Diese positive Einschätzung durch den Lehrmeister war dabei keineswegs optional sondern für eine nachfolgende Anstellung unerlässlich.

Dieser besondere Wert spiegelt sich auch in der aufwändigen Gestaltung des Lehrbriefes wider, der sich heute im umfangreichen Innungsurkundenbestand des Stadtarchivs Dresden befindet und im Monat September im Lesesaal zu sehen sein wird. Die Anfertigung erfolgte im Auftrag des Hofgärtners durch einen Schreiber und kostete eine Gebühr, die in etwa der Höhe eines Monatslohns entsprach. Neben der beachtlichen Größe von 58,5 x 37,5 cm zeigt das Pergament umlaufende Dekorationen mit grafischen und figürlichen Darstellungen, handbemalt mit Gold- und Farbverzierungen abgesetzt. Im Blickpunkt steht das Wappen des sächsischen Kurfürsten, in dessen Auftrag der Hofgärtner die Lehrlinge ausbildete. Ein wiederkehrendes Gestaltungsmotiv bilden die Füllhörner und Weinreben, die nicht nur als Ausdruck einer ertragreichen Obstzucht, sondern auch als Zeichen gelungener Gartenkunst verstanden werden können. Insbesondere die Abbildung der Weinernte am rechten Bildrand unterstreicht die Bedeutung des Hof- und Orangengärtners als Bindeglied zwischen nützlicher und schöner Gartenkunst.

Die Benennung des Herzoglichen Gartens als Arbeitsumfeld des Orangengärtners Berger führt dabei in die Geschichte des sächsischen Gartenbaus zurück. 1575 erhielt der spätere Kurfürst Christian I. von Kaiser Maximilian II. vier Pomeranzenbäume aus Prag als persönliches Geschenk und widmete sich seither verstärkt der Beförderung der Obst- und Gemüsezucht, insbesondere der Zitrusgewächse. In diesem Sinne ließ Christian I. 1591 für seine Gemahlin Sophie, die Kurfürstin und Herzogin von Sachsen, einen Lustgarten an der heutigen Ostra-Allee mit einem festen „Pomeranzenhaus“ errichten. Einen beträchtlichen Bedeutungszuwachs erhielt der Herzogin Garten 1728 als Winterquartier für die Pflanzen der Zwinger-Orangerie, die auf Betreiben des Kurfürsten Friedrich August I. von Sachsen ab 1709 errichtet worden war.

Quelle: Stadtarchiv Dresden, 11.1 Innungsurkunden, Nr. 1252

Sylvia Drebinger

August 2018

Titelblatt der Flugschrift von der bevorstehenden Exekution des Räubers Gottfried Käsebier und seiner Diebesbande.
Titelblatt der Flugschrift von der bevorstehenden Exekution des Räubers Gottfried Käsebier und seiner Diebesbande.
© Repro: Stadtarchiv Dresden

Von Räubern, Flugschriften und Fakenews. Nachrichtenverbreitung in Dresden im 18. Jahrhundert

Nachrichten sind in der modernen Welt sekundenschnell abrufbar und mit der heutigen Medientechnik jederzeit verfügbar. Im 18. Jahrhundert hingegen verbreiteten sich Nachrichten durch Druckerzeugnisse oder Mundpropaganda langsamer und gingen oft nicht über einen lokalen Umkreis hinaus. Das im Stadtarchiv ausgestellte Archivale des Monats August bildet hierbei eine Ausnahme. Das Flugblatt aus dem Jahr 1748 gehört zu einer Sammlung von Flugschriften, die über die Missetaten eines in Berlin gefangengenommen Anführers einer Räuberbande namens Gottfried Käsebier berichten. Seine Taten werden darin detailliert beschrieben und reichen von Diebstahl, Betrug bis hin zu Mord. Zwei Drucke kündigen sogar die Hinrichtung von Käsebier und seiner Diebesbande an.

Tatsächlich wurde 1748 Christian Andreas Käsebier im Brandenburgischen festgenommen. Trotz unterschiedlicher Vornamen handelt es sich um ein und dieselbe Person. Die in Dresden kursierenden Flugschriften scheinen jedoch ein eher fantastisches als realistisches Bild darzustellen. Danach soll Käsebier etliche Morde und Diebstähle gestanden haben. Angesichts der Schwere der dargestellten Delikte erscheint seine Bestrafung mit Festungshaft als ein sehr mildes Urteil, so dass es unwahrscheinlich ist, dass er all die Taten begangen hat. Die Flugschrift überzeichnet bewusst das Bild seiner Verbrechen, um den Gefangenen als Bösewicht darzustellen und gleichzeitig als Warnung für Nachahmer zu dienen. Die vier Seiten umfassende Schrift wurde von zwei Frauen auf der Elbbrücke in Dresden und von Georg Gottlieb Fuchs am Pirnaischen Tor verbreitet. Dies rief den Stadtrat auf den Plan, denn die Schriften wurden ohne vorherige Zensur und Genehmigung gedruckt und ohne Erlaubnis in der Stadt verkauft. Der Wachtmeister Hennig wurde beauftragt alle Verkäuferinnen und Verkäufer zum Verhör zu bringen. Aus den Befragungen ergab sich, dass der Dresdner Buchdrucker Johann Christoph Krause die Schriften verfielfältigt hatte. Im Verhör gab Krause an, dass er nicht Autor der Schriften war, sondern lediglich die Flugschrift nachdruckte, die zu diesem Zeitpunkt schon in Berlin kursierte. Nach seinen Gründen befragt, antwortete der Buchdrucker, dass er zur Zeit keine Arbeit hätte und nicht wusste, wovon er Leben sollte. Die anonymen Autoren und Buchdrucker der Flugschriften konnten mit dieser Art der Geschichtenerzählung durchaus florierende Geschäfte machen. Der Stadtrat berichtete auch dem sächsischen Kurfürsten Friedrich August II. von den Vorfällen in der Stadt. Friedrich August II. wies den Stadtrat an, Krause nicht nur ernstlich zu verwarnen, sondern auch eine Strafe von zehn Talern aufzuerlegen.

Quelle: Stadtarchiv Dresden, 2.1.2 Ratsarchiv B.XVII.88, Bl. 8.

Marco Iwanzeck

Juli 2018

Handschriftlicher Lehrplan zum Thema „Kunstausdrücke“ und „Warenkunde“ aus dem Jahre 1907 (Ausschnitt)
Handschriftlicher Lehrplan zum Thema „Kunstausdrücke“ und „Warenkunde“ aus dem Jahre 1907 (Ausschnitt)
© Repro: Stadtarchiv Dresden

„Ein Plädoyer für eine klare Sprachregelung in der Kochkunst“

Anfang des 20. Jahrhunderts engagierte sich der vor 90 Jahren in Dresden verstorbene Ernst Clemens Lößnitzer (1852) für eine „klare Sprachregelung in der Kochkunst“. Ernst Lößnitzer, Koch und Obermeister der „Köche-Innung“ veröffentlichte dazu zwei bedeutende Publikationen, zum einen das „Große Deutsche Kochbuch der feinen und bürgerlichen Küche“ (1906) und zum anderen das „Verdeutschungswörterbuch. Ein Plädoyer für eine klare Sprachregelung in der Kochkunst“ (1911). Dieses Wissen lehrte er ab 1907 an der „Fachschule der Köche-Innung zu Dresden“ und setzte sich für die Fachausbildung von angehenden Köchinnen und Köchen ein.

Die Archivale des Monats dokumentiert ausschnittsweise den handschriftlichen Lehrplan zum Thema „Kunstausdrücke“ und „Warenkunde“ aus dem Jahre 1907. Den auf der linken Seite verzeichneten deutschen Begriffen setzte Lößnitzer die französische Übersetzung gegenüber. Die Übersetzung vom Französischen in die deutsche Sprache verdeutlicht nicht nur die Lehrweise, sondern auch den Zeitgeist. Deutschlands Köche beanspruchten für sich im späten Kaiserreich eine ambitionierte kulinarische Kunst auf Augenhöhe mit Frankreich und ganz Europa. Nach Beginn des Ersten Weltkriegs hielt die patriotische Begeisterung Einzug in nahezu sämtliche Lebensbereiche wie auch in das Gastgewerbe und es kam zu einer regelrechten „Verdeutschungskampagne“ von französischen Begriffen. Unzählige Firmen und Geschäfte änderten nach Kriegsbeginn ihren Namen. Ob aus patriotischer Überzeugung oder aus Angst der Betreiber/-innen vor Ausgrenzung und Umsatzverlust hießen die einstigen „Boutiquen“ nun „Modegeschäfte“ und das „Cafe de Paris“ verwandelte sich in ein „Kaffeehaus Germania“.

Seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert besuchten die Dresdner Kochlehrlinge parallel zur Ausbildung in der Küche ihres Lehrherrn bereits die „Fach- und Fortbildungsschule des Vereins Dresdner Gastwirte“. Dort wurden sie in Deutsch, Lesen, Schreiben sowie in zeitgenössischer Schönschrift und Buchführung unterrichtet. Nach Ansicht der „Köche-Innung“, die sich im Jahre 1901 konstituierte, war dieser Unterricht richtig, ihrer Meinung nach kam aber das spezifische Fachwissen zu kurz. Denn die Lehrlinge wurden berufsbezogen nur „in Men[u]kunde, Warenkunde sowie fachgewerblichem Rechnen“ unterrichtet. Das entsprach nicht den Anforderungen „die an den angehenden Koch gestellt und in jedem Haus, das Anspruch auf eine bessere Küche erhebt, verlangt werden“ könne. Dementsprechend gründete die „Köche-Innung“ eine eigene Fachschule, die durch städtische Unterstützung Räume auf der Marschallstraße 21 in der 10. Volksschule für den Unterricht erhielt.

Im Schuljahr 1921/22 besuchten insgesamt 18 Schüler den Unterricht. Der Lehrplan beinhaltete im Mai 1921 die Themen „Kunstausdrücke. Ihre richtige Aussprache, deutsche Verzeichnung und Anwendung“ sowie die „Entwicklungsgeschichte der Kochkunst. Geschmack und Feinschmeckerei. Ernährung und Verdauung.“ Dort unterrichteten Ernst Lößnitzer oder eine Vertretung in wöchentlich zwei aufeinander folgenden Stunden. Am 1. Mai 1935 wurde die Fachschule der Köche-Innung aus politischen und finanziellen Gründen aufgelöst. Das Berufliche Schulzentrum für Gastgewerbe auf der Ehrlichstraße 1 erhielt im Jahr 2008 den Ehrenname „Ernst Lößnitzer“ verliehen.

Quelle: Stadtarchiv Dresden, 2.3.20 Schulamt, Sect. I.; Cap. X, Nr. 156, Bl. 3.

Annemarie Niering

Juni 2018

Die erste Gasbeleuchtungsanstalt
Die erste Gasbeleuchtungsanstalt
© Repro: Stadtarchiv Dresden

Die Gasbeleuchtungsanstalt am Zwinger - öffentliche Straßenbeleuchtung vor 190 Jahren

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts sorgten Laternen für eine eher dürftige Beleuchtung der Dresdner Innenstadt. Angeregt durch die in London eingeführte Straßenbeleuchtung mit Steinkohlengas schlug der Geheime Rat dem sächsischen König die Erstellung eines Gutachtens über die Anwendbarkeit dieser Beleuchtungsart in Dresden vor. Nach dessen Befürwortung wurde das für die Straßenbeleuchtung zuständige Stadtpolizei-Kollegium im Juni 1816 beauftragt, sich mit Professor Lampadius in Freiberg in Verbindung zu setzen, der eine englische Abhandlung zu diesem Thema bearbeitet und übersetzt hatte. Das Stadtpolizei-Kollegium war eine Behörde, der Staatsbeamten und Ratsmitglieder angehörten.

Nach Abwägung der Vor- und Nachteile befürworteten die Landesregierung und das Stadtpolizei-Kollegium die Einführung der Gasbeleuchtung in Dresden. Im Dezember 1820 genehmigte König Friedrich August I. von Sachsen (1750-1827) den Versuch, die Plätze um das Theater, die Hofkirche und das Schloss mit Gaslicht beleuchten zu lassen. Der Gasorgelbauer Uthe und Inspektor Blochmann vom Königlich-Mathematisch-Physikalischen Salon hatten sich bereits seit einigen Jahren mit dieser Beleuchtungsart beschäftigt und ihre Werkstätten damit ausgestattet. Nach einem Test ihrer Apparaturen wurde Blochmann 1825 mit der Ausführung des Projekts betraut.

Rudolf Sigismund Blochmann (1784-1871) war ein Pfarrerssohn aus Reichstädt bei Dippoldiswalde. Er hatte eine Ausbildung am Mathamatisch-Mechanischen Institut in München bei George von Reichenbach absolviert und seit 1809 eine mechanische Werkstatt bei Fraunhofer betrieben, wo er auch Beleuchtungsversuche mit Gas duchrchführte. Seine Pläne für die Gasbereitungsanstalt am nordöstlichen Ende des Zwingerwalls wurden von König Anton (1755-1836) am 14. Juni 1827 bestätigt, nachdem sein Bruder König Friedrich August I. verstorben war. Am 27. April 1828 wurde der Betrieb aufgenommen und der Schlossplatz beleuchtet. Anlass waren die Feierlichkeiten zur Geburt des Thronfolgers, der vier Tage zuvor das Licht der Welt erblickt hatte. Bis Jahresende folgten weitere Straßen und Plätze, wie die Schloßgasse, der Altmarkt und die Augustusstraße. 1833 ging das Gaswerk in städtisches Eigentum über. Rudolf Siegismund Blochmann wurde die Leitung übertragen. Seine Planungen aus dem Jahr 1831 für die Erweiterung der Gasbereitungsanstalt sind im Stadtarchiv überliefert. Blochmann übernahm auch die Leitung des 1839 erbauten neuen Gaswerkes an der Stiftsstraße.

Quelle: Der Sammler für Geschichte und Alterthum, Kunst und Natur im Elbthale, Dresden 1837, Stadtarchiv Dresden, 18 Bibliothek, Nr. Z.188.4a, S.25

Christine Stade

Mai 2018

Handgeschriebenes Rezept aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts für die Herstellung eines Heilmittels
Handgeschriebenes Rezept aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts für die Herstellung eines Heilmittels
© Repro: Stadtarchiv Dresden

„... ein paar Tropfen in den hohlen Zahn ...“ Über eine alte Rezeptur für die Herstellung eines besonderen Heilmittels

Ein Elixier zur Verlängerung des Lebens ist gewiss einer der sehnsüchtigsten Wünsche seit Menschengedenken. Im Stadtarchiv Dresden befindet sich tatsächlich ein vermeintliches Rezept hierfür. Es stammt aus dem Nachlass der Familien Schmidtgen und Werner und wurde vermutlich in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts handschriftlich verfasst. Neben dem Rezept für das Elixier finden sich in dem im Jahre 1926 übernommenen Bestand weitere Anleitungen für die Herstellung verschiedener Heilmittel, etwa für einen Tee zur Blutreinigung, für ein „blaues Kalg Wasser“ zur Behandlung von Augenentzündungen und für Brandsalben. Nur drei Tropfen des Lebenselixiers am Morgen und sieben bis acht Tropfen am Abend mit Wein, Tee oder Brühe eingenommen, sollen das Leben auf wundersame Weise verlängern. Insgesamt werden acht besondere Zutaten zur Herstellung benötigt. Dazu gehört Aloe socotrina, eine Pflanzenart aus der Gattung der Aloen, von der zwei Lot, also etwa zwei volle Löffel, erforderlich sind. Außerdem wird ein Quentchen, das heißt etwa ein Viertel oder Fünftel eines Lots, von der Zitwerwurzel gebraucht, die auch als Weiße Curcuma bekannt ist und aus der Familie der Ingwergewächse entstammt. Des Weiteren ist die gleiche Menge Enzian, „bester“ Safran, Rhabarber, Lärchenschwamm sowie Wachholder Latwerge notwendig, letzteres ist eine eingedickte Saft-Honig-Zubereitung. Und nicht zuletzt muss venezianischer Theriak bereitgehalten werden, der bereits in der Antike ein Antidot zur Behandlung von Vergiftungen bezeichnete. Diese Kräutermixtur galt im Mittelalter sogar als universelles Wunderheilmittel, wobei der Theriak aus Venedig sensationelle Berümtheit erlangte. Zur Herstellung des Elixiers müssen zunächst die trockenen Zutaten pulverisiert, gesiebt und zusammen mit der Latwerge, dem Theriak und einem halben Maß eines guten Kornbranntweines in eine Flasche „von grobartigem Glas“ gefüllt werden. Diese wird mit einem durchlöcherten Pergament verschlossen, vierzehn Tage in den Schatten gestellt und täglich zweimal geschüttelt. Danach ist das Substrat durch ein reines Leinentuch zu filtrieren, wieder zu vermischen und in eine „wohlzugemachte“ Flasche zu füllen. Durch den täglichen Gebrauch soll das fertige Elixier angeblich Kräfte mobilisieren und die Lebensgeister wecken, außerdem die Sinne schärfen sowie Nervenzittern und Rheumaschmerzen lindern.

Im Übrigen sollen „alle andre Medicamente“ durch die Einnahme des Heilmittels für lange Zeit obsolet werden. Zur spezifischen Behandlung von Übelkeit sei ein Esslöffel, bei Koliken seien drei Esslöffel mit der vierfachen Menge an Branntwein einzunehmen. Bei Zahnschmerzen wiederum sollten einfach ein paar Tropfen auf Baumwolle aufgetragen und diese in den „hohlen Zahn“ gedrückt werden. Das Mittel würde ohne Schmerzen wirken, allerdings dürfe man dazu kein Obst oder Salat essen und keine Milch trinken.

Achtung: Die hier vorgestellte Rezeptur ist lediglich eine Wiedergabe der archivischen Überlieferung. Es handelt sich nicht um eine Herstellungs- und Gebrauchsanweisung. Die Anwendung erfolgt auf eigene Gefahr, eine Haftung ist ausgeschlossen.

Quelle: Stadtarchiv Dresden, 16.2.25, Familiennachlass Schmidtgen und Werner, Nr. 13.

Johannes Wendt

April 2018

Die Dresdner Societätsbrauerei am Waldschlösschen. Lithographie und Zeichnung: C. W. Arldt,
© Stadtarchiv Dresden

Wasser und Bier für das Waldschlösschen

Vor 180 Jahren feierten die Dresdner die Eröffnung der Societätsbrauerei am Waldschlösschen. Am 26. März 1838 strömten Tausende Gäste in das Brauhaus, um Biere nach bayrischer Brauart zu kosten. Glaubt man den Überlieferungen wurden am ersten Tag circa 600 Liter Bier ausgeschenkt. Doch nicht nur der Bierausschank lockte die Besucher zum Waldschlössen. Von der Terrasse hatten die Gäste einen herrlichen Blick über das Elbtal und auf die Silhouette der Stadt. Die Zeitgenossen verfielen auch beim Anblick der Societätsbrauerei ins Schwärmen, denn „es leuchtet des flandrischen Bierkönigs Gambrinus stattliches Schloß dort am rechten Elbufer gar einladend ins Auge der Gegenwart.“

Doch bevor das erste Bier am Waldschlösschen gebraut werden konnte, mussten infrastrukturelle Maßnahmen geschaffen werden, um das Brauen überhaupt zu ermöglichen. Neben dem Bau von Lagerkellern und einer Mälzerei war die Versorgung mit frischem Trinkwasser eine Grundvoraussetzung. Laut einer Ratsakte aus dem Stadtarchiv wandte sich der Besitzer des Grundstücks, Stadtrat Heinrich Wilhelm Rachel, 1837 mit einem entsprechenden Gesuch an das Königliche Forstamt Dresden. Rachel hatte das Grundstück am Waldschlösschen im Auftrag der Gesellschafter erworben und wurde nach Eröffnung in das Direktorium der Societätsbrauerei berufen. In seinem Schreiben bat Rachel „um käufliche Ueberlassung von Röhrwasser von der Neustädter Wasserleitung“ für den Bedarf der Brauerei, was ihm von den Behörden gegen Auflagen bestätigt wurde.

Die Wasserröhren vom Waldschlösschen zur Neustädter Hauptleitung in Länge von 1.322 Ellen (circa 700 Meter) durch Fischhaus-Revier hatte die Aktiengesellschaft auf eigene Kosten zu bauen und zwar mit „möglichster Schonung des Waldes und auf dem zu bestimmenden Tracte.“ Dafür versprach die Königliche Wasser-Kommission etwa sieben Liter in einer Minute zu liefern. Die funktionierende Wasserleitung sorgte jedenfalls dafür, dass am Tag der Eröffnung kein Besucher durstig nach Hause gehen musste.

Quelle: Stadtarchiv Dresden, 18 Z.176; in Saxonia: Museum für Sächsische Vaterlandskunde - Dresden: Pietzsch, 1835-1841. Bd. 5. 1841. Nr. 1. 1841. S. 8.

Marco Iwanzeck

März 2018

Auszug aus den „Acten der Stadtverordneten zu Dresden die Einrichtung neuen Pissoirs betreffend“
Auszug aus den „Acten der Stadtverordneten zu Dresden die Einrichtung neuen Pissoirs betreffend“
© Stadtarchiv Dresden, Foto: Elvira Wobst

„Das erste öffentliche Wasserklosett in Dresden“

Genau vor 140 Jahren, am 1. März 1878, berichtete Oberbürgermeister Stübel den Stadtverordneten von der Errichtung des ersten Wasserklosetts in Dresden, das zugleich auch die erste Bedürfnisanstalt für Frauen war. Das Wasser dafür lieferte das erste Dresdner Wasserwerk Saloppe. Die „Abortanlage für Damen“ befand sich in den äußeren Bürgerwiesen-Anlagen, nahe dem Zoologischen Garten, auf der Parkstraße 10b.

Bereits im Jahre 1873 hatten Stadtrat und Stadtverordnete aus sanitären Gründen den Bau eines öffentlichen Aborts für Frauen in Betracht gezogen. Allerdings lagen für die Planung und zu den Kosten einer solchen Anlage kaum Erfahrungen vor, so dass das Vorhaben nicht weiter verfolgt wurde. Der „Bezirks-Verein der Wilsdruffer Vorstadt und der Friedrichstadt“ griff das Thema auf und stellte am 12. Februar 1876 beim Stadtrat folgende Anfrage: „Der geehrte Rath wolle erwägen, ob nicht für Frauen die Errichtung von Bedürfnisanstalten angezeigt scheine […].“ Daraufhin erfolgte im März 1876 eine Anfrage beim Rat der Stadt Leipzig, wo bereits 1875 auf dem Fleischerplatz eine Bedürfnisanstalt für Frauen entstanden war. Vor allem ging es um Informationen über Konstruktion und Standort, aber auch um Erfahrungen, die, „besonders hinsichtlich der Frequenz der Benutzung und in sittlicher Beziehung, mit denselben gemacht worden sind“.

Mit den gewonnenen Erkenntnissen erarbeitete das Stadtbauamt eine „Vorlage zur Errichtung einer Bedürfnisanstalt für Frauen in Dresden“, die am 12. April 1876 von Oberbürgermeister Pfotenhauer an die Stadtverordneten zur Genehmigung überwiesen wurde. Wie in Leipzig sollte sich hier der Standort keinesfalls im Stadtzentrum befinden, sondern außerhalb, in der Bürgerwiese. Nach zahlreichen Debatten und Umplanungen konnte im Mai 1877 mit dem Bau des ersten Wasserklosetts in Dresden begonnen werden. Man entschied die Anlage durchgehend zu öffnen und eine Wärterin anzustellen. Die Einnahmen von der Abortbenutzung sollten dieser als Honorar für ihre Dienste überlassen und ein Pachtgeld nicht erhoben werden. Der Bauplan sah vor, im Mittelbau den Abort für Frauen und eine Wärterinnen-Wohnung unterzubringen. Da man bei der isolierten Lage befürchtete, „dass die Anstalt leicht der Schauplatz allerhand, insbesondere sich gegen die Frauenwelt richteten versteckten Unfuges werden könnte“, wurde das Pissoir für Männer zur besseren Überwachung neben der Wärterinnenstube platziert. Der Stadtrat erachtete die Anlage als zweckmäßig und ästhetisch.

Mehr zum Thema können Sie noch bis zum 30. März 2018 im Stadtarchiv Dresden in der Ausstellung „Verborgene Geschichte(n) aus dem Stadtarchiv“ erfahren.

Quelle: Stadtarchiv Dresden, 3.1 Stadtverordnetenakten, Nr. P.39, Bd. I, Bl. 45b

Carola Schauer

Februar 2018

Johann Georg Palitzsch, Kupferstich nach Anton Graff von Christian Gottfried Schulze, 1882
Johann Georg Palitzsch, Kupferstich nach Anton Graff von Christian Gottfried Schulze, 1882
© Stadtarchiv Dresden, Elvira Wobst

Johann Georg Palitzsch (1723 - 1788) und der Halley’sche Komet

Vor 230 Jahren, am 21. Februar 1788, starb der gelehrte Prohliser Gutsbesitzer Johann Georg Palitzsch. Schon seit frühester Jugend faszinierten ihn astronomische und naturwissenschaftliche Entdeckungen. Deshalb nutzte er trotz anstrengendem Ausbildungs- und Arbeitsalltag auf dem väterlichen Bauerngut die wenigen freien Stunden für autodidaktische Studien der Astronomie, Physik, Botanik und anderer Naturwissenschaften. Am 16. August 1744 übernahm Palitzsch das Gut von seiner Mutter und dem Stiefvater für eine Kaufsumme von 3100 Gulden. In dem Erbkaufvertrag im Gerichtsbuch des Maternihospitalamtes Dresden sind alle Gebäude, Haustiere und der Hausrat detaillert registriert. Endlich unabhängig, konnte Palitzsch seine Forschungen weiter vorantreiben und sogar einen botanischen Garten auf dem Gut anlegen. Mit dem ebenfalls als Autodidakt bekannten Astronomen Christian Gärtner aus Tolkewitz betrieb er intensive Himmelsbeobachtungen mit dem Fernrohr, die er akribisch aufzeichnete. Durch Gärtner wurde Palitzsch mit Georg Gottlieb Haubold, dem Inspektor des mathematisch- physikalischen Salons in Dresden, bekannt. Dieser bot ihm die Möglichkeit, die dort vorhandenen wissenschaftlichen Abhandlungen und Gerätschaften zu nutzen. Bekanntheit erlangte der Prohliser Landwirt 1758 durch den erstmaligen Nachweis von Süßwasserpolypen in sächsischen Gewässern. Eine weitere Entdeckung im Dezember 1758 verschaffte ihm Anerkennung in astronomischen Fachkreisen. Im Dresdner Anzeiger Nr. 2/1759 heißt es: „Als ich nach meiner mühsamen Gewohnheit, alles was in der Physic vorfällt, so viel möglich zu betrachten, und gegen den Himmels-Begebenheiten aufmerksam zu seyn, den 25. jetzigen Dezemb[er] Monaths abends um 6 Uhr mit meinem 8-füßigen Tubo die Fix-Sterne durchgienge, um zu sehen wie wohl sich der ietzt sichtbare Stern des Wallfisches darstelle, als auch ob sich nicht der seit langer Zeit verkündigte und sehnlich erwünschte Komet nähere oder zeige; so wurde mir das unbeschreibliche Vergnügen zu theil, nicht weit von diesem wunderbaren Wallfisch-Sterne, im Sternbild der Fische ... einen sonst niemahlen dort wahrgenommenen neblichten Stern, zu entdecken.“ Palitzsch hatte als Erster den Kometen entdeckt, dessen Wiedererscheinen Halley für das Jahr 1758 vorausgesagt hatte. Eine genaue Beschreibung liefert der Dresdner Anzeiger Nr. 7 von 1759. Weitere astronomische und wissenschaftliche Beobachtungen sowie seine Erfolge als Landwirt brachten Palitzsch 1770 die Ehrenmitgliedschaft der „Leipziger ökonomischen Societät“ ein. Das von dem Bildhauer Ernst Wilhelm Knieling geschaffene Denkmal setzte die Gemeinde Prohlis ihrem „Sterngucker“ im Jahr 1877. Das Palitzsch-Museum in Dresden-Prohlis wurde 1988 begründet.

Quelle: Stadtarchiv Dresden, 15.13. Ortsarchiv Leubnitz-Neuostra, Nr. 141

Christine Stade

Januar 2018

Titelbild von einer Werbebroschüre der Firma Ernemann aus dem Jahr 1907
Titelbild von einer Werbebroschüre der Firma Ernemann aus dem Jahr 1907
© Stadtarchiv Dresden, Foto: Elvira Wobst

Heinrich Ernemann - Ein Pionier der Kameraproduktion

Gehen wir heute Abend ins Kino? Eine oft gestellte Frage. Der Begriff „Kino“ leitet sich von Kinematograph her? Schon sind wir mitten drin in der Geschichte des Kamerabaus in Dresden und eines seiner Pioniere, des Kaufmanns Heinrich Ernemann (1850-1928). Heinrich Ernemann war ein Visionär, der zur richtigen Zeit die Potentiale der Fotografie und von bewegten Bildern erkannte.

Seit 1876 war Ernemann als Kaufmann in Dresden tätig. Am 5. November 1889 meldete er ein Gewerbe zu-sammen mit Wilhelm Franz Matthias zur Fabrikation fotografischer Apparate in der Güterbahnhofstraße 10 an. Am 9. April 1890 verlegten die beiden ihre Firma „Dresdner photographische Apparate-Fabrik“ in ein Hinterhaus in der Pirnaischen Straße 50. Am 26. März 1895 zog sich Franz Wilhelm Matthias aus der Firma zurück. Ernemann war nun der alleinige Inhaber der Firma. Im Jahr 1897 wurde der Grundstein für das bekannte Firmengelände an der Schandauer Straße gelegt. Ernemann wollte von Zulieferern möglichst unabhängig sein. Er baute eine eigene mechanische Werkstatt auf und 1907 kam die optische Abteilung hinzu. Er setze vor allem auf Qualität und auf Spezialkameras für Profis. Dresden wurde zum Hauptstandort der fotografischen Industrie Deutschlands. Die Ernemann-Werke, seit Mai 1899 eine Aktiengesellschaft, hatten daran großen Anteil. Die Erzeugnisse wurden von Ernemann als Markenartikel deklariert, um sie zu schützen und deren Nachbau zu erschweren. Eine der bekannten Schutzmarken war die Lichtgöttin, nach dem vom Maler Hans Unger (1872-1936) für die Fassade des Ernemann-Baus in der Schandauer Straße entworfenem Glasmosaik.

Anfang 1903 brachte Ernemann seinen ersten Kinematografen heraus und taufte ihn auf den Namen „Kino“. In einer Werbebroschüre von 1907 wird die Kinematographie als wichtiges Erziehungs-, Bildungs- und Unterhaltungsmittel für die Allgemeinheit dargestellt. Auch für die passenden Filme wurde gleich gesorgt, es gab humoristische Szenen, historische Bilder, Städtebilder und Straßenszenen, sowie Szenen aus dem Kinderleben. Das „Kino“ erfreute sich fortan im In- und Ausland großer Beliebtheit.

Quelle: Stadtarchiv Dresden, 17.2.1 Drucksammlung, A 272/I.

Gisela Hoppe

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