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https://www.dresden.de/de/kultur/kunst-und-kultur/museen_kunst/kunst-im-oeffentlichen-raum/denkmal-fuer-den-permanenten-neuanfang.php 11.07.2017 15:53:12 Uhr 14.12.2017 09:13:09 Uhr

Denkmal für den permanenten Neuanfang

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Aufbau des Kunstwerkes "Denkmal für den permanenten Neuanfang"
© Ramona Eichler
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Montage des Armes Trümmerfrau beim Aufbau des Kunstwerkes
© Ramona Eichler
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Denkmal für den permanenten Neuanfang
© Ulrich Genth

Heike Mutter und Ulrich Genth

Seit April 2017 ist auf dem Dresdner Neumarkt die Skulptur „Denkmal für den permanenten Neuanfang" der Hamburger Künstlergruppe Heike Mutter und Ulrich Genth zu sehen. Das temporäre Kunstwerk wird für zwei Jahre auf dem Neumarkt stehen.

Heike Mutter und Ulrich Genth: „Als wir 2012 begannen, das Denkmal für den permanenten Neuanfang zu entwickeln, besaß vor allem der Neumarkt noch einen sehr starken musealen und zugleich touristischen Charakter, auf dem zeitgenössischer Kunst keine Präsenz eingeräumt wurde. Wir entwarfen die Skulptur als Anregung, die Diversität und Komplexität der historischen Bezüge der Stadt anzunehmen und sie in einen Diskurs mit Fragen der heutigen Zeit zu stellen. Inzwischen ist dieser Platz zu einem Austragungsort politischer Konflikte und gleichzeitig zu einem Ort für Kunst geworden. Dennoch scheint es uns immer noch hochaktuell, gerade hier ein relativierendes Zeichen gegen den fortwährenden Streit um Deutungshoheiten zu setzen“.

Das Hamburger Künstlerpaar Heike Mutter und Ulrich Genth untersucht Städte und Standorte. Aus den Resultaten ihrer Recherchen entwickeln sie Arbeiten, die tote Winkel der urbanen Routine beleuchten. Als die beiden 2011 nach Dresden kamen, fiel ihnen sofort auf, wie stark das hiesige Selbstverständnis auf die Vergangenheit fixiert ist, und mehr noch, dass Veränderungen häufig große Skepsis hervorrufen– außer eben, wenn Vergangenes rekonstruiert wird. Gerade der Dresdner Neumarkt nach 1990 spiegelt diese Sehnsüchte, nicht nur in Gestalt der wieder aufgebauten Frauenkirche, sondern auch in der anhaltenden, teilweise umstrittenen „originalgetreuen“ Wiederherstellung des gesamten Quartiers. Mit seinem symbolischen und historischen Gepäck stellt der Neumarkt einen ebenso ergiebigen wie kritischen Rahmen für Kunstwerke dar.  

Das „Denkmal für einen permanenten Neuanfang“ enthält sein Programm bereits im Titel: Es geht um die gravierenden (Ver)Wandlungen, die sich in unserem kollektiven wie auch persönlichen Gedächtnis aufeinander schichten. Diese (Ge)Schichten bestehen aus einer niemals endenden Folge von Neuanfängen. Mutter/Genth setzen jener unglaublichen Energie, sich immer wieder aufzurappeln und neu zu definieren, ein zeitweiliges Denkmal.

Nicht umsonst besteht das Podest dafür aus einem fahrbaren Hubsteiger – als Appell an die Mobilität des Denkens und Handelns. Und ändert nicht auch Geschichtsschreibung gerne einmal ihren Standort?  

Das aufragende Objekt wurde aus mehreren Elementen montiert, die nicht auf den ersten Blick zu deuten sind: eine durchlöcherte Kugel, ein Arm mit einem Hammer und eine Art wehender Schal, zusammengehalten von einem Gerüst aus Edelstahl. Letzteres dient in der Knochenchirurgie dazu, Frakturen zu schienen. Der Fixateur ist ein Heilgerät für vergangene Beschädigungen. Am Neumarkt findet etwas Ähnliches statt: die architektonische Therapie von Zerstörungen, optisch möglichst bruchlos. Genau an diesem Ort verbindet nun der Fixateur von Mutter/Genth drei symbolische Accessoires aus der Dresdner Stadtgeschichte zu einer Metallskulptur:  

Die perforierte Kugelform verweist auf Elfenbeinkleinodien, die Sachsens zweiter Kurfürst, August (1526-1586) liebte und auch selbst anfertigte. Als legendärer und progressiver Landesvater führte er sein Reich aus dem Mittelalter in die Neuzeit. Dann sehen wir einen sich anmutig kräuselnden Streifen aus hellem Aluminiumguss.

Die Vorlage dafür stammt von der Figurengruppe des 1907 eingeweihten Mozart-Brunnens von Hermann Hosaeus auf der Bürgerwiese. Zwar hatte gerade das Jahrhundert der Moderne begonnen, aber stilistisch orientierte man sich lieber am Spätbarock. Ebenso rätselhaft mag zunächst der körperlose Arm nebst Hammer wirken, der knapp über der Bronzekugel schwebt. Dieses Zitat wurde vom Denkmal der Trümmerfrau abgeformt, das der Bildhauer Walter Reinhold 1952, während des Wiederaufbaus der zerstörten Stadt, für den Rathausvorplatz schuf.  

Für ihre Dresdner Bildsynthese bedienen sich Mutter/ Genth absichtsvoll nicht an den gängigen kulturellen Versatzstücken. Vielmehr rücken sie unabgenutzte Aspekte und Objekte ins Licht und erschließen uns damit neue Routen im Erzählraum der Stadt. Das „Denkmal für den permanenten Neuanfang“ verschafft sich jedoch nicht nur visuell Aufmerksamkeit, sondern auch akustisch: In unkalkulierbaren Abständen schlägt der Hammer von 1952 auf die Kugel von 1580 und holt die Passanten in die Gegenwart zurück.   

Der Vorschlag für die Skulptur entstand 2011, als die Kunstkommission für Kunst im öffentlichen Raum unter dem Titel DRESDEN-PERSPEKTIVEN FÜR KUNST IM ÖFFENTLICHEN RAUM ein Symposium im ehemaligen Heizkraftwerk Mitte veranstaltete, mit dem Ziel, künstlerische Diskussionen zu Stadtraum und Stadtentwicklung anzuregen und einen produktiven Prozess in der Stadt für Kunst im öffentlichen Raum zu bewirken.

In der Begründung der Kunstkommission zum „Denkmal für den permanenten Neuanfang" hieß es: Dass das Denkmal für den permanenten Neuanfang an einem scheinbar historischen Ort entgegen der allgemeinen Erwartung nicht an ein Ereignis oder eine Person der Geschichte, sondern an die Gegenwart erinnert, wird als geschickter Kommentar zum Dresdner Mythos und zur (Neu)Erfindung dieser Stadt bewertet.

 

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