Pressetexte
01.06.2011
Auf Mori Ôgais Spuren in Dresden
Auf Mori Ôgais Spuren in Dresden
Der japanische Mediziner und Begründer der naturalistischen Literatur über seine Erfahrungen in Sachsens Hauptstadt
,,Derjenige, der nun in den Osten zurückkehrt, ist nicht mehr derselbe, der damals gen Westen fuhr." Tief bewegt beschreibt der 26-jährige Mori Ôgai (1862-1922) seine Empfindungen, als er 1888 nach vierjährigem Studienaufenthalt in Deutschland in seine japanische Heimat zurückkehrt. Leipzig, Berlin und München waren seine Stationen, aber auch Dresden.
Traumerfüllung Sixitinische Madonna
Als er am 13. Mai 1885 von Leipzig aus erstmals in der Sächsischen Landeshauptstadt eintrifft, ist er von den Kunstschätzen der Stadt überwältigt: ,,wir besuchten das Museum für Skulpturen und die Gemäldegalerie mit ihren weltberühmten Gemälden. Besonders von der ,,Sixtinischen Madonna" von Raffaello hatte ich schon seit langem geträumt. Doch jetzt war ich nun wirklich selbst da, und ein Traum ging für mich in Erfüllung".
Der Anlass für Ôgais Reise sind dessen Studien in Medizin und Hygiene. Zu Gast ist er bei der Kaiserlichen Armee, die ihn auch im Pavillon Belvedere auf der Brühlschen Terrasse zu einem Empfang lädt.
Am 11. Oktober reist Ôgai erneut nach Dresden und mietet sich im Hotel zu den vier Jahreszeiten ein. Und schon am nächsten Abend besucht er das Hoftheater, das heute als Semperoper eines der Wahrzeichen Dresdens ist. Am 13. Oktober mietet er sich in der Klostergasse 12 ein. Das Gebäude wurde im 2. Weltkrieg zerstört. Heute erstreckt sich hier der rechte Teil des Neustädter Marktes. Die folgenden Wochen über lernt Ôgai Dresden besser kennen.
Schon 1885 im Militärhistorischen Museum
Er besucht die Waffensammlung des Zeughauses, die heute im Militärhistorischen Museum der Bundesrepublik Deutschland in Dresden aufbewahrt wird, besichtigt ein Gefängnis und beschreibt die nicht erwarteten guten hygienischen Verhältnisse. Auch im städtischen Krankenhaus im Marcolini-Palais interessieren Ôgai zunächst die hygienischen Verhältnisse. In den historischen Räumen, die seit kurzem wieder der Öffentlichkeit zugänglich sind, ,,hing ein chinesisches Gemälde an der Wand, und in die Decke waren unter anderem die chinesischen Zeichen für Osten, Westen, Süden, Norden und Frühling, Sommer, Herbst und Winter eingraviert. Da es niemanden gab, der das lesen konnte, habe ich es ihnen übersetzt. Wir erfuhren, dass in diesem Zimmer früher einmal Napoleon übernachtet hat [...]. Im Garten stand eine riesige Statue von Poseidon, dem Gott des Meeres. Ein großartiger Anblick!"
Dresdner Winter Glanz
Immer wieder widmet er sich auch der Literatur, besucht Lesungen, Vorträge und Konzerte, oder fährt mit der Droschke im Großen Garten spazieren: ,,Trotz schneidender Kälte herrschte ein reges Treiben dort." Auch der Gemäldegalerie stattet er einen erneuten Besuch ab. Mehrfach hält er sich auch im Ethnologischen Museum auf. Das heutige Völkerkundemuseum ist im ,,Japanischen Palais" untergebracht. Selbst das Gaswerk in der Lößnitzstraße oder das ebenfalls erhaltene Wasserwerk ,,Saloppe" erregen das Interesse Ôgais.
Die Sächsische Küche genießt Ôgai zum Teil in Lokalen, die auch heute noch bestehen: wie das Waldschlösschen. Dieses war ein beliebter Ort, wo die Soldaten der nahegelegenen Albertstadt, die größte noch erhaltene Militärstadt Deutschlands, die Dresdner Mädchen kennenlernten. Ôgai interessiert sich aber eher für die hübschen und wohlerzogenen Töchter seiner Gastgeber.
Am Nikolaustag besucht Ôgai das Schillerhäuschen in Loschwitz. Beeindruckt notiert er: ,,An der Wand hängt eine Tafel, auf der steht: Hier schrieb Schiller bei seinem Freunde Körner am Don Carlos." Abends ist er zu Gast bei der Familie Lenard: ,,Nach dem Essen traten wir auf die Terrasse hinaus und ließen unsere Blicke über die Elbe schweifen. Im Westen sahen wir Zehntausende kleine Lichter. Das war Dresden." Dieser Blick -zu genießen von mehreren Dresdner Höhenlokalen aus- gehört auch heute zu den eindrucksvollsten Stadterlebnissen.
Weitere Besuchsstationen Ôgais waren die Fabrik ,,Gehe" (das heutige Arzneimittelwerk Dresden AWD) und die Garnisonsstadt mit dem Offizierskasino und der Heeresbäckerei (heute Stadtarchiv und Einkaufszentrum).
Zu Gast beim König
Weihnachten 1885 verbringt Ôgai in Leipzig, Silvester verbringt er schon wieder in Dresden. Am Neujahrstag ist er zum Empfang des Königs im Residenzschloss geladen. ,,Die Zeremonie unterschied sich fast gar nicht von der in Japan. Nur eines war anders: König Albert stand von Anfang an bis zum Schluss aufrecht und nahm so die Ehrerbietungen entgegen, und diejenigen, die die Glückwünsche überbrachten, näherten sich ihm bis auf zwei Schritte". Am 11. Januar ist er wieder bei einem festlichen Empfang und am 13. Januar 1886 nimmt er am Ball am Königlichen Hof teil. Zu seinem Geburtstag erhält Ôgai von seinem Dresdner Freund Dr. W. Roth ein Buch mit der Widmung ,,Japanisch zu lernen / Was fiele wohl schwerer, / Doch danken wir herzlich / Dem freundlichen Lehrer;/ Es mög` ihn erinnern am heimischen Strand / Dies Buch an die Jahre im deutschen Land!"
Ôgai wird nicht nur als Japanischlehrer hochgeschätzt. Er hält auch Vorträge über japanische Wohnhäuser oder japanische Sitten. Am 19. Februar 1886 verläßt er Dresden und reist nach Berlin, von wo aus er noch München und Baden-Baden bereist.
Ch.Münch
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