Pressetexte
02.06.2010
Die Semperoper und ihr Architekt
Gottfried Semper startete in Dresden seine Karriere und hinterließ zwei bedeutende Sehenswürdigkeiten
Kaum ein anderer Architekt ist allein schon mit seinem Namen in Dresden so präsent wie Gottfried Semper. Die Semperoper - eines der berühmtesten Opernhäuser der Welt - und die Sempergalerie, welche in der Gemäldegalerie Alte Meister die Sixtinische Madonna mit den weltberühmten Raffael-Engeln beherbergt, erinnern an den Architekten.
Gottfried Semper wurde am 29. November 1803 in Hamburg geboren und verbrachte seine Jugend im damals dänischen Altona. In Göttingen, München, Regensburg und Paris studierte Semper akademisch, was er bei Reisen durch Südfrankreich, Griechenland und Italien durch eigene Anschauung vertiefte.
Am 30. September 1834 wurde er als Professor für Baukunst an die Dresdner Kunstakademie berufen. Bereits in seiner Antrittsvorlesung machte er eindrücklich deutlich, dass für ihn Architektur nicht einfach die Technik ist, umbaute Räume zu schaffen, sondern Bau-Kunst im besten Sinne. Und so kritisierte er auch den lange Zeit in Dresden wirkenden Altertumsforscher Johann Joachim Winkelmann, dass durch ihn und viele andere Kunsthistoriker durch fehlende Wertschätzung „an der Architectur schreiendes Unrecht geschehen sey".
Semper bringt Farbe in die Antike
Ehrgeizig machte sich Semper daran, seine Auffassung von Architektur in Dresden auch in der Praxis umzusetzen. Als eine seiner ersten Arbeiten gestaltete er die Innenräume der damaligen königlichen Antikensammlung im Japanischen Palais neu. Selbstbewusst forderte er, „daß sich Niemand sonst, selbst nicht der Director der Sammlung, Hofrat Bötti(g)er [...] hineinzumischen hätten". Mit der farbenprächtigen Ausmalung wollte Semper zeigen, dass das Schönheitsideal der Antike keineswegs aus blassem Marmor bestand. Im Gegenteil: je bunter, um so besser. Ein Teil der Räume erstrahlt nach Beseitigung der Kriegsschäden im heutigen Landesmuseum für Vor- und Frühgeschichte in neuem Glanz.
1835 bekam Gottfried Semper den bescheidenen Auftrag, einen Standort für ein Denkmal für König Friedrich August I. zu finden. Was Semper dem König vorlegte, war weit mehr. Sein Plan sah eine Erweiterung des Zwingers mit einem Forum vor, das bis zur Elbe reichen sollte und dem Forum Romanum in dessen Blütezeit kaum nachgestanden hätte.
Wie immer, wenn die öffentlichen Kassen leer sind, musste auch Semper seine Pläne reduzieren. Doch 1838 war Baubeginn für sein neues Opernhaus, das 1869 abbrannte.
Schon bei seiner Antrittsvorlesung 1834 hatte Semper über Theaterbauten philosophiert: „Man hat z.B. viel über die beste Form von Theatern gestritten; und sogar den viereckigen Saal als die zweckmäßigste Grundform derselben vorgeschlagen. Wenn wir indessen in der Natur beobachten, daß auf den Plätzen bei Volksaufläufen die Menschenmasse sich um den Gegenstand der Neugier stets in Kreisen und niemals im Vierecke häuft und ordnet, so werden wir auch ohne das Beispiel der Alten nicht lange über die zu gebende innere Form des Theaters zweifelhaft bleiben".
Elb-Rom statt Elbflorenz
Das Kolosseum in Rom stand Pate für die halbrunde Fassade des Baus, in dem Richard Wagner seine Opern „Rienzi", „Der fliegende Holländer" und „Tannhäuser" uraufführte. Wagner war vom Theaterbau begeistert. Mit Semper verband ihn eine enge Freundschaft.
1838 errichtete Semper auch eine Synagoge für Dresden - sein einziger Sakralbau. Nur 100 Jahre lang schmückte sie das Dresdner Stadtbild, dann wurde sie in der „Reichskristallnacht" von den Nazis zerstört. Im Innenhof des heutigen, modernen Synagogenbaus ist der Grundriss von Sempers Werk nachgezeichnet.
Auch andere Gebäude Sempers aus dieser Zeit wie die Villa Rosa überstanden den Krieg nicht. Anderes blieb erhalten wie das Grabmal für Carl Friedrich von Rumohr auf dem Inneren Neustädter Friedhof (1843), der neugotischen Cholerabrunnen am Taschenbergpalais gegenüber dem Zwinger (1843), die schlichte Familiengruft für Carl Maria von Weber (1844), den Sockel für das Denkmal Friedrich Augusts I. und das Grabmal für die Familie Oppenheim auf dem Trinitatis-Friedhof (1849).
1848 begann Semper mit dem Bau des Galeriegebäudes, das nach endgültiger Ablehnung seiner Forum-Pläne den Zwinger optisch abschließen sollte. Schon hier wurde die psychologische Komponente seiner Architektur deutlich.
Durch einen antiken Triumphbogen erreicht man die Vorhalle, in deren Figurenschmuck die wichtigsten Schulen der Kunst dargestellt sind. Dermaßen vorbereitet, muss der Besucher über eine lange Treppe gleichsam in den Olymp zum Heiligtum der Kunst emporsteigen. Im ersten Raum wird man nun von den Bildern der Sächsischen Herrscher und Stifter der Gemäldesammlung begrüßt. Schließlich geht es über Treppen symbolisch noch über die Alpen, bis man zu den großartigen Meisterwerken der italienischen Malerei gelangt.
Die Revolution vertreibt ihre Kinder
1849 beteiligte sich Gottfried Semper an dem (gescheiterten) Volksaufstand. Wie sein Freund Richard Wagner und viele andere Sympathisanten wurde er aus Sachsen verbannt. Er floh nach Paris und lebte später in London, Zürich und Wien. Dort erhielt er bald den Auftrag für den Bau des neuen Burgtheaters. Beim Kaiserforum an der Ringstraße mit seinen beiden Museen konnte er seine Dresdner Träume in anderer Form umsetzen.
Als das Opernhaus in Dresden 1868 abbrannte, wünschten sich die Dresdner unbedingt wieder Gottfried Semper als Architekten für den Neubau. Immerhin war dieser 1863 rehabilitiert worden. König Johann erteilte dem nun in Wien lebenden Baumeister 1870 den Auftrag. Und Semper entwarf ein Theater, das gewissermaßen zum Prototyp eines Opernhauses wurde, das zahlreiche Architekten des späten 19. Jahrhunderts maßgeblich inspirierte.
Ein Tempel der Kunst wurde es. Der Tempelgiebel des Bühnenhauses, die Statuen von Ariadne und Dionysos auf der Exedra und nicht zuletzt Sempers System von durch Treppen abgegrenzte Raumabfolgen, die bis zum „Heiligtum", der Bühne, führen, geben diesem eindrucksvollen Bau einen fast religiösen Charakter. Und so trägt das Dresdner Opernhaus auch Sempers Namen.
Gottfried Semper, der am 15. Mai 1879 in Rom starb, wurde in Dresden aber auch ein „richtiges" Denkmal gesetzt. Johannes Schilling (1828-1910), der einen Großteil der Skulpturen der neuen Semperoper geschaffen hatte und Dresden mit vielen weiteren Denkmälern bereicherte, setzte 1892 Gottfried Semper ein Denkmal auf der Brühlschen Terrasse. Zwischen Albertinum und Kunsthochschule steht der junge Gottfried Semper mit einem Plan in der Hand, selbstbewusst und stolz über das, was er in Dresden geschaffen hat. Stolz vielleicht auch darüber, dass sich auch heute die Architekten mit ihm messen müssen und man gerade in Dresden von ihnen erwartet, dass sie die Stadt mit Bau-Kunst bereichern.
(Christoph Münch)

Sempergalerie
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Die Cholerasäule zwischen Taschenbergpalais und Zwinger stammt auch von Gottfried Semper.
Foto: Christoph Münch
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Das Semperdenkmal auf der Brühlschen Terrasse in Dresden, geschaffen von Johannes Schilling.
Foto: Sylvio Dittrich
